KommentarMerz’ Glaubwürdigkeit als Politiker ist angeschlagen, sein Konservativismus ist museal. Jens Spahn nahm den Bruch mit dem Kanzler offensichtlich bewusst in Kauf, um sich von dieser Regierung abzusetzen.20.07.2026, 17.45 Uhr3 LeseminutenJens Spahn (links) und Friedrich Merz im Deutschen Bundestag, Berlin, Juli 2025.Florian Gaertner / ImagoIm Jahr 2020 wurde Friedrich Merz von der «Bild»-Zeitung gefragt, ob er sich einen schwulen Kanzler vorstellen könne. Merz befand, dass die sexuelle Orientierung die Öffentlichkeit nichts angehe, fügte allerdings hinzu: «solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft». An dieser Stelle sei für ihn eine absolute Grenze erreicht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jens Spahn griff die Worte damals auf und kritisierte Merz dafür, Homosexualität mit Pädophilie in Verbindung zu bringen. Sechs Jahre später aktualisierte sich die Auseinandersetzung, als Spahn den Kanzler über die bevorstehende Geburt seines Sohnes informierte.Merz’ Reaktion darauf ist symptomatisch für seine schwankende Politik: Zuerst gratuliert er Spahn, wenig später fordert er den CDU-Fraktionsvorsitzenden zum Rücktritt auf. Als Spahn dieser Forderung nachkommt, setzt Merz eine Pointe drauf: Die Entscheidung von Spahn sei richtig, erklärte der Kanzler, Glaubwürdigkeit sei das höchste Gut.Damit spielte Merz auf Spahns heuchlerisches Verhalten an: Als Politiker sprach er sich gegen Leihmutterschaft aus, als Privatmann nahm er sie hingegen gern in Anspruch. Das Kind von ihm und seinem Mann wurde von einer Leihmutter in den USA ausgetragen.Die selektiv empörte UnionSicherlich war es ein Fehler, dass Spahn sich nicht öffentlich für eine Legalisierung der Leihmutterschaft einsetzte. Das gestand er rückblickend auch ein. Gleichzeitig erstaunt es, welche Empörung dieser Fall in der Union auslöst und mit welcher Gelassenheit die CDU und die CSU die Politik von Friedrich Merz über sich ergehen lassen.Der Kanzler brach mit zentralen Versprechen seines Wahlkampfs: Allen voran belastet er Deutschland mit einem riesigen Schuldenpaket, das er «Sondervermögen» nennt. Er verkündete, er schaue weder links noch rechts, und doch verfolgt seine Regierung – wie die vorherigen auch – sklavisch die deutsche Brandmauer-Politik. Wenn der Kanzler nun in Spahns Fall die Glaubwürdigkeit zitiert, mutet dies grotesk an. Man könnte auch sagen «unglaubwürdig».Ehe und Familie sind per se konservativDie Auseinandersetzung von 2020 um Homosexualität zeigt überdies, dass selbst Merz’ Konservativismus nicht mehr zeitgemäss ist. Merz verteidigt den Konservativismus an Fronten, an denen es gar keine Verteidigung mehr braucht. Dann wiederum ist er in Politikfeldern zu passiv oder zu kontraproduktiv, wo es wirklich darauf ankäme.Dass homosexuelle Paare Kinder haben dürfen, ist für die meisten Konservativen akzeptiert oder keine besonders relevante Frage mehr. Sehr viel entscheidender ist es, wie sich die Union zu Fragen der Sicherheit, der Wirtschaft, der Migration und des Umgangs mit dem Islam stellt. Anders als Friedrich Merz haben viele Konservative längst erkannt: Eine Ehe zu führen, ist heute per se schon konservativ, eine Familie zu haben, sowieso – die Frage der Homosexualität ist geradezu irrelevant. Damit kann sich heute noch die Kirche beschäftigen.Wie sehr sich das geändert hat, kann man allein daran ermessen, dass die rechtsnationale AfD die Umfragen anführt, obschon die Partei von einer homosexuellen Frau geführt wird, die mit ihren Kindern in der Schweiz lebt. Laut dem Grundsatzprogramm lehnt die Partei die Homo-Ehe sogar ab, dennoch scheinen Alice Weidels Homosexualität und ihre Familie kaum jemanden zu kümmern. Dass die Parteichefin im Widerspruch zu ihrem Programm lebt? Interessiert höchstens die Gegner der AfD.Spahn bringt sich vor Merz in SicherheitDass Spahn Merz über seine Vaterschaft erst wenige Tage vor der Geburt seines Sohnes informiert hat, legt nahe, dass er den Bruch mit dem Kanzler bewusst in Kauf genommen hat. Sonst hätte er sich mit Merz schon vor Monaten abgesprochen und eine gemeinsame Kommunikationsstrategie erarbeitet.Spahn dürfte also zwei Szenarien im Blick gehabt haben. Erstens: Er überrumpelt Merz und hofft, im Amt zu bleiben und damit möglicherweise auch die Debatte über Leihmutterschaft in Deutschland zu verändern. Damit hätte er seine Machtposition sogar gestärkt. Zweitens: Er scheidet aus dem Führungsgremium der Union aus und setzt sich von einer Regierung ab, die seinem politischen Ansehen mutmasslich in den kommenden Jahren weiter geschadet hätte.Denn eines ist ziemlich sicher: Der Ehrgeizling Spahn wird früher oder später in die Politik zurückkehren wollen. Gut möglich, dass er darauf pokert, dass ihm die Distanz zu Merz längerfristig nützt und dass die Debatte um Homosexualität und Leihmutterschaft schon in einigen Jahren auch in Deutschland ganz anders geführt wird. Ob die Zeit für Spahn spielt, ist ungewiss. Deutlich klarer ist, dass Friedrich Merz die Zeichen der Zeit nicht versteht.Passend zum Artikel