Netz ohne Halt: Was der neue «Spider-Man» über die Einsamkeit unserer Gegenwart erzählt«Spider-Man: Brand New Day» ist ein Actionfilm mit erstaunlichem psychologischem Gespür. Was jüngere Generationen belastet: Hier wird daraus ein ergreifendes DramaDaniel Haas30.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSpider-Man (Tom Holland) muss in seinem neuen Abenteuer mehr stemmen als schwere Gegenstände.Sony PicturesIst das ein Film über den Superhelden Spider-Man? Ja, aber nur in zweiter Linie. Es geht um grössere, allgemein anschlussfähige Themen. Dieser Blockbuster (Regie: Destin Daniel Cretton) nutzt den Spinnenmann als Projektionsfigur, als Emblem für Themen, die viele angehen: Grossstadt. Einsamkeit. Trauma. Männlichkeit und Freundschaft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Spider-Man ist im bürgerlichen Leben ein netter junger Mann namens Peter Parker. Um die Welt zu retten, muss er anonym bleiben. Was schwerer wiegt: MJ (Zendaya), seine grosse Liebe, und Ned (Jacob Batalon), sein bester Freund, kannten seine wahre Identität, das Gesicht unter der Maske.Weil es sie in Gefahr brächte, zu wissen, wer Peter wirklich ist und was er kann, mussten sie ihn vergessen. Wie das passierte, erklärt der Vorgängerfilm. Peter begegnet seinen Freunden in New York, mogelt sich sogar auf eine Party von MJ. Sie erkennt ihn nicht wieder, hat einen neuen Freund. Die Liebesgeschichte von Peter und MJ ist ausgelöscht, besteht nur noch als schmerzliche und einsame Erinnerung in den Gedanken des Helden fort.MJ (Zendaya), die grosse Liebe von Peter Parker / Spider-Man, kann sich an ihre gemeinsame Zeit nicht mehr erinnern.Sony PicturesAllroundvernetzter HeldDer Film beginnt mit einer rasanten Actionszene – ein Terrorist wird befreit, ein Geheimdienst hat ein paar Geheimnisse zu viel –, aber sein zentrales Sujet etabliert «Spider-Man: Brand New Day» erst in dieser Szene. Peter ist allein, isoliert, das Liebste scheint zum Greifen nah und ist doch unerreichbar. Für den buchstäblich allroundvernetzten Helden sind die wichtigsten Verbindungen gekappt – das macht ihn zur Symbolfigur einer Generation von Twentysomethings, die sich im Netz connecten und doch das ersehnte Glück des Zugehörigseins vermissen.Von Trauer zermürbt, stürzt sich Peter nach der Party in die Tiefe: eine Suizidszene, schockierend und ergreifend. Und auch wenn er in letzter Sekunde sein berüchtigtes Spinnennetz in den Raum schiesst, um sich wieder aufzuschwingen, bleibt dieser Moment haften: das Gesicht des Darstellers Tom Holland in Grossaufnahme, wie es im freien Fall auf den Betrachter zurast – das furiose Kinobild für einen pandemisch gewordenen Einsamkeitsschmerz.Spider-Man tritt gegen einen Terroristen an, der ins Bewusstsein jedes beliebigen Menschen hüpfen kann. Klar ist das eine Allegorie für Big Tech, die Allgegenwart digitaler Strukturen. So einen Feind kann man nicht allein besiegen, deshalb kommt Frank, alias der Punisher, ins Spiel. Jon Bernthal stellt ihn als ebenfalls einsamen, von Verlustschmerz und Wut gequälten Macho dar, gepanzert mit derbem Humor und einem Waffenarsenal, das selbst Navy Seals beeindrucken würde.Frank/Punisher ist nicht der Gegenpart zu Peter/Spider-Man, sondern eine in die Zukunft projizierte Version von dessen Einsamsein. Wie Frank könnte auch Peter enden, verschanzt in einem hoch munitionierten