«À voix basse»: Drei Generationen enthüllen Schuld und SchamNach dem Tod eines Mannes erfährt die Familie von seinem Doppelleben. Leyla Bouzids fein beobachtetes Familiendrama verbindet Trauer mit einer Reflexion über gesellschaftliche Zwänge in Tunesien.Pamela Jahn18.07.2026, 05.30 Uhr3 Leseminuten«À voix basse» erzählt, wie drei Generationen von Frauen mit einer unbequemen Wahrheit umgehen.CineworxWenn ein Mensch stirbt, hinterlässt er Erinnerungen, Fragen, manchmal auch Geheimnisse. Als die junge Tunesierin Lilia (Eya Bouteraa) zur Beerdigung ihres geliebten Onkels Daly in das Haus der Grossmutter (Salma Baccar) zurückkehrt, spürt sie neben dem Leid und der Trauer ein seltsames Unbehagen. Dass es mit Daly kein gutes Ende nehmen würde, davon sind sowohl ihre Mutter Wahida (Hiam Abbass) als auch deren Schwester Hayet (Feriel Chamari) überzeugt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Rätselhaft sind auch die Umstände seines Todes: Dalys Leiche wurde nackt auf der Strasse gefunden. Ein Skandal für die Familie; aber wie sich bald herausstellt, ist die Schande noch grösser. Erst ermittelt die Polizei mit Verdacht auf Fremdeinwirkung, dann wird aus dem Opfer postum ein Straftäter. Denn Daly war homosexuell, was in Tunesien bis heute mit Gefängnis geahndet wird.Zwischen Liebhabern und ScheinhochzeitLeyla Bouzid erzählt in «À voix basse», wie drei Generationen von Frauen mit der unbequemen Wahrheit umgehen, an der ihr Onkel, Bruder und Sohn zu Lebzeiten zerbrochen ist. Zwar hat es heimliche Liebhaber gegeben, aber auch eine Scheinhochzeit, initiiert von der traditionsbewussten Grossmutter.Lilia weiss, wie sich ein solches Versteckspiel anfühlt: Sie lebt seit Jahren im Ausland und hat sich gemeinsam mit ihrer Partnerin Alice (Marion Barbeau) in Paris eine Existenz als Ingenieurin aufgebaut. Obwohl sie gemeinsam zum Begräbnis reisen, wird Alice den Verwandten als Mitbewohnerin vorgestellt. Es gilt, den Schein zu wahren, die Ehre der Familie zu schützen. Und wohl auch sich selbst.Hiam Abbass kann Lilias Dilemma in gewisser Weise nachvollziehen. Die palästinensische Schauspielerin wurde 1960 in Nazareth geboren und ging in den späten 1980er Jahren nach Paris, um in Freiheit arbeiten zu können. Homophobie und die Diskriminierung von Minderheiten sieht sie als gesellschaftsübergreifendes Problem: «Man hört doch ständig hasserfüllte Äusserungen um sich herum», sagt sie mit einer leisen Wut im Bauch. «Aber wirklich, was sind das für Menschen, die anderen vorschreiben wollen, wer sie sein sollen oder wie sie zu leben haben?»Die tunesische Regisseurin Leyla BouzidUnifranceIhre Mutterfigur im Film ist im Stillen ähnlich aufgeschlossen, aber zugleich gefangen in den Fesseln ihrer Lebensrealität. Die Regisseurin Bouzid beschäftigt in ihrem dritten Spielfilm über das Politische der Geschichte hinaus vor allem Lilias innerer Konflikt: «Für mich ist die Beziehung zwischen diesen beiden Frauen an einem toten Punkt angelangt», sagt sie. «Ihre Freiheit ist auch in der westlichen Welt begrenzt, solange sie ihre Gefühle füreinander weiterhin vor Lilias Familie geheim halten müssen.»Die Geister in den WändenWie bereits in ihrem viel beachteten Debüt «À peine j’ouvre les yeux» (2015) und dem Nachfolger «Une histoire d’amour et de désir» (2021) treibt die tunesische Regisseurin die Frage um, wie soziale Prägungen unsere Persönlichkeit bedingen. Gleichzeitig begibt sie sich in «À voix basse» auf eine Spurensuche in die eigene Vergangenheit: «Der Film entstand aus dem Wunsch, im Haus meiner Grossmutter zu drehen», erinnert sie sich. «Seit meiner Jugend verfolgte mich der Gedanke, den Geistern in den Wänden nachzuspüren und diesen wundersamen Ort mit neuem Leben zu füllen.»Obwohl Lilia als Protagonistin im Vordergrund steht, wird das Drama von dem Rätsel um Dalys Tod angetrieben. Je tiefer Lilia im Nachlass ihres Onkels und in ihren Kindheitserinnerungen gräbt, desto mehr lösen sich die Schichten aus Schuld und Scham – und verdrängte Wahrheiten treten zutage. Auch die Kamera fängt die feinen Nuancen zwischen Licht und Schatten elegant ein. Ohne grosses Aufsehen verleiht Bouzid den leisen Stimmen in ihrem feinsinnigen Drama eine bemerkenswerte Präsenz – und fast unmerklich auch dem Schmerz eine gewisse Leichtigkeit, ja, sogar einen Hauch von Magie.«À voix basse»: Im KinoPassend zum Artikel
Doppelleben und Tabus: «À voix basse» beleuchtet Tunesiens Schattenseiten
Nach dem Tod eines Mannes erfährt die Familie von seinem Doppelleben. Leyla Bouzids fein beobachtetes Familiendrama verbindet Trauer mit einer Reflexion über gesellschaftliche Zwänge in Tunesien.







