Das hätte auch unser CSD sein können. Es ist ein Satz, der nachhallt, als Alexander Kluge, Geschäftsführer des Münchner CSD, ihn am Montagabend bei der Mahnwache im Gedenken an die Opfer des Anschlags des CSD in Berlin ausspricht. Bei der mutmaßlich islamistisch motivierten Tat war am Samstag eine Frau aus Polen gestorben und 29 Menschen teils schwer verletzt worden. Er teilt ihn, das wird die Polizei später bestätigen, mit rund 4000 Menschen. Menschen, die wie Kluge traurig sind und wütend, fassungslos und entschlossen.Entschlossen sich das, wofür sie und die Menschen vor ihnen gekämpft haben, nicht nehmen zu lassen. Und die auf dem Marienplatz zusammengekommen sind, um Trost zu erfahren. Auf einem Platz, der, wie Kluge versichert, „perfekt gesichert“ ist. Weil man das dazu sagen muss an einem Tag wie heute, bei einer Veranstaltung wie dieser. Wobei zur Wahrheit auch gehört: Die Menschen sind längst da, da werden noch Absperrungen aufgebaut. Mit seiner Rede kann Kluge deshalb erst gegen 19.10 Uhr beginnen.Parallel zu jener Mahnwache in München finden an diesem Tag auch in zahlreichen anderen Städten in Deutschland ähnliche Gedenkveranstaltungen statt – von Greifswald bis nach Ravensburg. Ganz bewusst haben Kluge und das übrige Organisationsteam auf dem Marienplatz auf viele Rednerinnen und Redner verzichtet: „Heute geht es nicht um große Worte, es geht um Mitgefühl“, so Kluge. Neben ihm sprechen an diesem Abend deshalb nur die 2. Bürgermeisterin Mona Fuchs (Grüne) in Vertretung der Stadtspitze, sowie Leonie L. von Strong!, der LGBTIQ*-Fachstelle gegen Diskriminierung und Gewalt.Auf dem Marienplatz hatten sich am Montag mehrere tausend Menschen mit Schildern und Pride-Flaggen eingefunden. Florian PeljakIn Erinnerung an die Opfer wurden Kerzen angezündet und Blumen vor der Bühne niedergelegt. Florian PeljakIn ihrer kurzen Rede – eine, von der sie selbst sagt, sie wünschte, sie hätte sie nie halten müssen – findet Fuchs vor allem klare Worte für all jene, die schon kurz nach dem Anschlag, versuchten, diesen für ihre Zwecke zu nutzen. „Das ist nicht Solidarität, das ist politische Instrumentalisierung.“ Wo Islamismus zu bekämpfen sei, gelte es auch Rechtsextremismus zu bekämpfen.Und noch etwas sagt Fuchs nach einer Schweigeminute: „Die Antwort auf diesen Anschlag darf niemals Angst sein.“ Danach liest sie noch einen Brief vor, den Oberbürgermeister Dominik Krause, der selbst nicht anwesend sein kann, in Richtung Berlin geschickt hat. Krause war es auch, der noch am frühen Nachmittag zum Zeichen der Solidarität die Beflaggung des Marienplatzes mit Regenbogenflaggen angeordnet hatte.Auch Leonie L. von Strong! mahnt in ihrer Rede dazu, sich nicht instrumentalisieren zu lassen. Die Fachstelle, für die sie arbeitet, hatte erst Anfang Juni eine Statistik veröffentlicht mit einer so erschreckenden wie wenig überraschenden Bilanz: Demnach ist die Zahl dokumentierter Fälle queerfeindlicher Gewalt in Bayern im Jahr 2025 weiter gestiegen – um ganze 43 Prozent.413 Vorfälle wurden gemeldet, davon 161 allein in München. Die Dunkelziffer an Übergriffen, auch das macht die Fachstelle deutlich, dürfte noch weitaus höher sein. Dass in ebenjenen Zeiten jemand wie die Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) einem queeren Netzwerk wie dem Verein Lambda jedwede Förderung streichen will, stößt am Rande der Veranstaltung angesichts dessen einigen auf. Ebenso wie Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), der sich 2025 noch mit dem Verweis, dass der Bundestag „kein Zirkuszelt“ sei, dagegen ausgesprochen hatte, auf dem Reichstagsgebäude eine Regenbogenflagge zu hissen, und nun, nach dem Anschlag, Solidarität bekundete. Von der AfD ganz zu schweigen.Dragqueen Piana Electric (links) sang „Somewhere over the rainbow“, der Geschäftsführer des Münchner CSD Alexander Kluge mahnte: „Es hätte auch unser CSD sein können.