Tell als Freiheitskämpfer? «Mais oui», sagen die RomandsEine neue Umfrage zeigt: Die Welschen pflegen ein mythologischeres Bild der Schweizer Geschichte als die Deutschschweizer. Dazu passt auch Guy Parmelins 1291-Käppi.25.07.2026, 21.45 Uhr3 LeseminutenSorgte mit dem Slogan «Switzerland – great since 1291» für Schlagzeilen neben dem Feld: Bundespräsident Guy Parmelin in Vancouver.Soobum Im / Fifa via GettyDer Blick zurück ist oft geprägt von Wunschdenken und manchmal auch von einer Prise Selbstironie – egal, ob es um die persönliche Vergangenheit geht oder die Geschichte des eigenen Landes. Besonders hübsch zeigte sich dies auf dem Kopf von Bundespräsident Guy Parmelin anlässlich seines Besuchs des WM-Spiels der Schweiz gegen Algerien in Vancouver. Die rote Dächlikappe mit dem Slogan «Switzerland – great since 1291» war einerseits ein kleiner Seitenhieb auf Donald «Maga» Trump, sie sagt aber auch einiges über ihren Träger aus – und damit über die Schweiz. Dort ging das Bild viral und löste massenhaft Bestellungen aus. Das Käppi dürfte also auch diese Woche um den Nationalfeiertag da und dort auftauchen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bloss: So grossartig, wie es die Kopfbedeckung des Bundespräsidenten verkündet, war die Schweiz 1291 noch lange nicht. Damals hatten sich ja bloss drei Talschaften in der Zentralschweiz gegenseitigen Beistand versprochen. Der wirklich grossartige Bundesstaat Schweiz mit seiner demokratischen Verfassung entstand erst 1848, was hierzulande einst jedes Kind in der Schule lernte. Und das weiss die Mehrheit der Bevölkerung auch, wie eine neue Umfrage des Forschungsinstituts Sotomo zum Zusammenhalt der Schweiz zeigt, deren Ergebnisse dieser Zeitung vorliegen. 52 Prozent nannten bei dieser repräsentativen Befragung 1848 als Geburtsjahr des Nationalstaates, während 21 Prozent auf 1291 tippten. Der Rest nannte andere Daten oder hatte keine Ahnung.Nun wollen wir dem Bundespräsidenten aus der Waadt damit nicht vorhalten, geschichtsvergessen zu sein, vielmehr dürfte ihn in erster Linie die Lust an der kleinen Stichelei zum Käppi verleitet haben. Und doch passt der Spruch auf seinem Kopf sowohl zu seiner geografischen als auch zu seiner politischen Herkunft, wie weitere Erkenntnisse der Studie zeigen. Denn die französischsprachige Schweiz hält mit 29 Prozent viel stärker am Gründungsmythos 1291 fest als die deutschsprachige mit 18 Prozent.Dass der «nüchterne Blick» auf die Schweizer Geschichte, wie ihn die Sotomo-Studie im Auftrag von Feldschlösschen bei der Schweizer Bevölkerung ausmacht, auf der deutschen Seite der Saane ausgeprägter ist als auf der französischen, überrascht. In der an sich europhilen Romandie offenbart sich ein unerwarteter Hang zur Mythologisierung der Schweizer Geschichte.Dieser kommt auch bei anderen Fragen zum Tragen. So bezeichnet beinahe ein Drittel der Welschen Wilhelm Tell als Freiheitskämpfer. Demgegenüber sieht dies bloss ein Viertel der Deutschschweizer so. Für den Rest von ihnen ist Tell in erster Linie eine Sagengestalt oder eine literarische Figur. Das könnte natürlich auch daran liegen, dass Friedrich Schiller, der deutsche Autor des Tell-Dramas, den Deutschschweizern nähersteht als ihren «chers compatriotes».Doch nicht bloss die Romands, sondern auch die politische Rechte bewegt sich tendenziell eher auf Mythoskurs, was wiederum weniger erstaunlich ist: Die Idee von Wilhelm Tell als Freiheitskämpfer ist in der SVP-Basis mit 47 Prozent mit Abstand am stärksten verhaftet, viel klarer als in der Mitte (28), bei der FDP (23), den Grünen (16), der SP (11) und der GLP (8). Womit sich der Kreis zum Winzer und SVP-Politiker Guy Parmelin also schliessen würde.Doch dieses Bild wird durch eine demografische Überraschung gestört. Mythen sind nämlich nicht nur bei den Welschen und Rechten besonders verbreitet, sondern tendenziell auch bei den Jungen. Gemäss der Umfrage verorten die unter 35-Jährigen die Gründung des Nationalstaats seltener im Jahr 1848 als die über 65-Jährigen, zu denen auch der Bundespräsident gehört. Und weniger Junge sehen Tell als die literarische Figur und Sagengestalt, die er ist.Ob das eher am schwindenden Geschichtsunterricht in den Schulen liegt oder an gewonnener Altersweisheit, bleibe dahingestellt. Die Schweiz ist auf jeden Fall komplizierter, als es auf eine Kappe passt. Und trotzdem feiert sie am 1. August gemeinsam. Vielleicht ist es ja gerade das, was das Land tatsächlich «great» macht. Ob nun seit 1291 oder 1848.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel