Nein, die Schweizer hassen uns nichtAm Sonntag stimmen die Schweizer darüber ab, ob die Einwanderung bald gestoppt werden soll. Eine Initiative will das Land auf eine 10-Millionen-Schweiz begrenzen. Unser Autor lebt als Deutscher in der Schweiz und ordnet ein.12.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDamals war noch weniger verbaut, ein Spaziergang am Zürichsee im Jahr 1939. Heute leben über 2,5 Millionen Ausländer in der Schweiz.Keystone / Photopress-ArchivNein, die Schweizer hassen die Ausländer nicht. Auch die Deutschen nicht. Nun gut, manche vielleicht schon. Trotzdem ist die Schweiz eines der internationalsten Länder Europas. Fast 30 Prozent aller Menschen hier sind Ausländer, in Deutschland sind es bloss um die 17 Prozent. Mit den Einwanderern klappt es in der Schweiz ziemlich gut. Sie hat strenge Regeln zur Migration und achtet auf die Integration. Aber darum geht es nicht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Schweiz stimmt diesen Sonntag darüber ab, ob sie eine Bevölkerungsobergrenze von 10 Millionen Einwohnern einführen soll. Heute leben fast 9,2 Millionen Menschen in dem kleinen Land, zwei Millionen mehr als zu Beginn des Jahrtausends. Deutschland ist im vergangenen Jahr um 100 000 Menschen geschrumpft.Die Schweizer fürchten sich vor ihrem Erfolg. Und davor, dass es immer so weitergehen könnte. Die Ausländer kommen, weil die Lebensbedingungen so gut sind. Und weil sie gebraucht werden. Die Schweizer Wirtschaft ist leistungsstark, deswegen holen die Unternehmen so viele hochqualifizierte Fachkräfte ins Land. Die Schweiz ist politisch stabil, die Steuern sind niedrig, deswegen verlegen so viele ausländische Firmen ihren Sitz hierhin. Auch sie brauchen Arbeitskräfte. Die Wirtschaft treibt den Wohlstand des Landes voran.Doch Erfolg ist eine Spirale, die sich immer schneller dreht. All die ausländischen Banker, Pharmavertreter und IT-Experten gehen auch ins Restaurant und zum Coiffeur. Sie schaffen neue Arbeitsplätze, die wieder von neuen Ausländern besetzt werden. Das Land wächst und wächst. Laut dem Schweizer Bundesamt für Statistik könnte es in fünf Jahren die Schwelle von 9,5 Millionen Einwohnern überschreiten.Dichtestress und NostalgieNun ist die Schweiz ein kleines Land, Politiker fahren mit dem Zug zur Arbeit, am Nationalfeiertag laden Bauernfamilien zum Frühstück ein. Jedem Schweizer sein Hüsli, die Natur gehört zur Kultur, die Berge sind der Sehnsuchtsort des Landes. Doch was, wenn der Blick darauf von einem Hochhaus versperrt wird? Oder eine Strasse plötzlich den Wanderweg kreuzt? Das Bevölkerungswachstum frisst sich in die Landschaft. Heute ist es enger als früher. Die Mieten steigen, im Zug stehen die Menschen zu Stosszeiten auch auf den Gängen, im Sommer sind die Schwimmbäder voll.Die Schweizer leiden an Dichtestress, sagen sie. Das Wort ist diffus, und so ist ihr Leiden. Die Schweizer wohnen heute in grösseren Wohnungen als früher und fahren breitere Autos. Es gibt also durchaus noch Platz in diesem Land. Doch Dichtestress beschreibt auch das Gefühl, dass sich etwas verändert hat. Und das trifft zweifelsfrei zu.Die Zeiten der Heidi-Schweiz sind vorüber. Die Schweiz hat in den vergangenen 150 Jahren ihre Neutralität genutzt, um zum politischen Partner der Welt zu werden. Die wirtschaftsfreundliche Politik hat für ausreichend Geld gesorgt. Die einst bäuerlich geprägte Nation ist geschäftstüchtig geworden.Doch Wohlstand kann es ohne Wachstum nicht geben. Und beides bringt Veränderungen mit sich. Zum Beispiel Menschen, die nur Englisch oder Hochdeutsch sprechen. Wachsende Städte, laute Sportwagen und japanische Restaurants. Die Schweiz ist in der Moderne angekommen, die Vergangenheit ist ihr entrückt. Nostalgie schmerzt, sie ist darum ein umso stärkeres Instrument für die Politik.Mit der Abstimmung zur 10-Millionen-Schweiz erinnert die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei an eine Schweiz, die es so nie gegeben hat: an ein isoliertes Land des Wohlstands. Doch wer Wohlstand will, kann sich vor der Welt nicht verschliessen. Es ist dieser Widerspruch, in dem sich viele Schweizer befinden. Sie beklagen die Veränderung der Vergangenheit und fürchten den Wandel der Zukunft. Sie sehen in ihm kein Ziel.Die Schweiz weiss nicht, wer sie sein willVielleicht ist das der Kern des Problems: Die Schweiz weiss nicht, wer sie sein will. Ausländer taugen da als gute Abgrenzungsfolie. Wer nicht weiss, was er ist, weiss zumindest, was er nicht ist. Die Schweiz kommt aus dem Kleinen, die Berge waren einmal die reine Natur. Nun ist das Land gross geworden. Doch wollen das die Schweizer überhaupt?Ihre Unsicherheit tragen sie am Sonntag an die Urne.Wird die Volksinitiative zur Bevölkerungsobergrenze angenommen, ist bei 10 Millionen Einwohnern Schluss. Die Schweizer Regierung wäre dann dazu verpflichtet, das Bevölkerungswachstum zu stoppen, namentlich den Zuzug aus dem Ausland. Da die meisten Menschen aus Europa kommen, müssten die bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der EU wohl gekündigt werden. Das würde die guten Beziehungen des Landes zur EU gefährden. Die Schweiz wäre isoliert, das Wirtschaftswachstum gebremst.Politisch und wirtschaftlich ergibt die Initiative wenig Sinn, keine Frage. Doch die 10-Millionen-Schweiz könnte vielen in einer unkontrollierbar gewordenen Welt das Gefühl von Kontrolle zurückgeben. Es ist eine Abstimmung für oder gegen eine kosmopolitische Schweiz, die sich in den vergangenen Jahrzehnten so klein geworden ist, dass sie sich nun über ihre eigene Grösse erschreckt.Egal, wie sich die Schweiz am Sonntag entscheidet: Sie wird darüber nachdenken müssen, wer sie sein will.Passend zum Artikel