Jens Spahns Rücktritt war nicht nur richtig, es gab dazu auch keine vertretbare Alternative. Zu klar ist die Haltung der CDU zur Leihmutterschaft, zu tief sitzen die Überzeugungen, um die es dabei geht, als dass der Fraktionschef im Bundestag etwas tun könnte, das dieser Haltung fundamental widerspricht.Im vergangenen Sommer verhinderte die Unionsfraktion wegen des Themas Schwangerschaftsabbruch Frauke Brosius-Gersdorf als Verfassungsrichterin. Nun ging es wieder um fundamentale Fragen von Menschenbild und Menschenwürde. Von einer Fraktion, die wegen einer Richterwahl fast die Koalition platzen ließ, hätte niemand erwarten sollen, dass sie sich beim Thema Leihmutterschaft während der Sommerpause schon wieder abregen würde.Eine Volkspartei muss aushalten können, dass auch mal einer der ihren von der Parteilinie abweicht. Aber nicht so: bei gerade diesem Thema und durch jemanden in der ersten Reihe.Zumal Spahn seine private Entscheidung monatelang verschwiegen hat. Die Leihmutter, die sein Mann und er beauftragt hatten, war längst schwanger, da bekräftigte der CDU-Parteitag im Februar per Beschluss, dass Leihmutterschaft in allen Formen unannehmbar sei.Es wäre der späteste noch geeignete Moment für Spahn gewesen, transparent zu machen, was ihn umtreibt. Vielleicht nicht seine intimsten Gewissensnöte, aber mindestens seinen Meinungsumschwung hätte er in die Debatte einbringen sollen. Sollte es diesen Umschwung nicht politisch, sondern nur privat gegeben haben, wäre alles sogar noch viel schlimmer. So oder so: Spahn hat damals geschwiegen und jetzt die eigenen Leute auf unanständige Weise überrumpelt.Mit Vorbehalten gegen zwei Männer als Väter hatte die Diskussion der vergangenen Tage nichts zu tun. Das ist erfreulich und wäre vor zehn Jahren wohl noch anders gewesen. Es ging allein um zwei Dinge: um die ethische Bewertung der Leihmutterschaft als solcher, die auch Hetero-Paare oder Alleinstehende in Anspruch nehmen – und um das Stichwort Doppelmoral.Nach dem Fall Brosius-Gersdorf ist nun zum zweiten Mal der Name Jens Spahn damit verbunden, dass aus der geplanten sommerlichen Verschnaufpause für Schwarz-Rot nichts wird. Spahn, aller Kritik an ihm zum Trotz, hatte zuletzt gemeinsam mit SPD-Fraktionschef Matthias Miersch und CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann das Regierungsbündnis spürbar stabilisiert.Doch das heißt nicht, dass die Koalition durch seinen Abgang in Probleme geraten muss. Im Gegenteil: Denkbar ist eine Rochade, durch die sich das Management im Kanzleramt verbessert. Das wäre für Schwarz-Rot eine gute Nachricht. Zudem steht die Unionsfraktion mit jemand anderem als Spahn an der Spitze womöglich weniger unter Dauerverdacht, die Nähe zu Rechtsaußen-Positionen zu suchen.Für so vieles stand Jens Spahn in seiner politischen Karriere schon in der Kritik: Masken-Deals, Immobilien-Kredit, die Bekanntschaft mit Männern wie Richard Grenell und Peter Thiel, undurchsichtige Verflechtungen verschiedenster Art. Doch nun ist seine politische Karriere ausgerechnet an einem höchst privaten Thema gescheitert. Da sage noch einer, das wahre Leben schreibe nicht die verrücktesten Pointen.
Spahn gibt Amt als Fraktionschef auf: Dieser Rücktritt war nicht nur richtig, sondern auch zwingend
Eine Volkspartei muss aushalten können, dass auch mal einer der ihren von der Parteilinie abweicht. Aber nicht so wie Jens Spahn: auf diese Weise und bei gerade diesem Thema.












