Der andere BlickEr verspielt seine Autorität: Wie der deutsche Kanzler Gerüchte über seine Ablösung gross machteDer demonstrative Schulterschluss mit Hendrik Wüst sollte die Debatte über einen möglichen Personalwechsel an der Spitze der Regierung beenden. Tatsächlich zeigt der Tag, wie nervös die Union bereits nach einem Jahr in der Koalition geworden ist – und wie sehr Friedrich Merz inzwischen selbst Teil ihres Problems ist.01.06.2026, 18.00 Uhr4 LeseminutenVorwärts, aufwärts? Friedrich Merz und Hendrik Wüst bei einer Geschlossenheitsübung am Montag in Meschede.Oliver Berg / POOL / EPASie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Florian Eder, Chefredaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein gemeinsamer Gang, Posen für Fotos, demonstrativ entspannte Augenblicke vor den Kameras – Hendrik Wüst und Friedrich Merz zeigen an diesem Montag im sauerländischen Meschede, dass hier selbstverständlich alles in bester Ordnung ist: Niemand hat die Absicht, den Bundeskanzler zu ersetzen.Berliner Gerüchte über Machtfragen sind nichts Besonderes. Die deutsche Hauptstadt produziert täglich politische Projektionen, Intrigen und Gedankenspiele, die von der Wirklichkeit von Politik und Verfassung weit entfernt sind, wie auch in diesem Fall. Bemerkenswert ist, dass sich Spekulationen über eine mögliche Ablösung des Bundeskanzlers tagelang halten konnten, obwohl es bis heute keinen Hinweis darauf gibt, dass Wüst, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, irgendein Interesse an einem solchen Szenario hätte.Nervöses MachtzentrumDie Macht politischer Bilder ist gross. Aber harmonische Fotos von einer Parteiklausur lösen keine Nervosität auf, die längst aus dem Inneren der Partei kommt. Von aussen betrachtet gab es nämlich gar kein Problem. Die Unsicherheiten, die die CDU permanent wieder einfangen muss, produziert sie selbst. Der Bundeskanzler und Parteivorsitzende trägt dafür die Verantwortung.Erst die Reaktion machte aus dem Berliner Geraune überhaupt eine Geschichte. Statt die Sache mit der nötigen Gelassenheit ins Leere laufen zu lassen, reagierte das Umfeld des Kanzlers, wie man so sagt, ungewöhnlich scharf: Von «gefährlicher Zündelei» war die Rede, in einem unbeholfenen Wortspiel auch von «wüsten Spekulationen». So etwas schade der politischen Mitte und nütze der AfD: unter den Sünden für die Unionsparteien diejenige, die mit der längsten Höllenstrafe belegt wird.Dadurch entstand der Eindruck, hier könnte tatsächlich etwas ins Rutschen geraten: Nicht das Gerücht war massgeblich. Die Reaktion darauf war es. Eine Kanzlerschaft aber, die sich permanent selbst versichern muss, verliert ihre narrative Autorität.Angesichts dieses Befundes ist Nervosität in der Union kaum erstaunlich. Die Partei, die gerade noch den Aufbruch in vermeintlich goldene konservative Zeiten feierte, entwickelt nun bereits Angst vor dem Verschleiss. Dahinter stehen schlechte Umfragen, eine unstete Koalition, überzogene Erwartungen an den Kanzler, die er selbst befördert hat, eine akute Leistungsintoleranz von Teilen der Gesellschaft und ihrer politischen Repräsentanz, aber auch ein Problem moderner Macht.Regierungszentralen müssen heute vielleicht anders organisiert sein als früher: strategischer, kommunikativer, stärker auf den Kanzler zugeschnitten. Gleichzeitig fehlen Friedrich Merz jene klassischen Vermittlerfiguren, die Partei, Länder, Fraktion und Regierung zusammenhalten.In seinem Kanzleramt sitzen erfahrene Beamte, kluge Strategen, enge Vertraute. Aber offenbar zu wenige Menschen mit gutem Draht zu Partei und Ländern. Aus diesem Defizit heraus entsteht in Teilen der Union zunehmend das Gefühl, die Regierung werde gemanagt, und das nicht einmal sehr professionell – aber die Partei komme darin nicht ausreichend vor.Die Partei darf nur zuschauenWie tief dieses Problem reicht, zeigen nicht nur die innerparteilichen Auseinandersetzungen über die derzeit zu verhandelnden Reformen. Es zeigt sich bis hin zur Aussenpolitik; etwa im vergangenen Sommer bei der Ankündigung, temporär keine Waffen mehr an Israel zu liefern. Zu einem solchen Schritt konnte nur jemand raten, der die politische und emotionale Statik der CDU nicht versteht. Die Irritation darüber reichte weit tiefer, als die Führung erwartet hatte.Auch deshalb wird Hendrik Wüst zur Projektionsfläche. Er steht für mehr Ausgleich, weniger Zuspitzung, ein tieferes unionsinternes Machtgewebe, das Kompromissfähigkeit erfordert, er orientiert sich stärker an der politischen Mitte. Darin liegt die Ironie dieser Debatte: Die CDU hat Merz an die Spitze gewählt, weil sie mit dem Stil der Merkel-Jahre brechen wollte. Nun wächst ausgerechnet in der Nervosität über seine Kanzlerschaft eine Sehnsucht nach jenem Typus, den die Partei gerade noch hinter sich lassen wollte.Das Problem der CDU ist, dass sie zunehmend den Eindruck bekommt, sie müsse vor allem Friedrich Merz stabilisieren, statt gemeinsam ein politisches Projekt zu tragen.Natürlich überlappt sich das Projekt Merz mit dem Projekt der Union. Merz hat sie zurück an die Macht geführt. Aber eine Partei will auf Dauer Politik sehen, nicht vor allem das Leiden ihres Vorsitzenden an seinem Amt. An dieser Stelle entsteht jene Fragilität, von der Berliner Gerüchte leben. Und die überleben dann plötzlich länger als fünf Minuten.Die jüngsten Umfragen zeigen die Brisanz der Debatte. Eine Mehrheit der Deutschen hält einen Kanzlerwechsel zwar nicht für sinnvoll. Erschreckend für die Union ist aber, dass ein Austausch des Kanzlers nach nur gut einem Jahr Amtszeit von vielen offenbar auch nicht als bedrohliche Vorstellung empfunden wird.Darin liegt die Schwäche dieser Kanzlerschaft. Für Friedrich Merz hängt an ihr naturgemäss fast alles. Für erstaunlich viele andere offenbar nicht genug.Passend zum Artikel