“ Florian PeljakLaut Polizei kamen rund 4000 Menschen zur Mahnwache auf den Marienplatz. Florian PeljakBeinahe hätte das letzte Wort an diesem Abend die Dragqueen Piana Electric gehabt: Als sie im schwarzen Kleid und regenbogenfarbener Federboa „Somewhere over the rainbow“ singt – ein Lied mit hoher Symbolkraft für die queere Community – fließen in der Menge einige leise Tränen. Es hätte ein passender Abschluss sein können, doch als CSD-Geschäftsführer Kluge die Veranstaltung offiziell für beendet erklären will, stimmen einige „Hoch die internationale Solidarität“ an, eine auf linken Demos bekannte Losung.Während auf anderen Kundgebung an dieser Stelle wohl viele der Teilnehmenden eingestimmt hätten, ernten die Skandierenden an diesem Abend Buh-Rufe und auch Kluge appelliert: „Ich bitte darum, diesen Moment nicht für Politik zu nutzen, bitte nicht.“ Die Rufe verstummen, doch irgendwo in der Menge hört man auch noch jemanden sagen: „Queeres Leben ist politisch.“Dann herrscht Stille, es werden Blumen niedergelegt, Kerzen angezündet, Menschen schreiben auf ein Plakat, das Kluge nach Berlin schicken will, kleine Botschaften: „Der Regenbogen hält“ zum Beispiel, oder „Lang lebe die Liebe“. Auf einem Plakat, das jemand vor die Bühne gelegt hat, steht außerdem: „Yes, we still need pride“, ja, wir brauchen die Pride immer noch.Auch Victoria Seegenschmiedt legt einen Strauß nieder: Sie hat die Blumen in den Farben des Regenbogens gewählt, unterschiedliche Farben und Formen – für die Vielfalt dieser, ihrer Community, die manche hier auch ihre Wahlfamilie nennen. Und, das erzählt sie noch vor der Mahnwache: Dazu wird sie drei Sonnenblumen legen. Die hat ihr die Verkäuferin, eine Frau mit Migrationshintergrund, geschenkt. Weil sie in diesem Moment gespürt hat, was Seegenschmiedt gerade ein großes Bedürfnis ist: Menschlichkeit, Verbundenheit zu fühlen.Auch für Michelle Niwicho und ihre Freundin war das der Grund, an den Marienplatz zu kommen. Die beiden waren am Samstag noch auf dem CSD in Berlin, am Sonntag dann auf der Trauerfeier nach dem Anschlag und nun eben hier, in ihrer Stadt – mit einem Gefühl von „Jetzt erst recht“. Denn während für viele von denen, die jetzt große Reden schwingen, so vermutet Niwicho, nächste Woche alles wieder vergessen sei, bleibt für sie als trans Frau ein Leben, in dem sie um ihre Sicherheit fürchten muss, Realität. Bleibt es für Dragqueen Piana Electric Alltag, nie bedenkenlos in die U-Bahn oder das Taxi steigen zu können. Bleibt es für Victoria Seegenschmiedt normal, sich zu fragen, ob sie ihre Liebe in der Öffentlichkeit zeigen kann.Und Menschen wie Niwicho, Electric und Seegenschmiedt sind dann auch der Grund, warum Bernd Müller, politischer Sprecher des CSD, und sein Team nicht lange überlegen mussten, ob sie nach dem Anschlag in Berlin eine Mahnwache abhalten werden. Was ihn mit Blick auf die vielen Menschen auf dem Marienplatz aber darüber hinaus stolz macht: Nicht nur die Community sei dem Aufruf gefolgt, auch Menschen, die sich mit ihr solidarisierten, seien zahlreich gekommen. Was sie eint, ist – queer oder nicht – offenbar das, was auch Kluge sagt: „Man will jetzt alles – bloß sich nicht allein fühlen.“Und so stehen noch lange nach dem Ende der Mahnwache kleine Menschengruppen auf dem Marienplatz oder vor dem lesbisch-queeren Zentrum Lez sowie dem schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum Sub, die an diesem Abend extra ihre Türen geöffnet haben.Und doch: Mit Blick auf den Münchner CSD im kommenden Jahr, wird das, was in Berlin vorgefallen ist, etwas verändern? Nein, meint der politische Sprecher Müller. Die Sicherheitsbestimmungen seien in diesem Jahr schon wahnsinnig hoch gewesen, mehr gehe im Prinzip nicht – denn absolute Sicherheit, die gebe es schlicht nicht. Das gelte auch für den CSD in Hamburg, der für kommendes Wochenende geplant ist. Ob der deswegen womöglich abgesagt wird? Nein, glaubt CSD-Geschäftsführer Kluge – vermutlich werde es sogar richtig voll, mutmaßt er. Jetzt erst recht.