Nickel, Kohle, Palmöl: Indonesien will die Giganten des globalen Rohstoffhandels ausstechenDer südostasiatische Inselstaat ist ein grosser Player am Rohstoffmarkt. Unter Präsident Prabowo bewegen sich jedoch Wirtschaft wie Demokratie rückwärts. Das bekommen jüngst besonders die internationalen Rohwarenhändler zu spüren.08.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenKein Land fördert mehr Nickel als Indonesien: Die Aufnahme zeigt eine Produktionsanlage auf der indonesischen Insel Sulawesi im Februar 2026.Mast Irham / EPAFür die Industrieproduktion und die Energiewende ist Europa auf Lieferketten angewiesen, die bis nach Südostasien reichen. Indonesien, das grösste Land der Region, dominiert den Weltmarkt für Kohle und Nickel. Nickel wird in allerlei Industriegütern gebraucht, darunter Batterien. Auch diese boomen wegen der fortschreitenden Elektrifizierung von Verkehr und Gewerbe.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Entwicklungen der vergangenen Monate in Jakarta haben rund um die Welt für Aufmerksamkeit gesorgt: Indonesien will in Zukunft den Aussenhandel mit Palmöl, Kohle und Ferrolegierungen, die Nickel enthalten, selbst abwickeln. Die Exporte laufen bis anhin über diverse Händler, die sich um die finanziellen und logistischen Angelegenheiten kümmern. Neu würde stattdessen alles über den Staatsfonds Danantara laufen. Internationale Rohstoffunternehmen, darunter jene aus China sowie die in der Schweiz beheimateten Konzerne Glencore und Trafigura, hätten das Nachsehen.Auch bei Palmöl spielt Indonesien eine Schlüsselrolle: Lastwagen bei einer Palmölfabrik im April 2022.Willy Kurniawan / ReutersIndonesiens Ausfuhren von Ferrolegierungen, Palmöl und Kraftwerkkohle beliefen sich laut Daten von UN Comtrade im vergangenen Jahr auf über 60 Milliarden Dollar.Präsident Prabowo Subianto rechtfertigte die Massnahme als eine Reaktion auf Firmen, die den Wert ihrer Ausfuhren systematisch zu niedrig deklariert hätten. Damit seien dem Staat über die Jahre Steuereinnahmen von mehreren hundert Milliarden Dollar entgangen. Indonesien dürfe nicht länger diese ungerechte Behandlung hinnehmen, verkündete er vor den versammelten Parlamentariern.Manche wittern jedoch eine ganz andere Absicht. Kritiker vermuten hinter der neu geschaffenen Exportbehörde ein Machtmanöver des Präsidenten, der frische Mittel in die Staatskasse zu spülen versucht. Ferner erinnert der Schritt so manchen an die staatlich gelenkte Wirtschaftspolitik der neunziger Jahre unter dem Diktator Suharto.Als Prabowo, ein ehemaliger General, 2024 sein Amt als Staatsoberhaupt übernahm, galt Indonesien als Musterschüler unter den aufstrebenden Ländern Asiens. Die Zürcher Privatbank Vontobel schrieb gar von der «eindrücklichsten Erfolgsgeschichte» der Schwellenländer im 21. Jahrhundert.Wirtschaftsreformen wurden von der Finanzministerin und früheren Weltbank-Geschäftsführerin Sri Mulyani Indrawati unter dem damaligen Präsidenten Joko Widodo vorangetrieben. Damit gelang es der Regierung, den chronischen Steuerbetrug einzudämmen und den Staatshaushalt sowie die Währung zu stabilisieren. Das Wirtschaftswachstum gewann an Dynamik, die Infrastruktur wurde modernisiert. Eine Hochgeschwindigkeitsbahn auf der Hauptinsel Java wurde zum Symbol für den Umschwung.Doch das Land mit seinen 280 Millionen Einwohnern leidet weiterhin unter grosser sozialer Ungleichheit und Korruption. Unter Prabowo hat sich die Wirtschaftslage verschlechtert. Diese Entwicklung trug zu den Unruhen bei, die Jakarta im vergangenen August erschütterten.Wegen seines Programms für kostenlose Schulmittagessen und anderer Fiskaltransfers sind die Staatsausgaben drastisch angestiegen. Indrawati, die der Fiskalpolitik ein gewisses Mass an Glaubwürdigkeit verlieh, trat zwar Prabowos Kabinett als Schatzmeisterin bei, musste ihren Posten jedoch noch vor Ende des ersten Amtsjahres wieder räumen. Im Januar 2026 wurde ein Neffe des Staatsoberhaupts zum Vizepräsidenten der Notenbank ernannt. Im Juni erhielt das Parlament die Befugnis, die Leistung der Zentralbank zu bewerten. Beide Schritte nähren Zweifel an der Unabhängigkeit der Geldpolitik.Knapp drei Jahrzehnte nach dem Sturz Suhartos und dem Übergang zur Demokratie mehren sich auch die Hinweise auf autoritäre Tendenzen in der Politik. Seit Prabowos Amtsantritt vor zwei Jahren hat das Militär eine