KommentarAlle reden von toxischer Männlichkeit. Doch Gewalt verschwindet nicht, wenn Mannsein zur Krankheit erklärt wirdDie deutschen Grünen suchen nach einem positiven Männerbild, Schweizer Nationalräte verlangen vom Bundesrat einen Bericht zur Manosphere. Die Genderdebatte verbeisst sich in Stereotype, die sie selbst geschaffen hat.17.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZFür die KI ist der Fall klar. Auf die Frage, was ein Mann sei, antwortet Gemini, man habe sich darunter einen erwachsenen Menschen mit männlichem biologischem Geschlecht vorzustellen. Fragt man, was eine Frau sei, fällt die Antwort diffuser aus. Der Begriff werde unterschiedlich definiert, lässt einen der Algorithmus wissen. Historisch und biologisch sei eine Frau ein Mensch, der «typischerweise über weibliche Geschlechtsmerkmale und Fortpflanzungsorgane» verfüge. In «modernen gesellschaftlichen und rechtlichen Kontexten» gehe der Begriff allerdings weit über die reine Biologie hinaus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Befund ist symptomatisch. Was eine Frau ist, traut sich niemand mehr klar zu sagen. Als der britische Supreme Court vor zwei Jahren entschied, der Begriff Frau im britischen Gleichstellungsgesetz basiere auf dem biologischen Geschlecht einer Person bei der Geburt, erhob sich ein Sturm der Entrüstung. Und zwar aus der Wissenschaft. Biologen und Mediziner kritisierten in einem offenen Brief, die «strikt binäre» Definition des Geschlechts sei wissenschaftlich unüberlegt und nicht haltbar.Doch so komplex die Sache mit dem Geschlecht bei Frauen ist: Was ein Mann ist, darüber muss man offenbar nicht lange diskutieren. Ein Mann ist ein Mann. Und damit meint man meist: ein dominantes, aggressives und emotional unterentwickeltes Wesen. «Toxische Männlichkeit» lautet der Befund: Gemeint sind damit Menschen, die Frauen betatschen, Probleme mit Gewalt lösen und sich selbst überschätzen.Die American Psychological Association hat Mannsein als eine Art Krankheit beschrieben: In ihren «Guidelines for Psychological Practice with Boys and Men» stellt sie fest, «traditionelle Männlichkeit» sei ein Leiden. Für die Gesellschaft sowieso. Aber für die Männer auch. Die typisch männlichen Eigenschaften machten Männer krank, trieben sie ins Gefängnis, im schlimmsten Fall in den Tod. Als typisch männlich gelten für die amerikanischen Psychologen nicht nur Konkurrenzdenken, das Unterdrücken von Emotionen und Aggressivität, sondern auch die Lust auf Abenteuer, die Freude am Risiko und das Herunterspielen von Schwäche.Potenziell gefährlichIm Social-Media-Mainstream und bei der feministisch sozialisierten, genderbewussten Linken ist das Konzept der toxischen Männlichkeit mittlerweile zum beherrschenden Männerbild geworden. Der Mann ist suspekt. Ein Problem, im Grunde bemitleidenswert. Aber auch schwer zu ertragen. Potenziell gefährlich. Und möglicherweise nicht therapierbar. Krieg, Gewalt, Ungerechtigkeit: Immer stecken Männer dahinter, so lautet der Tenor. Als Mann soll man sich schämen. Für das, was Männer tun. Für das, was sie sind. Und für das Patriarchat, das für jede Form von Ungerechtigkeit und Unterdrückung verantwortlich gemacht wird.Das ist alles andere als ein attraktives Identifikationsangebot für junge Männer, die nach ihrer Position und ihrer Rolle in der Gesellschaft suchen. Die Frage, woran sie sich orientieren, wo sie ihre Vorbilder hernehmen sollen, treibt mittlerweile auch die deutschen Grünen um. In einem Manifest, das sie vergangene Woche veröffentlicht hat, versucht die Partei, Impulse für ein positives Männerbild zu geben. Jenseits von Machogehabe, Gewalt und Frauenfeindlichkeit.Auch Schweizer Politiker sind aktiv geworden. In einem gemeinsamen Postulat verlangen die Nationalräte Mike Egger (SVP), Cédric Wermuth (SP) und Patrick Hässig (GLP) vom Bundesrat einen Bericht zu den Ursachen toxischer Männlichkeit. Und zu der Manosphere, dem global vernetzten Milieu von Podcastern, Streamern und Influencern, die Männer davor warnen, auf der Verliererseite zu landen, und als Rezept dagegen eine harte, traditionelle Männlichkeit propagieren.Man kann das als Aktivismus abtun. Und das ist es zweifellos auch. Nur steckt ein Problem dahinter, das sich nicht aus der Welt reden lässt. Selbst wenn man sich zu Recht darüber ärgert, dass im Konzept der toxischen Männlichkeit Menschen nicht mehr als Individuen gesehen, sondern als Vertreter einer Gruppe abgeurteilt werden: Man könnte tatsächlich irre werden. Mit Blick auf Männer wie Jeffrey Epstein oder Dominique Pelicot.Gefühllos und egoistisch?Die Aufarbeitung der Epstein-Akten und der Prozess gegen Pelicot haben Abgründe offengelegt, die nicht nur Frauen verängstigen, sondern auch Männer zweifeln lassen. An sich selbst. Über fünfzig Angeklagte wurden im Fall Pelicot verurteilt, weil sie eine Frau missbraucht hatten, die von ihrem Mann während Jahren betäubt und als Sexobjekt angeboten wurde.Ein unfassbares Verbrechen. Aber kein Einzelfall. Zwei Jahre nach dem Prozess publizierte