Der Kanzler brüllt nicht, schreit nicht, fährt nicht aus der Haut. Stattdessen trägt Friedrich Merz Meinungsverschiedenheiten aus, scheut inhaltlich harte Auseinandersetzungen nicht. So weit das verschleiernde Ergebnis der Brüll-Affäre neulich, wie es die Hauptstadtjournalisten nach kontroverser Kabinettsklausur in der Villa Borsig mitteilen konnten. Vizekanzler Lars Klingbeil, der als der Angebrüllte, der Angeschriene galt, dementierte nur indirekt. Er lasse sich als SPD-Vorsitzender sehr gerne anbrüllen in Fällen, wo es um seine Grundhaltung geht, sagte er. Merz ließ es daraufhin nicht gut sein, sondern brachte noch einmal in Erinnerung, worum es nicht gehen sollte: „Ich brülle niemanden an!“, setzte er am Rande eines Treffens in Klingbeils Wahlkreis nach. Nun wussten es alle: Der Kanzler brüllt.Wer dazu neigt, die Nerven zu verlieren, beendet damit jede Diskussion über seine Eignung im Amte. Die Urkraft eines Sprachbilds: Er ist dem Amte „nicht gewachsen“, nervlich nicht und darum gar nicht, denn nichts geht ohne Nerven, so viel Naturalismus muss sein. Es war deshalb nicht weniger als ein Todesstoß, als Helene Bubrowski, Ko-Chefredakteurin von Table.Briefings, bei Markus Lanz sagte: „Friedrich Merz hat die Nerven verloren.“ Lanz sinnierte denn auch beziehungsreich nach: „Die Nerven verloren“, dabei ohne Worte den Umstand auskostend, dass unter diesem Psychobefund noch etwas liegt: das politische K-o.-Argument.Wobei es da gar nicht mal um den klar geschnittenen Tatbestand des Brüllens oder Schreiens ging, sondern lediglich um Merz’ Von-der-Tarantel-gestochen-Sein übers Gerede vom Wechseln der Kanzler-Pferde mitten im Fluss. Wüste (!) Spekulationen seien das, naiv, fahrlässig – und also nicht ohne Fundament in der Sache, schlussfolgerte die Republik im Geiste von Anna Freuds Buch über die Grundmechanismen der Abwehr. Wilde Austausch-Phantasien greifen um sich, nun auch in die CSU hinein: Wird Markus Söder durch Manfred Weber ausgetauscht, der Ehrenvorsitzende Theo Waigel durchs Urgestein Peter Gauweiler? Jedes Wispern im abwegigen Gelände wird ehrfurchtsvoll kolportiert, der Sendeplatz will bespielt, die Lebenszeit verbraucht werden.Wieder hatte Merz’ unbeherrschte Reaktion Verstärkerfunktion für Spekulationen, die wie auf den Teppichboden fallende Asche cool ausgetreten werden sollten, dort aber den Flächenbrand erzeugten. „Noch nicht mal ignorieren“ – wer erzählt Friedrich Merz von Helmut Kohls politischer Überlebensformel?