Spät im Film bringt es Spider-Man gegenüber einer ähnlich gebrochenen Person auf den Punkt: „Nur weil wir jemanden verloren haben, müssen wir nicht alles allein durchstehen.“ Das hätten die beiden Gesprächspartner schon länger merken können, denn in den zwei Kinostunden zuvor haben sie jeweils ausreichend Trübsal geblasen und dennoch in Gemeinschaft mit anderen allerlei Trubel veranstaltet. Spider-Man etwa in Kooperation mit dem Superheldenkollegen The Punisher, die andere Person dagegen im Bündnis mit Scorpion, einem aus früheren Spider-Man-Abenteuern schon schlecht genug beleumundeten Herrn.Der Titelheld des neuen „Spider-Man“-Films hat jedoch nicht nur „jemanden“ verloren, sondern so ziemlich jeden Haltepunkt. Denn im Vorgängerfilm „No Way Home“ war Tante May, die den kleinen Peter Parker nach dem Tod seiner Eltern aufgezogen und moralisch erst zu dem gemacht hat, was er ist – ein Held eben –, getötet worden; und um seine engsten Freunde (die schöne MJ und den nerdigen Ned) zu schützen, hatte Spider-Man den beiden umfassendes Vergessen beschert. Einige Zeit später setzt nun die Handlung ein: Unser Held ist wieder in New York als Kämpfer gegen Verbrechen und Unglücksfälle unterwegs, aber niemand weiß mehr, wer Peter Parker ist. Es ist, wie der Filmtitel verheißt, für Spider-Man ein „brand new day“, aber in Wahrheit steht in dieser neuen Zeit alles im Banne der alten.Auch, was die Umstände der Filmentstehung betrifft. So oft, wie Tom Holland mittlerweile „Spider-Man“ im Kino gespielt hat – der an diesem Mittwoch anlaufende „Brand New Day“ ist seine achte Verkörperung der Rolle in zehn Jahren, und das bereits zum vierten Mal als Titelfigur –, hat er nur mehr wenig Konkurrenz unter den Superheldendarstellern. Und in seiner Generation gar nicht: Holland ist zwar auch schon dreißig, spielt aber den Teenager Peter Parker immer noch so überzeugend, dass Christopher Nolan dem Charmebolzen die in derselben Altersklasse angesiedelte Rolle des Telemach in seiner „Odyssee“-Verfilmung angedient hat.Eine Besetzungsliste im Doppelspiel mit Christopher Nolans „Odyssee“So sehen wir Holland jetzt parallel in zwei Blockbustern dieses Sommers, die unterschiedlicher kaum sein könnten: moderne Mythenmetaphysik beim Antikenfilm, klassisches Popcorn-Kino beim Superheldenvehikel. Und Hollands Doppelspiel in beiden Besetzungslisten ist nicht einmal ein Einzelfall. Denn da ist auch noch Jon Bernthal, gerade erst als Menelaos in Nolans „Odyssee“ zu sehen. Nun steht er Spider-Man in seiner Parade(fernseh)rolle als Punisher bei.Nicht lange fackeln, es ist eh brenzlig genug: Jon Bernthal als The PunisherJay Maidment/Sony Pictures EntertainmentDiese Figur ist im Superheldenkosmos des Marvel-Verlags der kompromisslos brutale Verfechter von Selbstjustiz, und als solcher debütierte er in den Comics 1974 ausgerechnet als dezidierter Gegenspieler von „Spider-Man“. Dass es derart lange dauerte, diese beiden unterschiedlichen Charaktere auch im Kino aufeinanderprallen zu lassen, ist bemerkenswert. Aber Bernthal spielt seine zynische Figur so überzeugend, dass man damit rechnen darf, das disparate Duo noch häufiger zu sehen; „Brand New Day“ soll ja eh der Auftakt zu einer neuen Trilogie sein.Und dann ist da natürlich Zendaya, das weibliche Äquivalent zu Holland als Ikone in der Schauspielergeneration der Dreißigjährigen. Sie gibt bei Nolan die Göttin Athene und in „Spider-Man: Brand New Day“ auch bereits zum vierten Mal MJ, das love interest des Titelhelden. Ihr dürfte es zu verdanken sein, dass es bei den Drehbuchverfassern eine