Indonesiens Präsident verunsichert Investoren – sind die hohen Erwartungen an das Riesenland gerechtfertigt?Die Schweiz hat mit dem Riesenland ein Freihandelsabkommen abgeschlossen. Unter dem letzten Präsidenten galt es als reformfreudiger Zukunftsmarkt. Doch die Hoffnungen bröckeln. Jetzt ist auch noch der Zentralbankchef zurückgetreten.Manfred Rist11.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenAm World Economic Forum 2026 in Davos präsentierte sich der indonesische Präsident Prabowo Subianto als grosser Modernisierer. Doch in seinem Land scheint er Reformen zurückzudrehen und in die autoritäre Klientelwirtschaft zurückzufallen.Denis Balibouse / ReutersAls Prabowo Subianto vor bald zwei Jahren sein Amt als indonesischer Präsident antrat, fehlte es nicht an warnenden Stimmen. Der feiste «Macher» erinnerte mit unreflektierten Sprüchen nicht bloss an Donald Trump, auch seine frühere Karriere als wenig zimperlicher General war nie ein Ruhmesblatt. Dazu kam, dass seine familiären Bande als Schwiegersohn des früheren Diktators Suharto gar grundsätzliche Fragen zur Zukunft des Archipels aufwarfen: Drohte der aufstrebenden Nation, diesem Riesenland mit seinen 287 Millionen Einwohnern, ein Rückfall in autoritäre Zeiten?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Unabhängige Spitzenleute werden aus dem Amt gedrängtMit dem überraschenden Rücktritt des Chefs der Bank Indonesia (BI), der indonesischen Zentralbank, haben solche Befürchtungen erst recht Auftrieb erhalten. Perry Warjiyo, der ab 2018 der BI vorstand, hat Ende Juli aus angeblich «persönlichen Gründen» das Handtuch geworfen. Dass er den Schritt zwei Jahre vor Ablauf seiner Amtszeit ohne vorherige Aussprache mit Prabowo vollzog, deutet auf ein gröberes Zerwürfnis hin.Es geht, so scheint es, um Autonomie und politische Einflussnahme auf eine Kerninstitution: Dem 74-jährigen Staats- und Regierungschef wird seit längerem vorgeworfen, seine von Populismus geprägte Wirtschaftspolitik bis in die Korridore der Zentralbank zu tragen – um dort eine lockerere Geldpolitik und Sukkurs für seine expansivere Ausgabenpolitik anzumahnen. Im indonesischen Kontext ist dies besonders heikel, weil der Schutz vor politischem Druck und die entsprechende Autonomie der BI zu den wichtigen Lehren aus der verheerenden Finanzkrise von 1997/98 gehören.Perry Warjiyo ist kein Einzelfall. Zu den Persönlichkeiten, die in den vergangenen Jahren wesentlich zum Renommee staatlicher Institutionen beigetragen haben, gehört die (frühere) Finanzministerin Sri Mulyani Indrawati. Sie wurde vor Jahresfrist von Prabowo geschasst. Sowohl Mulyani als auch Perry stehen für einen fiskalischen Konservatismus, wie er höchst erfolgreich die zwei Amtszeiten von Prabowos Vorgänger, Präsident Joko Widodo, genannt Jokowi, geprägt hatte.Es erweckt mithin den Anschein, dass Prabowo vollends mit den bewährten und starken Figuren seines Vorgängers aufräumt. Dieser stand ausserhalb des traditionellen militärpolitischen Establishments und wirkte genau deshalb so glaubwürdig und populär. Und Jokowi machte nie ein Hehl aus seinen Vorbehalten gegenüber Prabowo.Angriff auf Unabhängigkeit der ZentralbankBei der Besetzung der BI-Spitze geht es um das Ansehen einer Institution, die seit der desaströsen Asienkrise vor bald dreissig Jahren vor einer Mammutaufgabe steht: Vertrauen in die