Respekt, ja Bewunderung, schwang mit, wenn die CDU als „Kanzlerpartei“ tituliert wurde. Zuweilen schimmerte Spott durch, dann war vom „Kanzlerwahlverein“ die Rede. Treffend war beides. Seit 1949 stellt die CDU in gut 53 von 77 Jahren den Bundeskanzler. Und tut es heute noch.Ein Erfolgsrezept der CDU in dieser langen, für Deutschland prägenden Zeit war ihre Geschmeidigkeit, ihr Pragmatismus. „Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt’s nicht“, riet Gründungskanzler Konrad Adenauer seinen Leuten. Das machte die CDU zu einer pragmatischen Regierungs-, ja Staatspartei. Programmatik stand dagegen oft genug hinten an.Auf der politischen Linken, bei den Sozialdemokraten, war der Vorwurf zu hören, die CDU agiere nicht etwa nur pragmatisch, sondern opportunistisch – allein um der Macht, um des Kanzleramtes willen. Das war nicht ganz falsch und macht ihren genetischen Unterschied zur SPD aus, die sich bis heute als Programmpartei versteht. Auch deshalb ging die SPD, anders als die CDU, schonungslos mit ihren führenden Köpfen um. Ihre Kanzler regierten maximal jeweils sieben Jahre lang (Helmut Schmidt und Gerhard Schröder). Adenauer brachte es hingegen auf 14 Jahre, Helmut Kohl und Angela Merkel auf jeweils 16 Jahre.Merkel war es, die das Konzept der Kanzlerpartei auf die Spitze trieb. Sie kappte die bescheidenen programmatischen Ansprüche ihrer Partei. Die Abschaffung der Wehrpflicht und den Ausstieg aus der Atomkraft nahm die Partei grummelnd hin. Von der SPD ließ sie sich Steuererhöhungen, Mindestlohn und Bundeswehr-Schrumpfkurs aufdrücken. Die CDU zuckte traurig mit den Schultern und ließ es geschehen. Nur einzelne Stimmen beklagten, so verscherbele man das eigene „Tafelsilber“. Nichts aber ist so mächtig wie die Macht. Solange Merkel Erfolg hatte, also Macht erhielt, wurde die programmatische Entkernung geduldet. Merkel gewann sage und schreibe vier Bundestagswahlen. Merz weckte überhohe Erwartungen Friedrich Merz wollte die Partei wieder mit sich selbst versöhnen, etwa Merkels Migrationspolitik und das verhasste Bürgergeld abwickeln. Von „CDU pur“ war die Rede. Sein treuer Knappe, Generalsekretär Carsten Linnemann, versprach: „Einfach mal machen.“ Kurz vor der Wahl 2025 tönte Merz: „Links ist vorbei. Es gibt keine linke Mehrheit und keine linke Politik mehr in Deutschland.“ Viel höhere Erwartungen konnten Merz und Linnemann kaum wecken. Es folgten ein schlechtes CDU-Wahlergebnis und eine Koalition mit der SPD. Die Folge: Ein enormer Unmut in der CDU über Merz, Rekordverschuldung, Rentenpolitik, zahlreiche Zugeständnisse an die SPD.Linnemann war am Montag im CDU-Bundesvorstand nun der einzige prominente Kopf, der den Kanzler gegen Kritiker verteidigte – pikanterweise als Teil der verstolperten Kabinettsumbildung. In jenen Gremien verabschiedete sich die CDU endgültig von ihrem Selbstverständnis als Kanzlerpartei.Das Ausmaß der Kritik an Merz und die Zahl seiner Kritiker in den CDU-Spitzengremien könnten den Montag zu einer Art Kipppunkt gemacht haben.Daniel Friedrich SturmDas Ausmaß der Kritik an Merz und die Zahl seiner Kritiker in den CDU-Spitzengremien könnten den Montag zu einer Art Kipppunkt gemacht haben. Teilnehmer wiesen darauf hin, dass die Kritik aus allen Teilen der CDU kam: aus Nord, Ost, West. Aus dem wirtschaftsliberalen Flügel, vom Sozialflügel. Von Älteren und Jüngeren. Und nicht etwa von den üblichen „Verdächtigen“, sondern von CDU-Politikern, die sich selten oder nie intern zu Wort melden, schon gar nicht mit Vorwürfen an den Kanzler. Merz hat es sich mit der ganzen Breite der CDU verscherzt. Die mächtigen Köpfe in der CDU schwiegen.Dabei ist der Abschied der CDU von ihrer Rolle als Kanzlerpartei schon ein längerer, schleichender Prozess. Er war bereits zu erkennen, als zahlreiche jüngere Unionsabgeordnete Ende 2025 gegen die schwarz-rote Rentenpolitik protestierten. In einer fraktionsinternen Probe-Abstimmung über die Rentenreform stimmten rund 15 Abgeordnete mit Nein. Die „Kanzlermehrheit“ von Schwarz-Eot liegt bei zwölf Stimmen. Am Ende passierte die Rentenreform mit „Kanzlermehrheit“ das Parlament. Aber schon das war eine Machtprobe mit dem Kanzler. Wie will Merz die CDU mit sich selbst versöhnen 172 der 208 Unionsabgeordneten sind direkt gewählt, das macht sie selbstbewusst. Der Wunsch nach „Profil“ wird größer und größer. „Universell kritisch“ seien die Führungsgremien Merz am Montag begegnet, hieß es aus Teilnehmerkreisen. „Ernst“ sei die Lage für den Kanzler. Selbst öffentlich rüffeln CDU-Politiker nun den Kanzler. Es fehlt einem die Fantasie, wie Merz die CDU mit sich selbst wieder versöhnen könnte.Merz ist der unbeliebteste Kanzler aller Zeiten. Die Umfragewerte sind miserabel. Im September drohen der CDU Wahlniederlagen und Machtverlust.Das Konzept der Kanzlerpartei – wir halten dem Kanzler den Rücken frei, solange er gute Wahlergebnisse bringt – kommt gerade an sein Ende. Manchmal schwinden Loyalitäten verblüffend schnell.