Fragt man Christdemokraten nach dem Kabinettsumbau durch Friedrich Merz, fallen Worte, wie sie in der CDU selten über den eigenen Vorsitzenden gesagt wurden. Als „schäbig“ und „unwürdig“ wird Merz’ Vorgehen bei der Abberufung von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder bezeichnet – es stehe „im Widerspruch zu allen bürgerlichen Werten der CDU“, sagt ein führender Landespolitiker aus Rheinland-Pfalz. Ausdrücklich werden Loyalität und Respekt angeführt. „Unterirdisch“ sei die Stimmung, heißt es, „desaströs“. In der CDU herrscht ein gärender, teils überschäumender Unmut.Die Frustration beschränkt sich nicht auf einzelne Politiker, die den Personalrochaden zum Opfer fielen oder vom Kanzler nicht berücksichtigt wurden. Sie lässt sich nicht an Himmelsrichtungen festmachen oder an der Zugehörigkeit zu Flügeln der Partei. Sie reicht tiefer.Es geht um den wenig kooperativen Führungsstil von Friedrich Merz, mit dem er unentwegt die eigene Partei vor den Kopf stößt. „Sie führen kein Unternehmen, das ist eine Partei“, brachte der bremische CDU-Landesvorsitzende Heiko Strohmann diese Wahrnehmung am Montagmorgen im Bundesvorstand auf den Punkt. Nach F.A.Z.-Informationen aus Teilnehmerkreisen sagte Strohmann zudem, dass es bezeichnend für die Lage der CDU sei, dass die Umfragewerte der CDU im traditionell SPD-dominierten Bremen gegenwärtig besser seien als auf Bundesebene.Die Ostverbände sind wütendStrohmann ging es dabei aber weniger um das kleine Land Bremen, wo im Mai 2027 die nächsten Bürgerschaftswahlen anstehen. Seine Äußerung in Richtung Merz war als Solidarisierung mit dem sächsischen Innenminister Armin Schuster gedacht, der sich kurz zuvor in der Bundesvorstandssitzung für eine stärkere Repräsentanz Ostdeutschlands in der Bundesregierung ausgesprochen hatte. Strohmann sieht das genauso, denn der Bremer CDU-Chef stammt gebürtig aus Rostock und pflegt bis heute Drähte in seine ostdeutsche Heimat.Kritisierte Merz: Heiko Strohmann, Landesvorsitzender der CDU BremendpaNach Angaben von Teilnehmern an der Sitzung hatte Schuster gesagt, er habe gehofft, dass Merz bei einer so großen Personalrochade die Chance ergreifen würde, um angesichts der schwierigen Stimmung im Osten noch vor den Landtagswahlen einen ostdeutschen Politiker in die erste Reihe zu berufen.Der Kanzler habe Schuster allerdings abgebürstet. Er habe darauf verwiesen, dass der Mecklenburger Philipp Amthor als neuer Staatsminister für Bund-Länder-Koordination ins Kanzleramt einziehe. Zudem sei Christiane Schenderlein aus Sachsen, bisher Staatsministerin für Sport und Ehrenamt, nach ihrer Ablösung weiter als Parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium auf der Bundesebene präsent.Kretschmers KopfschüttelnDie Entlassung Schenderleins, bisher die ranghöchste CDU-Politikerin aus Ostdeutschland in der Bundesregierung, kritisierte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer deutlich. Er habe ihre Ablösung „überhaupt nicht verstanden“, sagte der CDU-Politiker dem MDR, Schenderlein sei eine „unglaublich erfolgreiche Sportministerin“ gewesen. Zum Ablauf der Kabinettsumbildung sagte Kretschmer: „Ich glaube, viele Menschen standen davor, haben das Ganze beobachtet und haben den Kopf geschüttelt. Ich auch.