Wer wird Spahns Nachfolger? Und welche Auswirkungen drohen nun Friedrich Merz?Jens Spahn beauftragt eine Leihmutter und tritt nach heftiger Kritik als Fraktionschef der Union zurück. Was passiert jetzt? Die wichtigsten Fragen und Antworten zu einem Thema, das den deutschen Politbetrieb noch lange beschäftigen könnte.19.07.2026, 11.48 Uhr4 LeseminutenPlötzlich allein: Jens Spahn trat am Samstag als Fraktionschef der Union zurück. Parteikollegen hatten ihn dazu aufgefordert, nachdem er in den USA den Dienst einer Leihmutter in Anspruch genommen hatte.Kay Nietfeld / DPAEigentlich hatte sich der deutsche Kanzler Friedrich Merz einen ruhigen Sommer gewünscht. Jetzt ist der politische Betrieb in Berlin plötzlich in Aufruhr: Jens Spahn tritt als Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag zurück. Er und sein Ehemann hatten die Dienste einer Leihmutter in den USA in Anspruch genommen – eine Dienstleistung, die in Deutschland verboten ist und gegen die sich auch Spahn früher kritisch geäussert hatte. Innerparteilich sorgte das für heftige Kritik.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Christlichdemokraten würden das Thema am liebsten schnell vergessen machen. Es könnte den politischen Betrieb und den Kanzler aber noch lange weiter beschäftigen.Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten:Wie geht es jetzt weiter?Bundeskanzler Friedrich Merz will die Nachfolge von Spahn laut Medienberichten schnell klären. Noch im Juli soll der Vorsitz der Unionsfraktion neu besetzt werden.Die erste Gelegenheit zur Diskussion bietet sich bereits am Montag: Vormittags trifft sich das CDU-Präsidium zu einer regulären Sitzung. Ob Merz danach schon einen Nachfolgekandidaten präsentieren kann, ist offen.Als Parteichefs von CDU und CSU haben Kanzler Merz und der bayrische Ministerpräsident Markus Söder ein Vorschlagsrecht bei der Besetzung der Fraktionsspitze. Offiziell gewählt wird der neue Vorsitzende in einer Fraktionssitzung. Da die nächste reguläre Sitzung erst am 8. September stattfindet, ist jedoch eine ausserordentliche Sitzung noch in der parlamentarischen Sommerpause denkbar.Wer könnte jetzt Fraktionsvorsitzender werden?Der meistgenannte Kandidat heisst Thorsten Frei, derzeit Kanzleramtsminister und damit Strippenzieher der Regierungsgeschäfte. Der 52-Jährige war schon nach der Bundestagswahl für das Amt als Fraktionschef im Gespräch. Als Kanzleramtschef stand er in letzter Zeit in der Kritik. Frei wird von einigen in der Union vorgeworfen, dass er die Koordination der Koalitionsgeschäfte nicht ausreichend beherrsche. Viele meinen, die Arbeit als Fraktionschef würde besser zu ihm passen. Mit Frei würde Merz einen loyalen Vertrauten an die Fraktionsspitze setzen.Noch ist Thorsten Frei Kanzleramtsminister.Lenny Karpe / ImagoEbenfalls gehandelt wird der bisherige Innenminister Alexander Dobrindt. Er gilt als Meister der Vernetzung und wird über die Parteigrenzen hinaus geschätzt. Übernimmt er den Vorsitz der gemeinsamen Fraktion von CDU und CSU im Bundestag, wäre er der erste CSU-Politiker in diesem Amt.Innenminister Alexander Dobrindt ist parteiübergreifend geschätzt.Andreas Gora / ImagoBei beiden, Frei und Dobrindt, käme es im Falle einer Kandidatur als Fraktionschef zu Rochaden und Neubesetzungen in der Zusammensetzung der Regierung.Weitere Namen im Gespräch sind Carsten Linnemann, CDU-Generalsekretär und ein loyaler