Unionsfraktionschef Jens Spahn ist von seinem Amt zurückgetreten. In einem Brief an seine Abgeordneten, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt, schreibt Spahn, er habe die Vorsitzenden von CDU und CSU, Friedrich Merz und Markus Söder, darüber informiert. Beiden danke er für das in ihn gesetzte Vertrauen. „Mir ist in diesen letzten Tagen bewusst geworden, dass mein persönliches Glück, gemeinsam mit meinem Mann eine Familie zu gründen und Vater zu werden, nicht vereinbar ist, mit meinem politischen Amt“, schreibt Spahn. Denn der Spagat zwischen seiner privaten Entscheidung zu einem Kind durch Leihmutterschaft und der nachvollziehbaren Erwartung an ihn als Fraktionschef sei größer geworden als er es erwartet habe.„Es war mir eine große Ehre, Vorsitzender unserer gemeinsamen Fraktion sein zu dürfen“, schreibt Spahn. Er danke ganz besonders CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann und dem gesamten Fraktionsvorstand für „die immer vertrauensvolle und freundschaftliche Zusammenarbeit“. Auch SPD-Fraktionschef Matthias Miersch möchte er ausdrücklich für die gute und enge Zusammenarbeit danken. Diese sei ein Stabilitätsanker für die Koalition gewesen.Spahn stellt aber auch fest: „Die zunehmende Unerbittlichkeit in der öffentlichen Auseinandersetzung hat mich sehr nachdenklich gemacht.“ Er bittet darum: „Lasst uns bei aller Klarheit und Entschiedenheit in der Sache immer auch menschlich im Ton bleiben, denn das zeichnet uns als christlich-demokratische Volkspartei der Mitte aus.“ Eines sei ihm in den vergangenen Tagen immer klarer geworden: „Meine Familie ist mir das Wichtigste.“ Jetzt danke er allen Unionsabgeordneten für die gemeinsame Arbeit in den letzten 14 Monaten und wünsche ihnen alles Gute.Spahn reagierte mit seinem Rücktritt auf den enormen Unmut in seiner Partei darüber, dass er auf dem Weg zu seinem Kind deutsches Recht umgangen hat. Sein Mann und er haben in den USA durch eine Leihmutter einen Sohn bekommen. Als erster Christdemokrat von Rang hatte gestern der CDU-Landesvorsitzende von Mecklenburg-Vorpommern, Daniel Peters, in der Bild-Zeitung Spahns Rücktritt gefordert. Heute hatte dann auch Bundeskanzler Friedrich Merz intern signalisiert, dass er sich einen Rücktritt wünscht. Morgen ist Merz im ZDF zum Sommerinterview eingeladen.Wer Spahn nachfolgen wird, ist noch offen. Bis zur Wahl des nächsten Fraktionvorsitzenden übernimmt CSU-Landesgruppenchef Hoffmann kommissarisch die Amtsgeschäfte. Das liegt daran, dass der CSU-Landesgruppenchef qua Amt auch erster stellvertretender Vorsitzender der gesamten Fraktion ist. „Die Entscheidung von Jens Spahn verdient allerhöchsten Respekt“, erklärte Hoffmann. Er habe „die Unionsfraktion durch herausfordernde Zeiten geführt und zum Erfolg dieser Koalition maßgeblich beigetragen“.Als möglicher Kandidat für die Fraktionsspitze war immer auch Thorsten Frei genannt worden, er ist aktuell Kanzleramtsminister. Sollte er Fraktionschef werden, bräuchte es also auch einen neuen Kanzleramtschef. Das Vorschlagsrecht für den Fraktionsvorsitz haben die Parteivorsitzenden Merz und Söder. Sie werden die Entscheidung aber nicht ohne Rücksprache mit wichtigen Fraktionsvertretern treffen. Dazu zählt auch Günter Krings als Vorsitzender der NRW-Landesgruppe - sie ist noch vor der CSU-Landesgruppe die größte in der Unionsfraktion.