“ Auch ein Mitglied des Thüringer CDU-Landesvorstands nannte gegenüber der F.A.Z. die Art und Weise der Kabinettsumbildung „hochgradig peinlich“. Zwar seien einzelne Ernennungen in Ordnung, doch habe Merz „den Prozess fürchterlich verstolpert“ und „damit alle gegen sich aufgebracht“.Sorge geht mit einem Frontalangriff auf den KanzlerÜberhaupt markiert der Unmut über Merz im Osten neue Höchststände. Denn zum Personalumbau zählt auch die Entlassung des Magdeburger Bundestagsabgeordneten Tino Sorge als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium. Der 51 Jahre alte CDU-Politiker machte seinem Ärger darüber am Montag öffentlich Luft und verbreitete eine Stellungnahme. Darin heißt es: „Die Entscheidung des Bundeskanzlers nehme ich zur Kenntnis. Dass er sie – anstelle eines persönlichen Gesprächs mit mir – zuerst in Parteigremien und vor der Presse verkündet hat, bleibt seine eigene Stilfrage.“Entlassener Gesundheitsstaatssekretär: Auch Tino Sorge kritisiert Merz öffentlich.dpaDas war ein Frontalangriff auf den Kanzler. Allerdings wurde seiner Darstellung nicht nur aus dem Umfeld von Merz widersprochen. Denn Sorge war nach F.A.Z.-Informationen durchaus vorab über seine bevorstehende Entlassung informiert worden, allerdings vom designierten Gesundheitsminister Carsten Linnemann. Der Rauswurf kam auch nicht völlig überraschend, da es trotz der langjährigen gesundheitspolitischen Erfahrung bereits zuvor Unzufriedenheit mit Sorge gegeben haben soll.In Sorges sachsen-anhaltischem Heimatverband ist man gleichwohl verärgert, dass die Entlassung mitten in die heiße Phase vor der anstehenden Landtagswahl am 6. September platzt. Ob man mit der Personalie nicht einige Wochen hätte warten können, ist von dort zu hören.Ohnehin heißt es seit Monaten von den Wahlkämpfern aus Sachsen-Anhalt, dass ihnen die Performance der Bundesregierung wie ein Mühlstein um den Hals im Kampf gegen eine zusehends enteilende AfD hänge. Vor einigen Wochen hat die sachsen-anhaltische CDU deshalb bereits eine für Ende August geplante Klausurtagung mit dem CDU-Bundespräsidium in Magdeburg abgesagt. Gemeinsame Bilder mit Friedrich Merz gelten in Magdeburg offenkundig eher als Hürde denn als Hilfe.„Die Lage der CDU ist ernster als zur Zeit der Spendenaffäre“Aber auch im Westen ist der Ärger über Merz groß. Nach Angaben von Teilnehmern hat auch Dennis Radtke, der Vorsitzende des CDU-Arbeitnehmerflügels, in der Vorstandssitzung seinem Ärger Luft gemacht und von Austritten aus seinem Bezirksverband, der CDU im Ruhrgebiet, berichtet. Im Gespräch mit der F.A.Z. bestätigt Radtke die Schilderungen. Er sei in der vergangenen Woche intensiv mit CDU-Kandidaten für die NRW-Landtagswahl 2027 unterwegs gewesen. „Es handelt sich sämtlich um Wahlkreise, um die sich CDU, SPD und AfD ein enges Rennen liefern werden.“Drastischer Vergleich: Dennis Radtke, der Vorsitzende des CDU-Arbeitnehmerflügels, vergleicht die aktuelle Stimmung mit der Zeit der Spendenaffäre.dpaDie Stimmung an der CDU-Basis sei schon vor der Regierungsumbildung nicht gut gewesen, sagt Radtke. „Die Lage der CDU ist ernster als zur Zeit der Spendenaffäre. Wir zehren an vielen Stellen nur noch von einer immer älter werdenden Stammwählerschaft.“ Es gehe jetzt darum, die Partei in ihrer ganzen Bandbreite zu aktivieren und aus der Schockstarre der Umfragen und der Negativstimmung im Land zu führen. Die neue CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann sei jetzt erst mal als Zuhörerin gefragt. Dass Merz sie auf den Posten berief, lobt der CDA-Bundesvorsitzende.Hoppermann, die beratendes Mitglied des Bundesvorstands des Arbeitnehmerflügels ist, habe einen klaren christlich-sozialen Kompass und eine liberale Grundausrichtung. „Das ist jetzt die Chance für mehr Bandbreite in der CDU, die Chance, die Kommunikation der Partei zu verändern und die inhaltliche Engführung zu durchbrechen“. Er