Prepper-Verlies, voller Hass auf die eigene, gescheiterte Biografie. Aber Frank kann gerettet werden vor sich selbst, dem Groll und der Einsamkeit. Wie diese beiden Männer dann New York beschützen und sich selbst erlösen, das ist eine tolle Freundschaftsgeschichte mit den Mitteln des Blockbuster-Kinos.Trauma als massive ÜberlastungGegenwärtig wird der Traumabegriff populärpsychologisch bewirtschaftet, als sei’s der heilige Gral der Seelenentschlüsselung. Inzwischen ist alles traumatisch: ein fieser Chef, eine toxische Beziehung, der Wasserrohrbruch beim Nachbarn. Im neuen «Spider-Man» geht es um Trauma, verstanden als massive, strategisch gewaltsame Überlastung eines heranwachsenden Menschen.Aus Spoiler-Gründen genügt es, zu sagen, dass die Schurkin, eine junge Frau Anfang zwanzig, eine Rechnung offen hat mit dem System. Das System, verstanden als Zusammenschluss von Big Tech, korrupter Forschung und politischer Paranoia. Die junge Frau, die von diesem Machtkonglomerat misshandelt wurde, will es wissen: die oder ich. Wie bei Peter und Frank ist ihr Handeln geprägt von Einsamkeit und dem Drang, sie abzuschütteln. Oder eben die verwaltete Welt niederzubrennen, damit nichts mehr da ist, was sie an ihre Ohnmacht erinnern könnte.Sadie Sink spielt diese Frau mit der Intensität einer Tragödin, und die Kamera von Brett Pawlak nutzt ihr suggestives Spiel mit vielen Grossaufnahmen. Überhaupt ist die Bildregie von «Spider-Man: Brand New Day» perfekt auf die Themen des Films abgestimmt: Die Intimität der menschlichen Physiognomie und die Anonymität der Strassenschluchten von New York bilden die ästhetischen Pole, zwischen denen wir, das Publikum, in einen Taumel des Schauens, der Verblüffung und des Erkennens geraten.Spider-Man sucht als einsamer, zerrissener Held eine neue Bestimmung.Sony PicturesDer Abgrund der EinsamkeitDer Schauplatz New York ist hier eine traumatisierte Stadt. Man ist verleitet, die zahllosen Filme, in denen die Stadt nach 9/11 erneut von Terroristen attackiert wurde, als therapeutische Massnahme zu sehen. Wenn man die erlittene Gewalt in selbst gewählte Bilder bannt, wird sie dann weniger schlimm? Besser, man überlässt die Stadtsoziologie den New Yorkern selbst. Aber, dass in diesem Film-New-York wieder Hochhäuser zerbersten und Menschen schreiend durch die Strassen von Manhattan rennen, das bespielt das Trauma der Stadt und rückerstattet zugleich Souveränität.Denn diesmal sind Spider-Man und Frank vor Ort, um das Schlimmste zu verhindern. Am Schluss des Films steht ein friedliches Potpourri aus New Yorker Strassenszenen. Die vielleicht berühmteste Stadt der USA, was popkulturelle Szenarien und Geschichten angeht, erscheint hier intakt. Als buntes, modernes Zuhause aller Völker, Milieus und Generationen.So schliesst sich der Kreis zum zentralen Problem der Helden, der Einsamkeit. Die Grossstadt kann ein Ort sein, an dem man in einen Abgrund des Einsamseins stürzt. Sie ist aber auch die Sphäre der Verbindung und Zugehörigkeit. Eine Utopie? Vielleicht. Aber im Kino wird sie Wirklichkeit. Das ist tröstlich – für Spider-Man und für uns.Spider-Man: Brand New Day: Im Kino.
Was der neue «Spider-Man» über die Einsamkeit unserer Zeit erzählt
«Spider-Man: Brand New Day» ist ein Actionfilm mit erstaunlichem psychologischem Gespür. Was jüngere Generationen belastet: Hier wird daraus ein ergreifendes Drama