indonesische Währung und bei internationalen Investoren zu schaffen. Angesichts des beschleunigten Wertverlusts der Rupiah der vergangenen zwölf Monate von 12,5 Prozent gegenüber dem Dollar sowie zähflüssiger Genehmigungsprozesse bei Investoren bleibt der Erhalt des Investorenvertrauens eine echte Herausforderung. So verharrt das Verhältnis von Auslandsinvestitionen (FDI) zum Bruttoinlandprodukt (BIP) mit durchschnittlich 1,6 Prozent in den Jahren 2023 bis 2025 weiterhin weit unterhalb der Kennzahlen vergleichbarer Länder wie Malaysia (3,2 Prozent) und Vietnam (4,2 Prozent). Wachsende Unsicherheiten über den währungs- und wirtschaftspolitischen Kurs haben denn auch bei Moody’s und Fitch bereits zu Rating-Korrekturen geführt.Im Zusammenhang mit Perrys Rücktritt verdient ein Detail besondere Aufmerksamkeit: Mit Thomas Djiwandono sitzt seit kurzem auch ein Neffe von Prabowo als stellvertretender Chef im Direktorium der Zentralbank. Prabowo hatte seinen Zögling im Oktober 2024 zunächst zum stellvertretenden Finanzminister ernannt und ihn dann im Februar 2026 zum stellvertretenden Notenbankchef gemacht. Beide Beförderungen haben sowohl in der Bevölkerung als auch im Parlament für Aufsehen und Befremden gesorgt. Doch Prabowo, der zuvor zweimal vergeblich für das Präsidentenamt kandidiert hatte, geht heute unbeirrt seinen Weg, der zunehmend – ähnlich wie zu Suhartos Zeiten – als zentralistisch, autoritär und bei Bedarf betont nationalistisch empfunden wird.Droht ein Rückfall? Wie muss man diese Entwicklung bewerten, insbesondere aus europäischer Warte? Zwischen Indonesien und der Schweiz ist im Rahmen der Efta seit dem 1. November 2021 das umfassende Freihandelsabkommen (Cepa) in Kraft. Darüber hinaus gilt Indonesien als vielversprechender Markt, als Förderer wichtiger Rohstoffe wie Nickel, Bauxit und Kupfer sowie als alternatives Glied in den globalen Lieferketten.Vielversprechender Markt fällt in alte Muster zurückAn der Einschätzung, dass die grösste Volkswirtschaft Südostasiens ein Zukunftsmarkt bleibt, ändert sich natürlich nichts Grundsätzliches. Fünf Jahre nach dem Inkrafttreten des Freihandelsabkommens mit den Efta-Staaten beziehungsweise am Vorabend eines entsprechenden Vertrags mit der EU darf man aber feststellen, dass altbekannte Herausforderungen erstens bestehen bleiben. Und dass zweitens die Bäume auch in diesem Jahrzehnt nicht in den Himmel wachsen.Im Gegenteil, jedenfalls mit Blick auf die Börse: Während die Aktienmärkte global boomen, hat der Composite-Index in Jakarta seit Jahresbeginn um 26 Prozent verloren. Gewichtige Titel gelten im lokalen Jargon als «deep fried», weil sie enormen Kursschwankungen ausgesetzt sind, was wiederum auf Manipulationen im engen Markt (mit geringem Free Float) zurückgeführt wird. Es ist in diesem Zusammenhang bezeichnend, dass der global führende Daten- und Indexanbieter MSCI derzeit abwägt, ob Indonesien den Status eines «Emerging Market» verliert und auf «Frontier Market» zurückgestuft wird. Es wäre eine ordentliche Blamage für ein Land, das davon träumt, bis 2045 Japan, Deutschland und Brasilien zu überflügeln und die fünftgrösste Wirtschaftsmacht der Welt zu werden.Und die altbekannten Herausforderungen? Es passt ausgesprochen schlecht zu Reformversprechen und «good governance», dass im Juli ausgerechnet jene Spitzenperson, die mit Korruptionsbekämpfung