grössere Rolle in zivilen Angelegenheiten erhalten, unter anderem beim Programm für Mittagessen, das mittlerweile von Skandalen überschattet wird. Der Schritt erinnert an die Zeit unter dem Diktator, als die Streitkräfte eine Doppelrolle innehatten: Sie waren nicht nur für die Landesverteidigung zuständig, sondern nahmen auch politische Funktionen wahr, unter anderem durch garantierte Sitze im Parlament.Was das neue Prozedere für Rohstoffexporte anbelangt, sorgte dessen Ankündigung zunächst für Verunsicherung, weil nur die Eckpunkte bekannt waren. Nachdem zunächst ein Einführungstermin im September genannt worden war, wurde später eine schrittweise Umsetzung bis 2027 angekündigt.Am Freitag kamen dann neue Details ans Licht. In den kommenden Monaten können Händler wie gewohnt die Ausfuhren abwickeln, müssen die Transaktionen aber elektronisch an eine Zweigstelle des Staatsfonds melden. Spätestens ab Januar wird die neu gegründete Einheit PT Danantara Sumberdaya Indonesia (DSI) sämtliche Prozesse übernehmen, von Verträgen und Transport bis zur Zahlungsabwicklung, wie Bloomberg mit Verweis auf die Regierung berichtete. Von der Veränderung für Nickelexporte ist in erster Linie Ferronickel betroffen. Dieses hat einen Nickelgehalt von 20 bis 40 Prozent und wird zur Herstellung von Edelstahl verwendet.Nach Angaben von Danantara sollen die Preise der Waren anhand eines fairen und transparenten Standardverfahrens festgelegt werden. Dabei würden Kriterien wie Qualität, Logistik und Vertragsstruktur berücksichtigt. Ziel ist es, die Ausfuhren reibungslos abwickeln zu können, wie es in einer Mitteilung des Staatsfonds am Freitag hiess.Nickel findet breite Anwendung, von Edelstahl bis hin zu Batterien. Zu sehen ist eine Nickelmine auf Sulawesi im Jahr 2023.Ulet Ifansasti / GettySowohl der Zuger Rohstoffhändler Glencore, der am indonesischen Unternehmen Harita Nickel beteiligt ist, wie auch Trafigura aus Genf lehnten eine Stellungnahme zur Neuerung ab. Ein Sprecher der Regierung in Jakarta liess eine Anfrage der NZZ unbeantwortet.Die grösste Volkswirtschaft Südostasiens hat eine lange Tradition staatlicher Eingriffe in den Rohstoffsektor, die oft steigende Weltmarktpreise zur Folge hatten. 2014 wurde die Ausfuhr von unverarbeitetem Nickel und anderen Bodenschätzen verboten, um die Verarbeitung von Mineralien vor Ort zu fördern und mit der höheren Wertschöpfung den Staatsetat zu stützen. Die Eingriffe wurden in den darauffolgenden Jahren intensiviert.Unter Prabowo wurden Palmölplantagen und Anteile an zwei grossen Nickelminen unter staatliche Kontrolle gestellt, angeblich um gegen widerrechtliche Praktiken im Sektor vorzugehen. Im Dezember verhängte Jakarta dann einen Ausfuhrzoll auf Goldexporte.Der Effekt der jüngsten Reform übertrifft die Wirkung vorheriger Massnahmen. Gemäss der Rating-Agentur S&P könnte die Neuerung Unternehmen und Investoren verunsichern und Kapitalabflüsse begünstigen. Ferner drohe Indonesien eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit, die sich jetzt schon nur knapp über dem spekulativen Bereich befindet.Für Europa ist der Zeitpunkt der indonesischen Ankündigung heikel. Führende Industrieländer wollen ihre Abhängigkeit von China reduzieren. Das rohstoffreiche Indonesien, das drittgrösste demokratische Land der Welt, wäre somit ein wichtiger alternativer Partner. Sowohl die Schweiz als auch die Europäische Union haben mit Jakarta ein Freihandelsabkommen.Das Abkommen zwischen Bern und Jakarta trat Ende 2021 in Kraft. Brüssel schloss die Verhandlungen im September 2025 ab. Da das südostasiatische Land zu den wichtigsten Produzenten kritischer Rohstoffe zählt, wird der Vertrag nach Ansicht der Kommission die europäischen Lieferketten stärken und die EU gegen geopolitische Schocks absichern.Doch die Wirtschaftsflaute, die in den letzten Jahren beide Seiten betraf, schlägt sich in der Statistik nieder. Weder die Exporte nach Indonesien noch die Importe in die Schweiz haben stark zugelegt.Die Reaktion der Finanzmärkte auf Prabowos Politik fällt deutlich negativ aus. Trotz Leitzinserhöhungen notiert die Währung gegenüber dem Dollar auf einem historisch tiefen Niveau. Auch der indonesische Leitindex für Aktien ist eingebrochen. Keine Börse hat dieses Jahr einen grösseren Verlust verzeichnet als jene Jakartas mit einem Minus von fast 40 Prozent.Passend zum Artikel