Anousch Mueller erzählt von einem verunsicherten Aufwachsen in Thüringen. Das Familienleben im Abseits ist von Verschweigen geprägt. Ein Kind fehlt.

Erzählt knapp und nüchtern von Lenis Erschütterungen: Anousch Mueller

Marlen Müller

Diese verdammten Familiengeheimnisse, irgendwann kommen sie ja doch raus. Lenis Vater kann manchmal kaum an sich halten, immer wieder macht er Andeutungen. Zum Glück wohne die Familie nicht am See, so müsse er sich wenigstens nicht sorgen, dass eines seiner Kinder ertrinkt. Er kümmert sich um ihr Wohlergehen, während die Mutter vergeblich versucht, das jeweils Jüngste zu stillen. Die anderen stören sie dabei. Wir erfahren das von Leni, der Großen. Sie ist die Ich-Erzählerin der Geschichte, empfänglich für die Andeutungen des Vaters, weil sie das Gefühl quält, irgendwas war da mal – aber sie wagt nicht nachzufragen.

Die Familie wohnt in einem stillgelegten Bahnhof abseits eines thüringischen Dorfes. Das Haus ist ihr zugeteilt worden, wie schon mehreren Außenseitern zuvor. „Leute, die wie meine Eltern unter Verdacht geraten waren. Der Bahnhof war beides. Das Gegenteil eines Gefängnisses und zugleich dessen Vollzug: Isolation, Erziehung, Brandmarkung. Denn jeder im Dorf wusste: Wer auf den Bahnhof zog, hatte etwas auf dem Kerbholz.“