betraut war, wegen dubioser Machenschaften verhaftet wurde. Nachdem aufgrund von Hinweisen bei Febrie Adriansyah Goldbarren im Wert von 26 Millionen Dollar gefunden worden waren, legte der Staatsanwalt sein Amt nieder. Er sitzt nun in Untersuchungshaft. Korruption und Günstlingswirtschaft bleiben Konstanten in Indonesiens Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.Solche Verdächtigungen haben den als aufgeblasen geltenden Regierungsapparat Prabowos erreicht. Dessen populistische Wahlversprechen – etwa, dass Millionen von Schulkindern kostenlos aus der Staatskasse verpflegt werden sollen – haben bereits zu zahlreichen Korruptionsvorwürfen geführt. Das jährlich bis zu 10 Milliarden Dollar verschlingende Ernährungsprogramm lässt zudem den Staatshaushalt aus dem Ruder laufen. Dabei gilt für die Neuverschuldung des Staates eigentlich eine in der Verfassung verankerte Obergrenze von 3 Prozent. Seit Prabowo die Amtsgeschäfte übernommen hat, wächst aber der Druck, diese Ausgabenbremse zu lockern und zu umgehen.Eine goldige Vision mit Luft nach obenAufgrund der engeren vertraglichen Bindungen mit den Efta-Ländern und der EU ist klar, dass diverse Entwicklungen in Jakarta wieder etwas genauer betrachtet werden. Im Gegensatz zu früher, als es um die Festigung der Demokratie und um die nationale Kohäsion ging, stehen heute weniger Zweifel an der politischen Stabilität im Vordergrund; eher geht es um die Frage, ob das Riesenland wirklich zum grossen wirtschaftlichen Sprung nach vorne ansetzen kann. In diesem Zusammenhang spricht man in Jakarta gerne von der «Golden Vision 2045». Als offizielles Ziel gilt ein jährliches BIP-Wachstum von 8 Prozent.Präsident Prabowo scheint alles daranzusetzen, um diese Vorgabe zu erreichen. Doch das dürfte trotz der handelspolitischen Öffnung gegenüber Europa und China illusorisch sein: Indonesiens Drehzahl kam in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren auch während konjunkturell besten Zeiten real nämlich kaum über ein 5-prozentiges Wachstum hinaus. Nach einem Zuwachs von 5,1 Prozent im vergangenen Jahr geht der Internationale Währungsfonds auch für 2026 von einer unveränderten Dynamik aus.Und wie sieht die Bilanz fünf Jahre nach Inkrafttreten des erweiterten Freihandelsabkommens (Cepa) mit der Schweiz aus? Laut Angaben des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) profitieren aus schweizerischer Sicht potenziell alle wichtigen Branchen vom Abkommen. Es erhöht die Rechtssicherheit, verbessert die Zusammenarbeit der Behörden und macht die Wirtschaftsbeziehungen vorhersehbarer.Doch noch zeugen die Handelsbeziehungen nicht von einem grossen Sprung: Im vergangenen Jahr beliefen sich die bilateralen Handelsströme (ohne Gold) praktisch unverändert gegenüber den Vorjahren auf relativ bescheidene 839 Millionen Franken. Das sind 0,6 Prozent des Aussenhandels der Schweiz. Es gibt also noch Luft nach oben. Im Vergleich schlägt das Handelsvolumen der Schweiz mit Vietnam dreimal so stark zu Buche. Und die Konkurrenz in Südostasien schläft nicht: Vietnam wird nämlich demnächst vertraglich mit Indonesien gleichziehen. Ein Freihandelsabkommen wurde vor kurzem fertig verhandelt. Geplant ist, dass Bundesrat Guy Parmelin Ende Oktober zu dessen Unterzeichnung nach Hanoi fliegen wird.Passend zum Artikel
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