signifikante Veränderung gegeben hat: Zwar setzen Chris McKenna und Erik Sommer jenen weiten Erzählungsbogen fort, den sie vor zehn Jahren mit „Spider-Man: Homecoming“ begonnen und dann in den beiden Fortsetzungen ausgebaut haben; aber dieses Gespann wurde diesmal (offiziell allerdings unausgewiesen) um Justin Kuritzkes erweitert, dessen Autorbiographie zuvor gerade einmal zwei Filmdrehbücher umfasste, aber darunter das für „Challengers“, den immens erfolgreichen Spielfilm von 2024 um eine Tennisspielerin, die von Zendaya verkörpert wurde. Sie hat sich offenbar ihren Leibschreiber garantieren lassen, auch wenn Holland gentlemenlike mitteilen ließ, Kuritzkes sei seine Wahl gewesen.Mehr als Kampf zählt hier das Seelenweh der FigurenWie dem auch sei; es zeigt, dass in „Spider-Man“ ein klassisches Prinzip des Hollywood-Kinos noch funktioniert: Alles dreht sich um die Stardarsteller – anders als bei Nolan, der als Regisseur längst die größte Attraktion seiner Filme ist, während sein Kollege Jon Watts, verantwortlich für die vorangegangenen drei „Spider-Man“-Filme mit Holland und Zendaya, diesmal ersetzt wurde: Der neue Regisseur Destin Daniel Cretton hat sich vor fünf Jahren mit einem Nebenwerk im Marvel-Superhelden-Verfilmungsreigen bewährt, „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“, in dem Martial-arts-Szenen schöne Schauwerte boten. Das setzt er in „Brand New Day“ im großen Finale fort – das ist also nicht gerade brandneu.Sie gehören zusammen: Zendaya als MJ und Tom Holland als Spider-ManJay Maidment/Sony Pictures EntertainmentWobei dieses große Finale im Vergleich mit vergangenen Marvel-Verfilmungen mit relativ bescheidenen Mitteln agiert. Das ist wohltuend, denn stattdessen steht die waidwunde Psychologie der Akteure im Mittelpunkt. Der immer schon schüchterne Peter Parker wird als linkischer Stalker seiner Ex sogar zum besseren Komiklieferanten als der von Fans geliebte (weil auch er ein Fan ist) Ned, den Jacob Batalon auch schon zum vierten Mal spielt. Für eher schwarzen Humor sorgen dagegen die neuen Figuren: neben dem Punisher auch die von Florence Pugh gespielte Black Widow, die Spider-Man zu einem tête-à-tête in der Banja empfängt, bei dem der Held noch etwas mehr anbehält als seine Maske. Er ist ja auch immer noch schwer verliebt in MJ, und selbstverständlich ist deren Erinnerungsauffrischung und Rückgewinnung das zentrale Movens des Films.Wobei noch eine von der erfolgreichen Fernsehschauspielerin Sadie Sink dargestellte Figur ins „Spider-Man“-Spiel kommt, die Marvel-Kenner aus anderem Superheldenkontext kennen. Hier wird sie indes wie neu eingeführt, und auch mit ihr darf man in der Zukunft rechnen. Während die staatstragende Institution „Damage Control“ wohl nicht umsonst dieselben Initialen aufzuweisen hat wie der große Marvel-Verlagskonkurrent DC. Im anspielungsüberreichen Kosmos der Superheldenverfilmungen ist jedes Detail wohlüberlegt.Wie sich die Personenkonstellationen fügen, zu denen auch noch The Hulk (traditionell verkörpert von Mark Ruffalo) zählt, das ist marveltypisch absehbar: Superpack schlägt sich, Superpack verträgt sich. Diesmal, wie gesagt, mehr Letzteres als Ersteres. Sehr gut schlagen wird sich „Spider Man: Brand New Day“ woanders: an der Kasse. Je altvertrauter das Heldenleben, desto populärer.
Der neue Spiderman-Film "Brand New Day"
Bescheidener in den Mitteln, dafür immer noch mit Staraufgebot: Der neue „Spider-Man“-Film „Brand New Day“ stellt die Psychologie seiner Helden in den Mittelpunkt. Die haben schließlich schon einiges durchgemacht.












