Der Dienstagmorgen begann in Rom mit dem Auftritt eines Mannes, der sich eigentlich keine Scherze mehr erlauben kann. Giovanni Malagò, der Präsident des italienischen Fußballverbandes FIGC, hat sich immerhin von dem Gedanken verabschiedet, die Zukunft des calcio italiano per Telefon von seinem Freizeitwohnsitz am Urlaubsort Sabaudia aus entscheiden zu können. Stattdessen: eine weitere Sitzung des nationalen Fußballrats in Rom, und diesmal sollten wirklich Entscheidungen getroffen werden. Der 67-Jährige erschien im hellen Anzug, das Sakko über die Schulter gehängt. Okay, doch noch ein Scherz: „Außer euch einen Caffè anzubieten, kann ich nichts machen“, sagte Malagò zu den wartenden Journalisten.Zu den großen Stärken des Präsidenten gehört es, Menschen in Gesprächen auf seine Seite zu ziehen, mit charmanten Sprüchen genauso wie mit großen Versprechen. Jahrelang übte er sich darin als Vorsitzender des Nationalen Olympischen Komitees und der Stiftung, die die Winterspiele in Mailand und Cortina im Frühjahr organisiert hatte. Jobs voller Krisen waren auch das, die Malagò stets süffisant moderierte und die immerhin in nationalen Triumphen endeten. Die olympischen Sportarten sind längst das Aushängeschild des italienischen Sports. Allerdings seien sie „in ihrer Komplexität“ mit dem Fußball nicht vergleichbar, schrieb die Gazzetta dello Sport. Eine grundsätzlich strittige These, auch wenn sie nach dem Calcio-Chaos der vergangenen Tage kaum von der Hand zu weisen ist.MeinungItalienische Nationalmannschaft:Der italienische Fußball ersäuft in seiner BlasiertheitEin kurzer protokollarischer Rückblick, um Ordnung in die Sache zu bringen: Erst vor etwas mehr als einem Monat, am 22. Juni, übernahm Malagò das Amt des Fußballverbandspräsidenten. Nach der dritten verpassten WM in Serie kümmerte er sich zuerst um die Einstellung sportlicher Führungskompetenz. Paolo Maldini und dessen Berater Leonardo überzeugte er mit dem Argument, dass die sportlichen Kompetenzen künftig in ihren Händen lägen. Der ehemalige Innenverteidiger Maldini übernahm den Posten des Technischen Direktors und begann seine Suche nach einem neuen Nationaltrainer auf der Spitze des Bergs. Die Höhenluft führte ihn nach Barcelona, weil die Italiener tatsächlich glaubten, Pep Guardiola sei bereit, als eine Art Messias nach Rom zu kommen. Guardiola jedoch verwies auf sein gewünschtes Jahressalär (Gerüchten zufolge 20 Millionen Euro) und auf seine gerade erst wiedergewonnene Freiheit nach dem Abschied von Manchester City.Bei Instagram fand sich am Wochenende ein Foto von Guardiola mit Freunden auf einer Liege an einem Pool. Vorsichtig formuliert: Er wirkte mit seiner Entscheidung im Reinen. Während in Italien die Suche weiterging – und zum Favoriten von Maldini führte.Giorgio Chiellini gilt als Kandidat für Maldinis Posten, er will aber lieber bei Juventus bleibenAndrea Pirlo galt seit Freitagmorgen, als die offizielle Absage Guardiolas eingetroffen war, als Topkandidat auf den Posten. Dass der einst geniale Mittelfeldregisseur als Trainer bei Juventus Turin, in Genua, in der Türkei und zuletzt in Dubais zweiter Liga angestellt respektive gescheitert war? War allen anderen wichtig, aber Maldini egal. Er sah in Pirlo einen modernen Fußballlehrer. Er übersah allerdings die politische Debatte, die Pirlo mit sich herumträgt wie seinen Bart. Denn der 47-Jährige wirbt als Testimonial für einen russischen Wettanbieter, reiste in dieser Rolle mehrmals nach Moskau. Und sein Engagement bei Dubai United, das von einem russischen Investor finanziert wird, trug auch nicht gerade zum Eindruck bei, er sei ein unabhängiger, würdevoller Kandidat für Italien.Es folgte eine bemerkenswert scharfe Medienkampagne, hinter der gewiss nicht der reine Zufall steckte. Und an deren Ende Pirlo öffentlich den Rücktritt von seiner Kandidatur verkündete. „Verbittert“ sei er, richtete er am Wochenende aus. Und betonte: „Meine Kooperationen haben nichts mit Politik zu tun.