KommentarJens Spahns Rücktritt ist richtig. Dennoch ist der Schaden für die CDU grossDer Fraktionschef von CDU und CSU im Bundestag hat sein Amt zu Recht niedergelegt. Man kann sich als führender Politiker nicht folgenlos über das Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland hinwegsetzen.18.07.2026, 17.01 Uhr3 LeseminutenCDU-Politiker Jens Spahn (46, r.) mit seinem Ehemann Daniel Funke (44) und Baby Georg im Kinderwagen.Screenshot InstagramMit seinem Rücktritt an diesem Samstag hat der deutsche CDU-Politiker Jens Spahn das einzig richtige getan. Es war politisch unvermeidbar und moralisch geboten, die Führung der Regierungsfraktion im Deutschen Bundestag abzugeben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Denn es stösst nicht nur der eigenen konservativen Wählerschaft auf, wenn ein führender Christlichdemokrat das gut begründete Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland erst achselzuckend umgeht, um das Familienglück danach in der Boulevardpresse gross zu inszenieren.Sicher, Spahn und sein Ehemann haben gegen kein deutsches Gesetz verstossen, als sie einer amerikanischen Leihmutter ihre Dienste finanziell entgalten. Dem Wortlaut des Gesetzes nach machen sich in Deutschland tatsächlich nicht die Auftraggeber strafbar, sondern die beteiligten Mediziner.Zudem ist es nicht verboten, auf das Ausland auszuweichen. Einem normalen Bürger steht das frei, einem Abgeordneten und prominenten Repräsentanten der Regierungskoalition hingegen nicht. Über diesen dreisten Akt der Rechtsumgehung und über diese Doppelmoral ist Spahn gestolpert, und nicht etwa über längst überwunden geglaubte Homophobie.Spahn erwies sich erneut als instinktlosDass Spahn hoffte, den offenkundigen Widerspruch zwischen seiner öffentlichen und privaten Rolle durch gefühlige Fotos mit Kinderwagen vergessen machen zu können, zeugt im schlimmsten Fall von kalkulierender Kaltblütigkeit, wenigstens aber von politischer Instinktlosigkeit.Die hat er bereits im vergangenen Jahr bewiesen, als er keine Einwände erhob, die von der SPD vorgeschlagenen Juristin Frauke Brosius-Gersdorf als Richterin ans Bundesverfassungsgericht zu entsenden. In seiner Fraktion kam es angesichts ihrer Einstellungen zur Abtreibung zum Aufstand, der die Kandidatin schliesslich nachvollziehbarerweise zu Fall und Spahn in Bedrängnis brachte.In der CDU gibt es nach dem Laissez-Faire der Merkel-Jahre zu Recht das Bedürfnis, nicht alles zur taktischen Verhandlungsmasse zu erklären – schon gar nicht bestehende Gesetze wie das zur Leihmutterschaft, das die Würde der Frau wie die des Kindes schützen will. Erst Anfang Jahr bekräftigte die CDU ihre diesbezügliche Position, ohne dass Spahn dagegen Einwände erhoben hätte.Durch seinen Rücktritt kann er den angerichteten Schaden für die Glaubwürdigkeit seiner Partei begrenzen. Er kann sie allerdings nicht wiedergutmachen. Die CDU wird sich noch eine ganze Weile mit Vorwürfen konfrontiert sehen, dass für die classe politique offenbar eigene Gesetze gelten. Und das zu einem Zeitpunkt, da es für die Christlichdemokraten bei den Parlamentswahlen in drei ostdeutschen Bundesländern im September um viel geht.Den Wahlkämpfern vor Ort war die Dimension des Vorgangs sofort klar. Es war deshalb kein Zufall, dass Rücktrittsforderungen zuerst aus Mecklenburg-Vorpommern kamen. Dort steht der CDU angesichts einer immer stärker werdenden AfD das Wasser bis zum Hals. Noch dramatischer ist die Lage in Sachsen-Anhalt, wo die AfD die CDU an der Regierung ablösen könnte.Einen Nachfolger zu finden wird nicht einfachDer Parteivorsitzende der CDU und Kanzler Friedrich Merz kann deshalb nur froh sein, dass Spahn schnell zur Einsicht kam, ein Rückzug sei unumgänglich. Zwischen dem ersten Bericht in der «Bild»-Zeitung Mitte der Woche und dem Rücktritt vergingen nur wenige Tage. Spahns Abgang ermöglicht Merz zudem, seine Regierungsmannschaft neu aufzustellen.Einen Nachfolger für Spahn zu finden, wird freilich nicht einfach werden. Es muss einerseits ein Kandidat sein, der das Vertrauen der Abgeordneten von CDU und CSU geniesst. Deren Bereitschaft zu Kompromissen mit der SPD ist nach etwas mehr als einem Jahr gemeinsamer Regierung strapaziert.Gleichzeitig muss der neue Fraktionschef schnell eine verlässliche Arbeitsbeziehung zur SPD aufbauen, ohne deren linken Flügel keine einzige der grossen Reformen das Parlament passieren kann. Es ist keine einfache Ausgangslage, in die Spahn seine Partei, den Bundeskanzler und seine Regierung gebracht hat.Passend zum Artikel