München (dpa/lby) - Lieder, die Freunde und Angehörige für die Toten ausgesucht haben. Blumen und Kränze. Hinterbliebene, die mit schmerzlichen Worten an ihre Liebsten erinnern - und zugleich ihre Enttäuschung über die damaligen Ermittlungen ausdrücken. Viel Politprominenz, mit der Aufforderung zum Kampf gegen Rassismus und Hass: Mit einer bewegenden Feier hat München der neun Opfer der rassistischen Anschlags am Olympia-Einkaufszentrum vor zehn Jahren gedacht.„Ich liebe dich bis zu meinem letzten Atemzug“, wendet sich die Mutter in ihrer Rede an dem Mahnmal am damaligen Tatort unter Tränen an ihren getöteten 14-jährigen Sohn. Immer wieder werden die Namen der Opfer verlesen, Engel, wie sie die Redner nennen: Guiliano, Armela, Can, Dijamant, Hüseyin, Roberto, Sabine, Selcuk und Sevda. Eine Mahnung gegen das Vergessen. Eine Minute, in der München stillstand Um 17.51 Uhr stand ganz München eine Gedenkminute lang still. Busse und Bahnen stoppten, Menschen hielten schweigend inne. Um diese Zeit am 22. Juli 2016 hatte ein 18-Jähriger die ersten Schüsse abgegeben - auf Menschen, die seinem rassistischen Feindbild entsprachen. Acht junge Menschen, die das Leben vor sich hatten, eine Frau, die Ehemann und Söhne hinterließ. Weitere Menschen wurden verletzt. Der Täter erschoss sich selbst. Schon das Datum deutete auf die rechte, rassistische Überzeugung des Täters hin: Fünf Jahre zuvor, am 22. Juli 2011, hatte der Rassist Anders Behring Breivik in Norwegen 77 Menschen getötet. Aber erst im Oktober 2019 - mehr als drei Jahre nach der Tat am OEZ - stuften die Münchner Ermittler diese als rechtsextremistisch motiviert ein. Ähnlich war es beim Oktoberfestattentat von 1980. Da dauerte es vier Jahrzehnte Jahre, bis der rechtsextreme Hintergrund offiziell bestätigt wurde. Steinmeier: Tat betrifft unser ganzes LandBundespräsident Frank-Walter Steinmeier nutzte seine Rede auch für einen Appell: „Begreifen wir es endlich: Zuwanderungsgeschichte haben nicht nur einzelne Menschen - unser ganzes Land hat sie. Deutschland ist ein Land mit Migrationshintergrund. Das macht uns aus“, sagte Steinmeier. Die rassistische Tat vom OEZ betreffe nicht nur die Opfer und ihre Angehörigen und Freunde, nicht nur die Stadt München, nicht nur den Freistaat Bayern, „sie betrifft unser ganzes Land, und sie geht uns alle in diesem Land an“. Die Opfer würden nicht vergessen.Aigner erinnert an andere rechte Anschläge Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) verwies auf andere rechtsextremistische Attentate in Deutschland und weltweit: das Oktoberfestattentat, die Morde des NSU, Hanau und Halle. Aigner nannte auch Schongau, wo ein 16-Jähriger zwei Mädchen niederstach. Immer wieder sei von Einzeltätern die Rede, aber die Muster der Verachtung seien nicht zu übersehen, sagte Aigner. Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) sagte, der Tag der Tat habe die Stadt „ins Mark getroffen“. Es sei einer der schwersten rechtsextremen Terroranschläge in der Geschichte der Bundesrepublik. Krause stelle auch die Frage: „Warum fällt es unserer Gesellschaft immer wieder so schwer, rechtsextremen Terror als das zu benennen, was er ist?“Kritik an Ermittlern und Politik Genau das ist es, was die Hinterbliebenen wütend macht. Sie fordern nun einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss: Hätte die Tat verhindert werden können, wenn Hinweise aus dem Umfeld des 18-Jährigen ernst genommen worden wären? Mögliche Hintermänner und Netzwerke müssten aufgeklärt werden, hieß es bei der Initiative München erinnern, die das Gedenken mit organisiert hat. „Wir mussten für alles kämpfen“ „Wir hätten eure Unterstützung schon früher gebraucht“, rief unter Applaus die Großmutter des getöteten Guiliano, Gisela Kollmann, den Vertretern der Politik zu. „Wir mussten für alles kämpfen und hatten keinen Beistand. Wo wart Ihr zu diesem Zeitpunkt?“Sibel Leyla, Mutter des getöteten Can, spricht von dem Schmerz, der sie jeden Tag begleitet. „Wie viele Menschen müssen noch sterben, bis die Politik Verantwortung übernimmt?“, fragt sie. Und sagt: Rechtsterrorismus sei die schwere Folge von politischem Versagen, institutionellem Rassismus und gesellschaftlichem Schweigen.© dpa-infocom, dpa:260722-930-423615/1