Wer sich in der Unionsfraktion und der CDU umhört, wundert sich bisweilen, wie offen gesprochen wird. Es kann passieren, dass einer bei einer kurzen Zufallsbegegnung wissen lässt, dass er den Bundeskanzler für schwach hält. Ein anderer weist freundlich lächelnd darauf hin, dass man nie genau wisse, wann Friedrich Merz mal wieder den Kurs ändere. In beiden Fällen waren es keine Personen aus dem Lager der Merz-Skeptiker.So etwas ist nicht die Ankündigung einer Revolte, kein geheimer Umsturzplan, der einem Journalisten gesteckt wird. Vielmehr ist es Ausdruck einer deutlich zu spürenden Verunsicherung. Der Glaube an die Kraft der Bundesregierung und ihres Anführers scheint auch in den eigenen Reihen so gelitten zu haben, dass das Schwinden der Zuversicht nicht mehr mit aller Kraft verborgen wird.Spricht man Bundestagsabgeordnete und andere Christdemokraten auf die Möglichkeit eines vorzeitigen Endes der schwarz-roten Koalition an, schütteln sie nicht reflexhaft den Kopf. Sie antworten.Die Motivationsrakete hat nicht gezündetSo ein Gespräch kann etwa so verlaufen: Auf die Frage, wie lange die Koalition noch halte, wird erst mal geantwortet, dass sie bis zum Schluss, also dem regulären Ende der Legislaturperiode, bestehen bleibe. Auf die nächste Frage, nach dem schlimmsten denkbaren Verlauf, wird auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September gedeutet. Mittlerweile ist in der CDU statt einem sorgenvollen Abwägen, dass es knapp für eine Konstellation ohne AfD werden könne, auch die Gewissheit zu vernehmen, dass die AfD in Magdeburg die absolute Mehrheit bekommen werde. Als wahrscheinlich gilt zudem, dass die SPD an der Fünfprozenthürde scheitert.Dass die CDU im März in Baden-Württemberg zwar knapp den Sieg verfehlt, aber mehr als fünfeinhalb Punkte dazugewonnen und in Rheinland-Pfalz der SPD gar das Amt des Ministerpräsidenten entrissen hat, scheint, anders als vor allem von Bundeskanzler Friedrich Merz erhofft, als Motivationsrakete nicht gezündet zu haben.Vor gut neun Jahren war das anders. Damals hatte die CDU im Saarland zum Jahresbeginn einen Wahlsieg eingefahren (5,5 Prozentpunkte Zuwachs) und den sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten Martin Schulz nachhaltig ausgebremst. Die Begeisterung darüber hielt in der Partei das gesamte Bundestagswahljahr an.Von solchen Effekten fehlt heute jede Spur. Damit nicht genug. Man befürchtet in der Union eine Reaktion der Wähler zwei Wochen nach der Abstimmung in Sachsen-Anhalt am 6. September. Dann wählen die Berliner am 20. September ein neues Abgeordnetenhaus. Ein rechter Sieg in Magdeburg könne, so die Sorge, mit noch mehr Stimmen für die Linkspartei in Berlin beantwortet werden. Die Umfragen lassen es als gut möglich erscheinen, dass eine Regierung unter Führung der Linken und ihrer Spitzenkandidatin Elif Eralp gebildet wird. Sollte am selben Tag auch noch die SPD das Amt des Ministerpräsidenten in Mecklenburg-Vorpommern durch die Wahl verlieren, dann, so sagt ein Unionsmann voraus, würde das die beiden SPD-Bundesvorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil ihre Ämter kosten.Von Stetten: Bin zu hundert Prozent ein Merz-MannKann man sich die Wahlausgänge noch gut so vorstellen wie beschrieben, ist offen, ob anschließend Klingbeil und Bas die Verantwortung übernähmen und zurückträten – freiwillig oder unter Druck. Und selbst wenn sie ihre Ämter niederlegten, wäre ungewiss, was das für die Koalition bedeuten würde. Nur den Austausch der SPD-Parteivorsitzenden und Minister? Oder würde der ohnehin regierungsskeptische Teil der Partei diese aus der Koalition treiben? Mit einem Sonderparteitag wäre so etwas möglich.Ein einflussreicher Christdemokrat, der