PfadnavigationHomePolitikDeutschlandMesserangriff in TrierMerz-Anruf bei Familie von Marius (†22) – „Die Geste bekam ich auch“, sagt Vater von Brokstedt-OpferStand: 09:50 UhrLesedauer: 5 MinutenNach dem tödlichen Messerangriff auf einen Studenten in Trier hat Kanzler Merz telefonisch sein Beileid bekundet. Michael Kyrath, dessen Tochter bei einer Messerattacke getötet wurde, kritisiert die Untätigkeit der Politik.Immer wieder Taten, Waffen und Tatmotive: Michael Kyrath, Vater des Brokstedt-Opfers, sieht die Debatte um Migrantengewalt in einer Sackgasse. Dass der Kanzler sich bei den Eltern des erstochenen Marius Dick gemeldet habe, sei eine leere Geste.Er stellt stellvertretend für viele Eltern, die ihre Kinder durch Messergewalt verloren haben: Michael Kyrath aus Elmshorn musste vor dreieinhalb Jahren sein einziges Kind, die damals 17 Jahre alte Ann-Marie begraben. Das Mädchen wurde am 18. Januar 2023 gemeinsam mit ihrem damaligen Freund in Brokstedt bei einem Messerangriff in einem Regionalzug ermordet. Täter war Ibrahim A., der noch im selben Jahr zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde.Seit dem Tod der Tochter geht ihr trauernder Vater immer wieder an die Öffentlichkeit. Der Zahntechniker organisierte auch schon Demonstrationen und Mahnwachen für die Opfer von Messergewalt. Nachdem mit Marius Dick, 22, in Trier am vergangenen Mittwoch erneut ein junger Mensch von einem ihm zuvor völlig unbekannten Mann (unter Verdacht: der 22 Jahre alte Sajad M.) erstochen wurde, schildert Kyrath bei WELT TV seine Gefühle. Das Interview führten Marie Droste und Alexander Siemon. WELT: Niemand kann wahrscheinlich aktuell besser verstehen und nachempfinden, was Familie Dick, also die Angehörigen von Marius, gerade durchmachen als Sie persönlich. Ihre Tochter Ann-Marie wurde vor 3,5 Jahren bei einer Messerattacke in einem Zug in Brokstedt ermordet. Sie haben damals gefordert, dass sich in Deutschland etwas ändern muss. Wenn Sie jetzt zurückschauen, auch auf das, was Sie jetzt gerade hören, hat sich in unserem Land etwas geändert?Michael Kyrath: Der Fall mit Marius zeigt genau das: Es sind ja keine utopischen Forderungen. Genau dasselbe, was Marius’ Eltern jetzt fordern, habe ich auch vor dreieinhalb Jahren gefordert. Mir wurde dann auch alles Mögliche versprochen, alles zugesichert. Ich habe häufig (von der Politik, d. Red.) gehört: Wir sprechen darüber, wir diskutieren darüber, wir planen, wir machen. Im Endeffekt aber ist es so brutal, wie es sich anhört: „...Und täglich grüßt das Murmeltier.“ Es ist einfach immer wieder das Gleiche: Es wiederholen sich die Taten. Es sind auch immer wieder dieselben Täterprofile. Es ist dasselbe Tatwerkzeug. Es ist nahezu derselbe Tathergang, und es sind dieselben Tatmotive (der Attentäter von Trier ist mutmaßlich psychisch erkrankt, ebenso wie Ibrahim A., der Brokstdt-Täter, d. Red). Und im Anschluss sind es immer dieselben Floskeln der üblichen verantwortlichen Politiker, die letztlich nichtssagend sind. Im Endeffekt kommt auch nichts dabei heraus. Es ändert sich leider überhaupt nichts. Und ich kann nur die Eltern unterstützen und ihnen auch meine Hilfe, meine Unterstützung anbieten. Aber dass da politisch irgendetwas draus folgt – ich verliere so langsam meinen Glauben daran.Lesen Sie auchWELT: Inwiefern findet die Regierung – auch jetzt nach der Tat von Trier – nicht die richtigen Antworten, um mit der Tatsache umzugehen, dass Migranten aus den Hauptherkunftsländern bei den Messerattacken in Deutschland stark überrepräsentiert sind?Kyrath: Das müssen Sie die Beteiligten fragen, warum Sie sich der Wahrheit verwehren. Es ist erschreckend, dass jeden Tag 80 Messerattentate in Deutschland stattfinden und fast die Hälfte dieser Taten enden mit schweren und tödlichen Verletzungen. Und es trifft häufig unsere Kinder. Ich sage es hier wirklich in aller Deutlichkeit: Die verantwortlichen Politiker in Berlin, die das zu verantworten haben, sollen sich mal im Spiegel anschauen, ob das wirklich das Wahre ist, jeden Tag Kinderleben zu opfern auf dem Altar politischer Eitelkeiten. Da kann ich nur sagen: Pfui, pfui, pfui.WELT: Sie erwarten also Taten? Nun hat sich Bundeskanzler Friedrich Merz gestern persönlich am Telefon bei Familie Dick gemeldet und gesagt, er wolle etwas tun. Hilfe wurde also angeboten, auch vom Ministerpräsidenten (Rheinland-Pfalz, CDU-Politiker Gordon Schnieder). Wie wichtig sind solche Gesten? Wie wichtig ist es, zu merken: Mein Fall spielt eine Rolle und vielleicht ändert sich was danach?Kyrath: Oh, diese Geste habe ich von vielen Politikern aus Berlin auch bekommen. Und passiert ist im Endeffekt gar nichts. Das tut mir furchtbar leid, dass ich da Familie Dick vielleicht ein bisschen die Hoffnung nehmen muss. Es wird viel geredet, es wird aber nicht gehandelt. Wie gesagt, seit dreieinhalb Jahren grüßt täglich das Murmeltier. Es ist wirklich frustrierend, und es ist auch beschämend. Und auch ein absoluter Schlag ins Gesicht aller verwaisten Eltern, was hier passiert. Wir haben die Gesetze, nur die Politiker weigern sich, diese Gesetze anzuwenden. Das beginnt mit Grenzschließungen: Wir müssten erstmal sondieren, wer in diesem Land ist, was er für Pläne hat, welche Ausbildung er hat. Wir wissen das alles überhaupt nicht, außer beim Bürgergeld. Das fließt jeden Monat und jeder, der irgendwo etwas dagegen sagt, wird sofort stigmatisiert, beleidigt und mundtot gemacht. Wir reden nicht von Verallgemeinerung. Wir reden davon, dass wir endlich anfangen müssen, eine intelligente, vernünftige Debatte mit Fingerspitzengefühl zu führen, um unsere Kinder zu schützen.Es gibt nichts Wichtigeres und nichts Ehrlicheres in unserem Leben, was wir jemals zu sehen und zu hören bekommen, als das Lachen eines unserer Kinder. Ein Kinderlachen kennt keine Hautfarbe, keine Herkunft, keine Sprache, keine Religion und erst recht keine politischen Befindlichkeiten. Und wir opfern das Lachen und das Leben unserer Kinder mit einer Leichtfertigkeit, weil irgendwelche politischen Motivationen da fehllaufen. Und das bin ich, ebenso wie auch Familie Dick (die Eltern haben öffentlich politische Konsequenzen gefordert, WELT berichtete), nicht mehr bereit zu tragen.Transkript: krott