Wenn in Tunesien jemand stirbt, dann steht bald darauf eine wichtige Zeremonie an: Zu Fark oder Farq kommen Angehörige und Nachbarn zusammen, um gemeinsam zu trauern. In dem Film „Mit leiser Stimme“ von Leyla Bouzid dauert Fark sechs Tage – man kann das vielleicht als eine regionale Variante betrachten, anderswo gibt es andere Abläufe für das Ritual. In diesem Fall sind wir in Sousse, die drittgrößte Stadt im Land, womit vielleicht auch angedeutet werden soll: Hier ist Tunesien besonders gut repräsentiert, nicht zu urban, nicht zu provinziell, nicht zu religiös, aber doch deutlich muslimisch geprägt. In diese Welt kommt eine junge Frau aus Frankreich. Lilia kehrt für eine Fark nach Hause zurück. Ihr Onkel ist gestorben, damit wird sie für ein paar Tage wieder Teil einer Großfamilie. Im Flugzeug sitzt Lilia neben einer blonden Frau, die sie nach der Ankunft in einem Hotel deponiert: Alice muss in Tunesien (vorerst) unsichtbar bleiben.Der Tod von Daly, so hieß der Onkel, ist von Geheimnissen umgeben. Er wurde nackt aufgefunden, scheint aber eines natürlichen Todes gestorben zu sei. Ein Herzversagen, das aber in einem bestimmten Kontext gesehen werden muss. Denn Daly war homosexuell, ein Umstand, der in der lokalen Kultur nicht wirklich ein Geheimnis war, der aber nun auch den Behörden vorliegt, denn es gibt polizeiliche Ermittlungen. Auf die Fark wirft das Vorgehen einen Schatten. Und Lilia sieht sich mit ihrem eigenen Geheimnis konfrontiert. Ihr Geheimnis ist Alice.Lilia arbeitet als Ingenieurin in ParisIn den Debatten der Gegenwart wird das sexuelle Selbstverständnis unter dem großen Begriff der Identität geführt. Identität ist das, was einen Menschen ausmacht. In vielen Fällen ist das nicht weiter ein Thema, man kann dann „unmarkiert“ man selbst ein, sehr viel häufiger aber bedarf Identität einer Selbstvergewisserung, einer Durchsetzung, einer Bewegung aus dem Versteck, einer Sichtbarmachung, einer Klärung. Ein sehr großer Teil des Weltkinos beschäftigt sich vorwiegend mit solchen Themen, die sehr häufig auch mit Aspekten von Zentrum und Peripherie auf dem Planeten zu tun haben. „Mit leiser Stimme“ ist dafür ein sehr gutes Beispiel.Lilia arbeitet in Paris als Ingenieurin, was in Tunesien eine Bemerkung auslöst: „Das ist nicht gerade ein Metier für Frauen.“ Dass in Frankreich oder auch in Deutschland Abiturientinnen ermutigt werden, MINT-Fächer zu studieren, kann in einer bestimmten Sicht auf die Geschlechterverhältnisse als Irrtum erscheinen. Umgekehrt kann die Tante, die diesen Satz sagt, für ein progressives Publikum in Deutschland zu einer Adressatin werden: Wäre es nicht wünschenswert, Lilia könnte nicht nur ihren Beruf, sondern auch die Sexualität unbefangen als ihr Eigenes zeigen? Im Englischen gibt es die Formulierung „to own something“, für die es im Deutschen keine gute Entsprechung gibt: oft findet sie Verwendung, wenn sich jemand einen umstrittenen Umstand offensiv „aneignet“ und zu einem Wesensmerkmal macht.Von einer solchen schrittweisen Aneignung erzählt Leyla Bouzid in „Mit leiser Stimme“. Homosexualität steht in Tunesien durch einen Gesetzespassus unter Strafandrohung, wird aber nicht oft sanktioniert. „Weibliche Homosexualität nehmen sie nicht ernst“, sagt ein junger Anwalt zudem an einer Stelle im Film und benennt damit einen Umstand, der Erleichterung verschaffen könnte, aber im Kern erst recht diskriminierend ist. Für Lilia wird die Großfamilie zu einem Feld, in dem sie sich auf unterschiedliche Weisen zeigen kann. Da ist die Tante, die gern Mojitos mixt – Alkohol ist ein weiteres, wenngleich nebensächliches Feld der Freiheit. Da ist die Großmutter, die so gut wie möglich vor den Wahrheiten beschützt werden muss. Aus beiläufigen Sätzen setzt sich nebenbei auch eine Biographie eines schwulen Mannes in Sousse zusammen: Daly „war am Ende sehr müde“, er trank viel, provozierte wohl auch und widersetzte sich damit der Devise all derer, die selbst nicht betroffen sind, aber jederzeit eine Meinung haben: „Verstecken ist die beste Lösung.“Leyla Bouzid verhandelt das Verhältnis von Tunesien zur modernen WeltIn Tunesien begann 2011 der Arabische Frühling, und Leyla Bouzid blickte 2015 mit ihrem ersten Film „Kaum öffne ich die Augen“ zurück auf diese Zeit, die für einen Moment einen Aufbruch versprochen hatte: Sie erzählte von einer jungen Frau, der die Tür zu einem Medizinstudium offensteht, deren Traum aber ist, auf einer Bühne zu stehen und zu singen. Auch da ging es um erstrebenswerte Metiers, um Rollenbilder und um kulturelle Hierarchien – in „Mit leiser Stimme“ gibt es eine Szene, aus der nebenbei hervorgeht, dass in bestimmten Kontexten immer die Sängerin Umm Kulthum das letzte Wort hat. Leyla Bouzid hat mit Blick auf Tunesien eine Rolle, wie sie die Autorin Leïla Slimani oder die Filmemacherin Maryam Touzani für Marokko innehaben: Sie erzählt von Freiheiten und Beschränkungen auf eine Weise, dass in dieser Geschichte immer auch das Verhältnis von Tunesien zur modernen Welt verhandelt wird und konkret natürlich: das Verhältnis zu Frankreich, das sich unter anderem in dem Sprachengemisch zeigt, das in „Mit leiser Stimme“ gesprochen wird.Lilia möchte Alice ihre „tunesische Seite“ zeigen, ihre französische Seite bleibt im Off. Was für die Hauptfiguren gilt, gilt im gleichen Maß für den Film selbst (und für viele vergleichbare): Er hat eine tunesische Seite und eine französische oder europäische. Das Arthousekino hat seit 1990 einen eigenen Universalismus ausgeprägt, der sich de facto an den identitäts- oder freiheitspolitischen Errungenschaften der europäischen Länder orientiert. Diese Matrix führt gelegentlich dazu, dass die „andere Seite“, im konkreten Fall die „tunesische Seite“, nur noch mit Bezug auf die großen Themen von Interesse ist. „Mit leiser Stimme“ von Leyla Bouzid ist von diesem Schematismus nicht frei. Alle Figuren haben eine klar zugeordnete erzählerische Funktion. Alle stehen für etwas, es bleibt wenig Raum für eine spezifische Erkundung, so bleibt auch Sousse eher eine Chiffre. Und Fark wird zu einem äußeren Anlass, wo es doch von großem Interesse sein könnte, den Formen des Trauerns in Tunesien ein wenig genauer Raum zu geben.
„Mit leiser Stimme“: Leyla Bouzids Kinofilm über Tunesien
Lilias Leben spielt in Paris, aber als ihr Onkel stirbt, kehrt sie nach Tunesien zurück. In Leyla Bouzids „Mit leiser Stimme“ muss die junge Frau sich mit der eigenen Identität auseinandersetzen.