“Übernimmt der früheren Nationaltrainer Roberto Mancini wieder Italiens Fußballer? Er ist der Kandidat mit der größten Nähe zum Präsidenten. Augusto Casasoli/ReutersMit dem Nationaltrainerposten hatte er damit ebenfalls nichts mehr zu tun, die Suche wurde nun endgültig zur Chefsache. Und genau da lag das Problem. „Pirlo war eine unglückliche Wahl, aber ich bin der Präsident – an dieser Stelle übernehme ich die Verantwortung und treffe die Entscheidung“, soll Malagò laut La Repubblica am Montag bei einem Treffen mit Maldini gesagt haben. Was nicht so klang wie die Rollenverteilung, auf die sich der stolze Mailänder eingelassen hatte. Die drastische Folge: Maldini verkündete seinen Rücktritt, nach gerade mal 16 Tagen im Amt. Er steht jetzt genauso beschädigt da wie der gesamte Fußballverband.Am Dienstagmorgen hatte die FIGC noch keinen neuen sportlichen Verantwortlichen und keinen Trainer vorzuweisen. Langsam geht es auch nicht mehr um irgendeine Revolution, sondern darum, die kommenden Nations-League-Spiele im September geordnet vorzubereiten. Die Medien kommentieren zunehmend giftig, die Fans haben sich längst abgewandt und beschäftigen sich lieber mit ihrem favorisierten Verein als mit der Nationalmannschaft. Und das gilt offenbar auch für andere.Der Verband könne nicht Pirlo mit Verweis auf die Politik absagen und dann Mancini den Job geben, findet die „Gazzetta“Etwas später als Malagò betrat am Dienstag nämlich Giorgio Chiellini den Amtssitz des Verbandes, in seiner Funktion als Vertreter von Juventus Turin. Der 41-Jährige ist zugleich der nächste ehemalige Innenverteidiger, der für das Amt des Verbandssportchefs gehandelt wird. Allerdings bot Chiellini den wartenden Reportern keine Heißgetränke, sondern beachtliche Sätze an: „Ich will klarstellen, dass ich mit meiner Rolle bei Juventus zufrieden bin und Carnevali auch weiterhin unterstützen möchte – jetzt und in Zukunft.“ Carnevali war nicht als Anmerkung zum Karnevalsverein FIGC zu verstehen: Chiellini sprach von Giovanni Carnevali, dem Juve-Sportchef, an dessen Seite er offenbar bleiben will. Stattdessen gilt nun der 74 Jahre alte Trainerroutinier Claudio Ranieri (zuletzt AS Rom) als Anwärter fürs Amt des Technischen Direktors.In Italiens Calcio dreht sich also weiter ein absurdes Karussell, wie schon seit Wochen: Manche sind aufgestiegen, andere wieder abgestiegen, andere auf- und abgestiegen. Wer am Ende übrig bleibt, wenn das Karussell endlich stehen bleibt, entscheidet der Präsident Malagò, zur Not auch gegen den Willen des Landes und der Liga.Als am Dienstag längst das Mittagessen serviert wurde, sickerte die neueste Nachricht aus der Verbandssitzung durch: Malagò spreche mit dem früheren Nationaltrainer Roberto Mancini und „erwartet dessen Unterschrift“, meldeten Medien. Nicht Antonio Conte also, sondern Mancini soll zurückkommen, der Kandidat mit der größten Nähe zum Präsidenten und der womöglich größten Distanz zum Publikum. Denn viele Italiener erheben gegen Mancini, den Europameistercoach von 2021, wegen seines skandalösen Abschieds nach Saudi-Arabien im Jahr 2023 noch immer den Vorwurf des Landesverrats.Incomprensibile – „unverständlich“ – wäre diese Wahl, hatte die Gazzetta in den Morgenstunden schon mal vorsorglich kommentiert: Der Verband könne nicht Pirlo mit Verweis auf die Politik absagen und dann Mancini den Job geben! Aber incomprensibile ist nicht mehr inimmaginabile. Unvorstellbar ist Mancinis Rückkehr nicht.
Italienische Fußball-Nationalmannschaft: Eine wilde Karussellfahrt mit vielen Verlierern
Nach Pep Guardiolas Absage und einer Kampagne gegen den Kandidaten Andrea Pirlo herrscht in Italiens Calcio Chaos.















