Der Angriff kommt aus dem Nichts. An einem Vormittag Mitte Juli ist der Student Marius D. auf einem Fußgängerweg unweit des Campus der Universität Trier unterwegs. Wie es aus Ermittlerkreisen heißt, kommt er gerade vom Einkaufen, als ein junger Mann hinter einer Hecke hervorspringt – und ihn unvermittelt überfällt.Es kommt zu einem Handgemenge, in dem der mutmaßliche Täter mindestens zweimal mit einem Küchenmesser zusticht. Wenige Stunden später ist der 22-Jährige tot.Es ist eine Tat, die weit über Trier hinaus für Bestürzung sorgt. Und für Sorge, weil sie so wahllos erscheint. Laut Ermittlern soll es keinerlei Verbindung zwischen dem Täter und seinem Opfer gegeben haben. Sie sprechen von einer „zufälligen Begegnung“.Ein ebenfalls 22-Jähriger mit afghanischer Staatsangehörigkeit, der kurz nach dem Angriff verhaftet wurde, soll die Tat laut Polizei bereits gestanden haben. Nach vorläufigen Erkenntnissen soll der junge Mann, der seit 2015 in Deutschland lebt und laut Behörden als gut integriert galt, unter einer psychischen Erkrankung gelitten haben. Noch in jüngster Zeit habe er sich deshalb in psychiatrischer Behandlung befunden.Damit reiht sich die Tat von Trier ein in einen besorgniserregenden Trend. Ob in Aschaffenburg, Hamburg oder bei dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt – immer wieder begingen in den vergangenen Jahren Menschen Bluttaten, die zuvor psychische Auffälligkeiten gezeigt hatten. Einige befanden sich sogar bereits in psychiatrischer Behandlung und schlugen nach ihrer Entlassung zu.Diese Häufung wirft unangenehme Fragen auf. „Der Fall meines Sohnes muss jetzt Deutschland aufrütteln“, forderte etwa der Vater des ermordeten Studenten gegenüber „Bild“. „Ich appelliere an die Politik, unsere Bürger vor solchen Attentaten zu schützen.“Doch wie? Und warum scheint das so schwierig? Es fehlt an klaren Zuständigkeiten „Nicht jede Tat wird sich verhindern lassen“, sagt Dirk Peglow, Bundesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BdK). Dennoch ist er überzeugt, dass der Staat Voraussetzungen schaffen könne, damit erkennbare Risiken früher wahrgenommen und konsequenter bearbeitet werden.„Nach unserer Wahrnehmung fehlt es dabei noch zu häufig an klaren Zuständigkeiten, an einem funktionierenden Informationsaustausch und an ausreichend ausgestatteten Hilfesystemen“, sagt Peglow. Das Problem: Bei einer potenziell gefährlichen Person seien zwar viele Stellen zuständig – aber jede kenne nur einen Ausschnitt. „Erst in der Gesamtschau kann sich ein Bild ergeben, das auf eine mögliche Eskalation hindeutet. Deshalb brauchen wir bei konkreten Hochrisikofällen ein verbindliches, ressortübergreifendes Fallmanagement.“Die Bundesregierung sieht das grundsätzlich ähnlich. Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD festgeschrieben, zur Verhinderung von Gewalttaten eine gemeinsame Risikobewertung einzuführen – mit dem Ziel der „frühzeitigen Erkennung entsprechender Risikopotenziale bei Personen mit psychischen Auffälligkeiten“.Nicht die Diagnose darf im Mittelpunkt stehen, sondern konkrete Verhaltensweisen, Warnsignale und erkennbare Eskalationsentwicklungen.Dirk Peglow, Vorsitzender des Bundes deutscher Kriminalbeamter, fordert mehr ZusammenarbeitDa Gefahrenabwehr Ländersache ist, soll eine bereits seit 2020 bestehende Bund-Länder-Arbeitsgruppe bundesweite Standards entwickeln. Deren Empfehlungen befinden sich noch in der Abstimmung. Als mögliches Vorbild gilt das NRW-Projekt „PeRiskoP“, das einen schnelleren Datenaustausch zwischen Polizei und anderen Stellen wie etwa Schulen, Gesundheitsämtern und psychiatrischen Einrichtungen anstrebt. Ziel ist es, möglichst schnell zu einer fundierten Risikoeinschätzung zu kommen.„Der Grundgedanke ist richtig“, sagt BdK-Chef Peglow. „Nicht die Diagnose darf im Mittelpunkt stehen, sondern konkrete Verhaltensweisen, Warnsignale und erkennbare Eskalationsentwicklungen.