nicht genannt werden will und der kein Bundestagsabgeordneter ist, fragt, ob nicht auch „veritable Teile“ der Union die Koalition „hintertreiben“ wollten. Manche zögen seiner Meinung nach eine Minderheitsregierung vor.Offen über ein vorzeitiges Ende gesprochen hat kürzlich der Vorsitzende des Parlamentskreises Mittelstand in der Unionsfraktion, der baden-württembergische CDU-Abgeordneten Christian von Stetten. Bei einem Auftritt in seinem Wahlkreis zeigte er sich überzeugt, dass die Koalition nicht die vorgesehenen vier Jahre halten werde. Mehr will er heute dazu nicht sagen. Nur noch so viel: „Ich bin zu hundert Prozent ein Friedrich-Merz-Mann.“Würde Merz eine Minderheitsregierung wagen?Merz hat zwar in Reaktion auf solche Mutmaßungen einerseits eingestanden, dass es keine Garantie für den Fortbestand seines Bündnisses gebe. Allerdings hat er Anfang Mai beim CDU-Wirtschaftsrat gesagt, dass für ihn eine Minderheitsregierung „keine Option“ sei, er sie „nicht eingehen“ und „nicht auslösen“ werde.Dass Merz die SPD-Minister rausschmeißt, darf als unwahrscheinlich gelten. Nicht so unwahrscheinlich ist jedoch, dass er es angesichts des Fehlens einer anderen Mehrheit (außer mit der AfD oder mit Grünen und Linken zusammen) mit einer Minderheitsregierung zumindest mal ausprobieren würde. Sonst wäre er der Kanzler mit der mit Abstand kürzesten Amtszeit. Eine Aussicht, die ihn kaum reizen dürfte.Käme es zu einem solchen Regieren mit wechselnden Mehrheiten, wären gelegentliche Beschlüsse mithilfe von AfD-Stimmen wohl nicht zu vermeiden. Es lässt sich leicht ausmalen, was das für die Stimmung in der CDU und CSU bedeuten würde. Als der Kanzlerkandidat Merz Ende Januar 2025 einen Unions-Antrag zur Migrationspolitik nur mit AfD-Stimmen durch den Bundestag bekommen hatte, sorgte das für langanhaltende Erschütterungen in der Union.Droht eine Austrittswelle?Wenngleich eine solche Situation nicht unmittelbar vor der Tür steht, wird in der CDU schon über sie gesprochen. Öffentlich und hinter vorgehaltener Hand. Karl-Josef Laumann, stellvertretender CDU-Bundesvorsitzender und bekannter nordrhein-westfälischer Christdemokrat, sagte kürzlich der „Zeit“, jegliche Zusammenarbeit mit der AfD wäre das Ende der CDU. Viele Mitglieder würden dann die Partei verlassen, er auch. Entsprechend äußerten sich der ebenfalls zur CDU gehörende nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul und der Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), Dennis Radtke.Andere, die nicht namentlich zitiert werden wollen, vermuten ebenfalls eine große Austrittswelle aus der CDU als Folge einer solchen Entwicklung. Einer sagt, die frühere Vorsitzende und Kanzlerin Angela Merkel würde die Partei verlassen – und 100.000 Mitglieder mit ihr.Unterschiedliche Meinungen gibt es, was die Reaktion in der Unionsfraktion angeht. Während einer sagt, diese werde zusammenbleiben, vermutet ein anderer, dass zahlreiche Abgeordnete die CDU/CSU-Fraktion verließen. Für Merz würde es dann noch schwieriger, Mehrheiten zusammenzubekommen.Merz' Vorgänger Olaf Scholz (SPD) regierte nach dem Bruch der Ampelkoalition wenige Monate aus einer Minderheitskonstellation heraus. Dann wurde vorzeitig ein neuer Bundestag gewählt. Einem solchen Szenario stünde heute nicht nur die leicht vorstellbare Sorge vor allem der CDU und der SPD entgegen, miserabel abzuschneiden. Merz müsste zunächst die Vertrauensfrage stellen und verlieren.Dann wäre es an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, auf der Zielgeraden seiner zweiten und letzten Amtszeit das Parlament aufzulösen. Es gibt deutliche Hinweise, dass der Sozialdemokrat Steinmeier das anders als nach dem Scheitern der Ampel nicht tun würde.