ein kanadischer Journalist auf einer Dating-Plattform eine Fake-Anzeige und bot Sex mit einer mit Medikamenten sedierten, wehrlosen Frau an. Innert weniger Stunden meldeten sich mehr als hundert Interessenten. Sie wussten genau, worauf sie sich einliessen. Und wären trotzdem bereit gewesen, es zu tun. Vor wenigen Wochen erst wurde in Schweden wieder ein Mann verurteilt, der seine Frau zu bezahltem Sex mit fremden Männern gezwungen hatte. Als sie sich weigerte, drohte er damit, sie zu töten.Das Verstörende ist, dass die Verurteilten im Fall Pelicot, die Täter in Schweden keine Monster sind, sondern ganz normale Männer. Ehepartner, Väter, Nachbarn. Krankenpfleger, Lastwagenfahrer, Journalisten. Fussballtrainer, Nachhilfelehrer, Patenonkel. Und statt sich ihre Schuld einzugestehen, versuchten sie, sich in der Öffentlichkeit als Opfer darzustellen: Sie seien sich der Umstände nicht bewusst gewesen, seien getäuscht und in eine Falle gelockt worden.Sind wirklich alle Männer so gefühllos, egoistisch und sexbesessen, wie der populistische Radikalfeminismus das behauptet? Zeitbomben, bei denen man nie weiss, wann sie explodieren? Natürlich nicht, aber an Fällen wie Pelicot oder Epstein scheint sich das Konzept zu bestätigen. Und Soziologen, Psychologen und Philosophen beteiligen sich gern, wenn es darum geht, eine Evidenz dafür zu finden. Auf ebenso sanfte wie heimtückische Weise.Schuldig!In ihrem Buch über den Pelicot-Prozess räumt die französische Philosophin Manon Garcia ein, natürlich glaube niemand, dass alle Männer «so» seien. Aber dann kommt’s: Alle Männer, schreibt Garcia, nähmen an Ritualen teil, bejahten Werte und schätzten Verhaltensweisen, die es ermöglichten, «dass normale Männer losziehen und eine Frau vergewaltigen, die sie nicht kennen und die sich offensichtlich im Koma befindet».Welche Rituale, welche Werte, was für Verhaltensweisen? In die Details geht Garcia nicht. Wozu auch, bei genauer Betrachtung würde der Schluss vom Einzelfall auf die allgemeine Gesetzmässigkeit in sich zusammenfallen. Und taktisch ist es allemal geschickter, die Männer in Sippenhaft zu nehmen, als zu differenzieren. Effektvolle Behauptungen lassen sich politisch besser verkaufen als begründete Schlüsse.Am Ende stützt sich Garcia auf den Begriff der «rape culture». Das in den siebziger Jahren in der amerikanischen Frauenbewegung entwickelte Konzept postuliert, dass die modernen westlichen Gesellschaften sexuelle Gewalt zwar offiziell ächteten und sie gesetzlich verböten. Tatsächlich aber werde Vergewaltigung banalisiert, entschuldigt und damit letztlich gefördert. Männer seien kollektiv schuldig. Und dass sie schuldig seien, ohne sich dessen bewusst zu sein, mache die Sache nur umso schlimmer.Manon Garcia ist mit dieser Auffassung nicht allein. In den sozialen Netzwerken sind Hashtags wie #allmen, #MenAreTrash oder #AllMenArePigs seit Jahren allgegenwärtig, Frauen zeigen sich entsetzt, wenn sie mit einem Jungen schwanger sind. Das ist nicht so ironisch gemeint, wie es sich gibt. Und die Vorstellung der Gesellschaft, die sich dahinter verbirgt, malt man sich besser gar nicht aus.Solanas’ VisionenEnde der sechziger Jahre propagierte die feministische Aktivistin Valerie Solanas die Idee einer Gesellschaft ohne Männer. In einem Traktat, den sie 1967 publizierte, bezeichnete sie die Vernichtung von Männern als gute Tat. Männer hätten kein Lebensrecht, schrieb sie. In ihrer Idealgesellschaft der Zukunft sollte die «Babyproduktion» im Labor stattfinden. Dann würden nur vollkommene Lebewesen entstehen und «psychische Leiden wie Maskulinität» ebenso der Vergangenheit angehören wie Krankheiten, Regierungen, Geld und Arbeit.Ein faschistoider Albtraum, von dem Solanas umgehend behauptete, er sei als Satire zu verstehen. Alles nicht so ernst gemeint. Das möchte man hoffen. Wenn einer der weltweit grössten Fachverbände von Psychologen das Mannsein als Zustand charakterisiert, der nach Therapie verlangt, und Frauen es öffentlich bedauern, wenn sie Buben zur Welt bringen, fühlt man sich an Valerie Solanas’ Visionen erinnert. Die Debatte darum, was Mannsein heisst, ist so verfahren wie noch nie. Die Genderdebatte verbeisst sich in Stereotype, die sie selbst geschaffen hat.Rund achtzig Prozent aller Gewalttaten werden von Männern verübt. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Doch Gewalt verschwindet nicht, wenn ein Mann kein Mann mehr sein darf, das zeigen die hilflos trotzigen Inszenierungen von Manosphere-Influencern wie Andrew Tate oder Hamza Ahmed zur Genüge. Die Welt wird nicht besser, wenn man Männer dazu anhält, sich für alle Übel zu rechtfertigen, die ihre Geschlechtsgenossen anrichten. Und statt dauernd über Schuld und toxische Männlichkeit zu debattieren, könnte man auch einmal über Eigenschaften reden, deren Glanz nie verblasst. Mut, Risikofreude und Erfindungsgeist zum Beispiel. Verlässlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, Integrität. Sie galten einmal als typisch männlich. Aber das ist lange her.Passend zum Artikel