bedauere sehr, dass die Personalie Hoppermann im Chaos der vergangenen Tage weitgehend untergegangen sei.Auch in Rheinland-Pfalz ärgern sich viele CDU-Politiker besonders darüber, wie Merz in der Pressekonferenz zur Kabinettsumbildung und danach vorgegangen ist. Am Donnerstag vergangener Woche teilte er Verkehrsminister Schnieder dessen Abberufung mit. An sich kein ungewöhnlicher Vorgang. Freitagfrüh verbreitete sich die Nachricht darüber in den Medien, aber da war Merz schon der angedachte Nachfolger abgesprungen. In der Pressekonferenz zur Kabinettsumbildung sagte der Kanzler kein Wort zum Bundesverkehrsminister. In Schnieders Heimatverband Rheinland-Pfalz heißt es, man habe ihn „in der Luft hängen“ lassen. Es habe weder einen Zeitplan für die Nachfolge noch klare Kommunikation mit dem geschassten CDU-Mann gegeben.In Mainz hält man Merz für illoyalIn der CDU-Landtagsfraktion in Mainz erkennen viele Abgeordnete noch immer keinen überzeugenden Grund für die Abberufung Schnieders, der sich aus dortiger Sicht „keine echten Fehler“ zuschulden habe kommen lassen. Dort hat sich schon länger eine gewisse Wut aufgestaut. So gibt es innerhalb der rheinland-pfälzischen CDU die Lesart, dass man die Landtagswahl im März trotz des Bundeskanzlers gewonnen habe. Vor allem die glücklose Kommunikation, die Merz und seinem Führungszirkel angelastet wird, sei eine echte Belastung gewesen, heißt es. Im Wahlkampf hätte man aber zusammengestanden, habe auf Kritik verzichtet, die kurzfristig Vorteile geboten hätte. Diese Loyalität sei nicht belohnt worden.Menschlich enttäuscht: Gordon Schnieder (links) kritisiert den Umgang mit seinem Bruder Patrick Schnieder (CDU) scharf.dpaAm Montag teilte der Fraktionsvorsitzende im Landtag, Christoph Gensch, dem Kanzler per Brief mit, dass er und seine Abgeordnetenkollegen einen geplanten Gesprächstermin mit Merz nicht wahrnehmen wollten. Ein solcher Austausch setze ein „Mindestmaß an gegenseitigem Vertrauen und Wertschätzung voraus, was durch die aktuelle Situation so leider nicht gegeben ist“.Der Bruder des geschassten Verkehrsministers ist Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz, sein Name ist Gordon Schnieder. Im Bundespräsidium, das vor dem Bundesvorstand zusammentraf, kritisierte der sonst ruhige und abwartende Schnieder am Montagmorgen Merz „scharf“, wie es heißt. Er soll dabei den Eindruck vermieden haben, dass er wegen seines Bruders erzürnt sei, berichten Teilnehmer. Schnieder sei „menschlich enttäuscht“ gewesen. Auch in anderen Landesverbänden spricht man von einem „offenen Loyalitätsbruch“, der nicht einfach verheile.„Anhaltende Entfremdung“ von MerzEin Bundestagsabgeordneter, der nicht aus Rheinland-Pfalz stammt, sagt in Anspielung auf Fehltritte von Merz: „Wer bekommt schon gerne auf die Mütze für einen Kanzler, der selbst nicht zu den eigenen Leuten steht?“ Die Entlassung Schnieders beschreibt er als Teil einer „anhaltenden Entfremdung der CDU von ihrem Vorsitzenden“.Eine nachhaltige Verärgerung über Merz gibt es auch in der niedersächsischen CDU, aus der mit dem Göttinger Bundestagsabgeordneten Fritz Güntzler der Mann stammt, der Merz erst zugesagt hatte, Verkehrsminister zu werden, und dann doch wieder absprang. Seitdem wird zwischen Hannover und Berlin über die Schuldfrage gerungen. Denn der Vorgang lässt Güntzler als wankelmütig dastehen und den CDU-Landesvorsitzenden Sebastian Lechner als jemanden, der zwar im Herbst 2027 Ministerpräsident werden will, aber nicht durchsetzungsstark genug ist, niedersächsische Interessen beim Kanzler durchzusetzen.Hat