“ Wichtig sei aber, dass solche Programme transparent, rechtssicher und wissenschaftlich überprüfbar seien. Risikofaktor Vertrauensbruch Therapeuten und Psychiater zeigen sich dennoch skeptisch. „Pauschale Register psychisch erkrankter Menschen und eine Weitergabe von Behandlungsdaten an Sicherheitsbehörden sind nicht zielführend“, sagt Andrea Benecke, Präsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK).Da schwere Gewalttaten selten und individuell nicht verlässlich vorhersehbar seien, so ihre Warnung, würden solche Maßnahmen sehr viele Menschen zu Unrecht als gefährlich einstufen. Und könnten sie davon abhalten, sich behandeln zu lassen.Das Risiko für schwerste Gewalttaten ist im Vergleich zur nicht erkrankten Bevölkerung um den Faktor zehn erhöht.Die forensische Psychiaterin Nahlah Seimeh über die Gefahr durch Erkrankungen mit wahnhaftem Realitätsverlust.Tatsächlich zeigen Erhebungen, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht häufiger Gewalttaten begehen als Gesunde, sondern vielmehr häufiger selbst Opfer von Gewalt werden.Aber ist es angesichts der Häufung der Fälle wirklich so einfach? Nahlah Saimeh arbeitet seit drei Jahrzehnten als forensische Psychiaterin und hat unzählige Gutachten zu Gewalttaten erstellt. Für sie ist es ein Trugschluss, zu glauben, dass bestimmte Erkrankungen kein erhöhtes Gewaltpotenzial hätten. Fehlende Kontinuität in der Behandlung Vor allem bei Erkrankungen mit wahnhaftem Realitätsverlust sei „seit Jahren bekannt, dass das Risiko für schwerste Gewalttaten im Vergleich zur nicht erkrankten Bevölkerung um den Faktor zehn erhöht ist“. Komme noch Rauschmittelkonsum hinzu, steige der Faktor auf das 28-Fache.Besonders gefährdet seien dabei Menschen, die infolge des Verlustes kulturell-normativer Kontrollen und möglicher Verwahrlosung, ein erhöhtes Risiko hätten, Psychosen zu entwickeln. Dazu komme oft Rauschmittelkonsum. „Die Prävention müsste in diesem Bereich zwingend verbessert werden, etwa indem Erstaufnahmeeinrichtungen fest an psychiatrische Spezialambulanzen angebunden werden.“Saimeh schlägt zwei weitere konkrete Maßnahmen vor: Erstens brauche es eine ausreichende Rechtsgrundlage zur längeren stationären Behandlung – die Verweildauer von Patienten mit nachweislich gefährlichen Krankheitsbildern sei oft viel zu kurz. „Man muss ehrlich sein: Eine wirksame Prävention ist in diesem Bereich auch sehr teuer“, sagt Saimeh.Zweitens müssten psychiatrische Ambulanzen besser für die Risikobeurteilung bei Fremdgefährdung geschult werden. „Diejenigen Patienten, die später schwere Gewalttaten begehen, waren oftmals vorher schon gewalttätig und zwangsweise in der Psychiatrie.“Auch Benecke sieht in fachgerechter psychiatrisch-psychotherapeutischer Behandlung „letztlich die wirksamste präventive Maßnahme“. Diese reduziere das Gewaltrisiko nachweislich. Ebenso wichtig seien Maßnahmen zur sozialen Integration und Teilhabe.„Es fehlt vor allem an Behandlungskontinuität“, sagt sie. „Mobile multiprofessionelle Angebote sind nicht flächendeckend verfügbar, sozialpsychiatrische Dienste häufig unzureichend personell wie finanziell ausgestattet.“Deshalb brauche es dringend „niedrigschwellige, kultursensible, engmaschige und aufsuchende Behandlungsangebote für Menschen mit schweren psychischen Störungen“. Diese müssten flächendeckend ausgebaut werden, fordert Benecke – und von der Politik auskömmlich finanziert werden.
„Der Fall meines Sohnes muss jetzt Deutschland aufrütteln“: Wie der Staat vor Gewalttaten psychisch erkrankter Täter schützen soll
Aschaffenburg, Magdeburg, Hamburg – und jetzt Trier. Immer wieder begehen psychisch belastete Menschen Bluttaten, obwohl sie bereits in Behandlung waren. Was kann man dagegen tun?












