GastkommentarMichael KleinMänner, Männlichkeit und Misandrie: Es braucht den Mut zur GegenredeDie vor allem in links-grünen Kreisen vielbeschworene «kritische Männlichkeit» zielt auf eine ideologische Anpassung und zementiert ein stereotypes Männerbild.18.05.2026, 05.25 Uhr3 LeseminutenDie wachsende Männerfeindlichkeit ist vor allem ein Problem für Knaben und junge Männer. Teenager in Palermo, Sizilien.Goran Basic / NZZMänner reden viel zu wenig. Über ihre Emotionen und ihre Kränkungen und Probleme. Aber auch über sich selbst im Sinne von Selbstreflexion und Selbstwertschutz. In den Medien sprechen Frauen mehr über Männer als Männer über Männer. Die entsprechenden Artikulationen sind dementsprechend oft wenig respektvoll und in den letzten Jahren zunehmend extrem und verallgemeinernd. Wenn über Männer gesprochen wird, dann geschieht dies in den Medien fast nur noch in negativer, abwertender Weise und voller Hetze. Über Frauen so zu berichten, wäre inzwischen völlig undenkbar.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die kanadischen Forscher Paul Nathanson und Katherine K. Young haben dies schon seit den 1990er Jahren beobachtet. Sie beschreiben, wie diese Stimmung als Misandrie (Verunglimpfung und Hass gegenüber Männern) mehr und mehr gesellschaftsfähig wurde, von bestimmten feministischen Zirkeln aktiv verbreitet wurde und sich schliesslich in den Medien fest etablierte. Es gehört inzwischen in den Leitmedien zum «guten Ton», Frauen positiv und als Opfer, Männer negativ und als – zumindest potenzielle – Täter darzustellen.Heute stellt Mannsein in weiten Bereichen ein Geschlechtsstereotyp für Toxizität, mangelnde Sensibilität, Gewalttätigkeit und emotionale Zurückgebliebenheit dar. Dabei ist eigentlich nicht ein Zuviel an Männlichkeit das Problem, sondern ein Zuwenig an echter Männlichkeit auf der Basis von Mitgefühl, Beschützertendenz und Stärke.Männer nicht mundtot machenEs ist heutzutage nötig, sich als Mann für Männer zu artikulieren, Stärken, Schwächen und Probleme von Männern aufzuzeigen, zu reflektieren, die ausser Rand und Band geratene öffentliche Diskussion zurechtzurücken und – vor allem – der nachwachsenden Generation von Jungen im Chaos von Verunglimpfung und Extremisierung zu helfen.Die vor allem in links-grünen Kreisen vielbeschworene «kritische Männlichkeit» macht Männer eher mundtot, negiert ihre intrapsychischen Konflikte mit radikalfeministischen Entwicklungen und zielt auf ideologische Anpassung. Richtig wäre es, Männern Wege zur gelingenden Bewältigung der Anforderungen der modernen, hochdifferenzierten, digitalen Welt aufzuzeigen, statt sie in platte Schablonen zu pressen.Dass Männer über Frauen in der Öffentlichkeit oder den Medien sprechen, geschieht so gut wie gar nicht mehr. Dies gilt als patriarchalisch, übergriffig und misogyn. Männer haben daher – zu Recht – Angst, sich diesbezüglich zu artikulieren. Damit ist der Diskursraum zwischen den Geschlechtern praktisch zur Einbahnstrasse – «Frauen reden über Männer» – geworden. Folge dieser Negativentwicklung ist, dass Männer nur noch im Kreis anderer Männer über Frauen sprechen.Überhaupt sind die Wahrnehmung und Kommunikation in Bezug auf Menschen hypersexualisiert, während gleichzeitig die biologische Zweigeschlechtlichkeit vielerorts ideologisch und oft sehr aggressiv abgelehnt wird. Die Kommunikation und Forschung zu zwischengeschlechtlichen Interaktionen ist derart stark emotionalisiert und ideologisiert, dass viele – vor allem männliche – Wissenschafter davon Abstand nehmen – es könnte ein Karrierekiller werden.Männer und Frauen sind keine MängelwesenDer moderne Mann wird als Mängelwesen porträtiert. Ein Wesen, das ständig korrigiert, therapiert und umerzogen werden muss. Das ist jedoch keine wissenschaftliche Erkenntnis, sondern politisch motivierte Propaganda. Dies zu erkennen, ist der erste Schritt zur Veränderung. Männer sind anders als Frauen, jeder Mann ist anders als andere Männer. Der Blick muss sich wieder auf die Ressourcen richten, die Männer und Frauen gemeinsam, aber auch in ihrer Unterschiedlichkeit aufweisen. Die meisten Männer und Frauen sind gut. Männer und Frauen sind es zunehmend leid, in den Medien gegeneinander aufgehetzt zu werden. Dort wo Probleme bestehen, sollten diese benannt und gelöst werden mit einem ideologiefreien Ansatz.Denn die wachsende Misandrie ist vor allem auch ein Problem für Knaben und junge Männer. Sie kann zur Selbstwertkrise führen, zu Depression oder zu Radikalisierung. Misandrie sorgt aber nicht nur für pauschale Entwertung eines ganzen Geschlechts, sondern auch für Schweigen und Sprachlosigkeit.Dabei müsste der Kern eines tugendhaften Lebens für Männer thematisiert werden. Wahre Männlichkeit kann für Mut, Disziplin, Gerechtigkeit, Weisheit und Mässigung stehen. Männer müssen und können sich selbst aus der Misere der misandrischen Gegenwart befreien. Nur so geht es: Bewusstsein entwickeln, Mut zur Gegenrede, Probleme wahrnehmen und lösen, Ressourcen zeigen und Misandrie aufzeigen, wo immer sie auftritt. Die Frauen haben es im 20. Jahrhundert mit der Emanzipationsbewegung auch geschafft, ihre stereotype Geschlechtsrolle zu benennen und zu hinterfragen.Michael Klein ist Professor für klinische Psychologie und Sozialpsychologie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Köln.1 KommentarBenno Suter vor 13 MinutenVerdankenswerter Kommentar.