abgesagt: Fritz Güntzler (CDU/CSU) wollte nicht Verkehrsminister werden.dpaIm niedersächsischen Landesverband wird die Verantwortung für den Ablauf aber vor allem bei Merz verortet, der den Finanzpolitiker Güntzler fachfremd ins Verkehrsministerium zu drängen versucht habe. Für die Absage sieht man sich hingegen nicht verantwortlich, heißt es aus Regierungskreisen.Im Kanzleramt hatte man länger schon überlegt, zumindest in kleinem Rahmen im Sommer Änderungen im Kabinett vorzunehmen. Dass man im Bundesverkehrsministerium, aber auch bei den Bund-Länder-Beziehungen Probleme ausgemacht hatte, kursierte schon seit einiger Zeit in Berlin.Der Rücktritt von Jens Spahn von der Fraktionsspitze änderte die Lage kurzfristig. In drei Schritten ging man nun vor. Als erster Schritt wurde Spahns Nachfolge geklärt. Weil Thorsten Frei an die Fraktionsspitze sollte, war klar, dass größere Umbauten anstehen: Danach wurde das Kabinett geklärt, dann die Partei. Bis Freitagmorgen wähnte man sich auf einem guten Weg.Manche sprechen von einer Zukunft ohne MerzNach Güntzlers kurzfristiger Absage wurde es hektischer, zumindest die Unruhe drum herum vernehmbarer. Am Montag dann, in den digitalen Gremiensitzungen der Partei, wurde der Unmut deutlich. Nicht nur Merz wurde kritisiert; ein Teilnehmer sprach in Bezug auf die vergangenen Wochen allgemein von Glaubwürdigkeitsproblemen der CDU.Manche in der Bundestagsfraktion sprechen bereits über eine Zukunft ohne Merz. Als ein möglicher Zeitpunkt wird der kommende Sommer genannt, also nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Dann könnte Hendrik Wüst nach Berlin wechseln. Andere halten es auch für möglich, dass der Kanzler angesichts der zu erwartenden Wahlergebnisse bei den anstehenden Landtagswahlen schon früher fällt. Erinnert wird an den raschen Sturz der ehemaligen CDU-Bundesvorsitzenden Kramp-Karrenbauer. Man könne gegenwärtig gar nichts mehr ausschließen, heißt es.Dazu zählt allerdings auch das Szenario, dass sich der gegenwärtige Unmut wieder legt und von anderen Themen überlagert wird. Als unwahrscheinlich wird gegenwärtig jedenfalls bezeichnet, dass Merz binnen weniger Tage stürzt. An diesem Mittwoch steht die Wahl des Merz-Vertrauten Thorsten Frei zum neuen CDU-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag an. Bei dieser Gelegenheit wird Merz zu den Geschehnissen der vergangenen Tage Stellung nehmen müssen. Auch kritische Fragen werden erwartet.Und wer verteidigt Merz? Teilnehmer berichten, in der Sitzung am Montag habe sich nur der scheidende CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann vor den Kanzler gestellt, allerdings eher mit Durchhalteparolen. Es handle sich um historische Tage, auf die man in einigen Jahren zurückblicken werde, habe Linnemann gesagt.Aber da ist auch noch Friedrich Merz, der Friedrich Merz beispringt. Am Dienstag ist er für ein paar Stunden dem Regierungsalltag in Berlin nach Irland entflogen: Empfang mit militärischen Ehren, Gespräch mit Ministerpräsident Micheál Martin, gemeinsames Mittagessen. EU-Themen, mehrjähriger Finanzrahmen, Beitritte. Aber auch in Dublin gibt es eine Pressekonferenz, und da werden Friedrich Merz die schon bekannten Fragen aus Berlin gestellt. Merz verweist darauf, dass es an diesem Mittwoch eine Kabinettssitzung gebe, dann Minister entlassen und neue ernannt würden und schließlich bei der Fraktionssitzung ein neuer Vorsitzender gewählt werde. „Ich gehe fest davon aus, dass nach der Fraktionssitzung am morgigen Tag alle Entscheidungen nicht nur getroffen, sondern auch akzeptiert sind.“