Mitstreiter des Kanzlers, sowie Günter Krings, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Union. Er war im vergangenen Jahr Wunschkandidat von Merz für den Vorsitz der Konrad-Adenauer-Stiftung, scheiterte in einer Kampfabstimmung aber an Annegret Kramp-Karrenbauer.Wie war das Verhältnis des Kanzlers zu Spahn?Die Beziehung von Friedrich Merz und Jens Spahn war kompliziert. Sie waren innerparteiliche Rivalen, die phasenweise zu einer Zweckgemeinschaft zusammenfanden.2018 kandidierten sie beide für das Amt als Parteichef der CDU. Spahn schied als Erster aus, und auch Merz scheiterte gegen Annegret Kramp-Karrenbauer.2021 bewarb sich Merz erneut um den CDU-Parteivorsitz. Er unterlag in einer Stichwahl Armin Laschet, dessen Kandidatur bereits einen stellvertretenden Parteivorsitzenden vorsah: Jens Spahn.Ein Jahr später war bei der CDU alles anders. Die Kanzlerkandidatur von Laschet endete mit einer krachenden Niederlage, Merz übernahm doch noch den Parteivorsitz. Jens Spahn blieb still und erkannte die Vormachtstellung von Merz an.Im Frühling 2025 wurde Merz schliesslich Kanzler und band Spahn ein, indem er ihm das Amt als Chef der Unionsfraktion im Bundestag anbot. Viele sahen darin den Versuch, den politischen Kontrahenten unter Kontrolle zu behalten. Spahn galt zuletzt zwar als Stabilisator der Koalition, der Merz die Mehrheiten für seine Reformpläne verschaffte. Gleichzeitig wurden ihm immer wieder Ambitionen auf das Amt als Kanzler nachgesagt.Jetzt scheint das Verhältnis zwischen Friedrich Merz und Jens Spahn zerbrochen. Merz soll über Spahns Leihmutterschaft in den USA erbost gewesen sein und ihn zum Rücktritt aufgefordert haben. Als Spahn sich am Samstag tatsächlich zurückzog, bezeichnete der Kanzler das als «richtig» und «unvermeidlich». Merz sagte: «Glaubwürdigkeit ist in der Politik das höchste Gut.»Wie wirkt sich der Vorfall für Merz aus?Die Neubesetzung des Fraktionsvorsitzes kann für den Kanzler eine Chance sein. Denn mit Spahn geht ein Politiker, der aufgrund von Kontroversen wie der Maskenaffäre in weiten Teilen der Bevölkerung unbeliebt war und dem Ambitionen auf das Amt des Bundeskanzlers nachgesagt wurden. Zudem könnte Merz mit Personalrochaden seine Regierung strategisch neu ausrichten und nachbessern.Gleichzeitig sorgt der Rücktritt von Spahn erneut für Unruhe. Statt um Themen und Reformvorschläge dreht sich die politische Debatte im Land plötzlich wieder um Personen, gar um die Glaubwürdigkeit einer regierenden Partei. Dabei war Merz in letzter Zeit bemüht, die Arbeit seiner Regierung in ein gutes Licht zu stellen. Insgesamt sei Deutschland auf einem guten Weg, die Koalition habe schon viel erreicht, sagte der Kanzler beispielsweise vergangene Woche an der Sommerpressekonferenz.Welche Konsequenzen wird die Debatte haben?Im September, unmittelbar nach der parlamentarischen Sommerpause, stehen Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin an. Sie könnten für ein politisches Beben sorgen.Denn die Wahlaussichten für Union und SPD sind schlecht. In Sachsen-Anhalt liegt die AfD in Umfragen bei rund 40 Prozent der Wählerstimmen. Je nach Konstellation der Stimmanteile für die anderen Parteien könnte sie eine absolute Mehrheit erreichen – und damit erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik einen Ministerpräsidenten stellen.Passend zum Artikel
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