Hätte ein Anruf bei der Fifa die Schweiz in den Halbfinal bringen können?Wie wäre die WM-Geschichte verlaufen, hätten Staatschefs früher bei der Fifa interveniert wie Donald Trump? Ohne den Weltmeister Maradona, dafür aber wäre das deutsch-niederländische Verhältnis entspannter gewesen.17.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenEin mächtiges Duo: der US-Präsident Donald Trump und der Fifa-Präsident Gianni Infantino.KeystoneEs passiert nicht selten, dass die Mächtigen Satire leicht machen. Zum Beispiel, als der US-Präsident Donald Trump zum Telefon griff und den Fifa-Präsidenten Gianni Infantino anrief, um darum zu bitten, sich die Rotsperre des Stürmers Folarin Balogun vor dem Spiel gegen Belgien noch einmal anzusehen. Das Ergebnis ist bekannt: Infantino richtete den grösstmöglichen Schaden für seine Institution an, aber die Amerikaner schieden dennoch aus. 1:4 lautete das Resultat – der Einsatz des Angreifers blieb ohne die erhoffte Wirkung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was wäre gewesen, wenn Balogun nicht gespielt hätte und Belgien auf eine Ersatzmannschaft getroffen wäre? Das ist hypothetisch, aber genau darin liegt der Reiz.Wie in so vielen Situationen, die sich durch die Geschichte der Weltmeisterschaft ziehen, reichen die Folgen weit über das Spielfeld hinaus. Bisweilen waren sie sogar dazu angetan, das Verhältnis zwischen Nachbarstaaten nachhaltig zu beeinflussen.Die Geschichtswissenschaft kennt eine Teildisziplin. Sie nennt sich kontrafaktische Geschichtsschreibung. Auf den ersten Blick hat das Verfahren etwas Spielerisches: Ein Ereignis wird als Ausgangspunkt genommen, und man macht sich Gedanken darüber, wie die Geschichte sich hätte entwickeln können, wenn es genau andersherum gekommen wäre.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenMan nehme also an, Deutschland hätte 1966 Einspruch eingelegt, in Gestalt des fussballbewegten Bundeskanzlers Ludwig Erhard, als der Ball in der Verlängerung des Endspiels gegen England im Wembley von der Unterseite der Latte auf die Linie prallte. Der Schiedsrichter Gottfried Dienst reagierte auf die Proteste der Engländer und konsultierte seinen Linienrichter, Tofik Bachramow aus der UdSSR. Der Sowjetbürger zögerte keinen Augenblick und entschied auf Tor. Hätte ein allfälliger Einspruch Erfolg gehabt, wäre ein Wiederholungsspiel die logische Folge gewesen.Wenige Matches hatten solch grosse Auswirkungen auf zukünftige Spannungen zwischen zwei Nationen wie der Final 1974 zwischen Deutschland und den Niederlanden. Die Niederländer, die als das spielerisch beste Team des Wettbewerbs galten, trafen im Final von München auf ein deutsches Team, das nicht gewillt war, den Boden freiwillig preiszugeben. Das 2:1 der Deutschen gilt in den Niederlanden als Schmach – auch weil sie sich betrogen fühlten: durch den Pfiff des Schiedsrichters nach einem Foul am Deutschen Bernd Hölzenbein, das nach Meinung der Niederländer allerdings keines war und bei dem Hölzenbein zu einer formvollendeten Schwalbe ansetzte. Dabei wäre ein Strafstoss nach heutigen Massstäben durchaus gerechtfertigt gewesen, aber das passt nicht in die Erzählung vom Verrat am glanzvollen Team.1988 kam es zur Revanche – und zu unschönen SzenenWas wäre also gewesen, wenn die niederländische Königin Juliana, angestachelt von ihrem fussballbegeisterten Mann Prinz Bernhard, bei der Fifa hätte durchdringen können, und es wäre zur Annullierung der Entscheidung gekommen? Die Frage, wie sich das Verhältnis zweier Nationen entwickelt hätte, wenn die Niederländer in einem Wiederholungsspiel als Sieger vom Platz gegangen wären, liegt auf der Hand. So aber blieb die Atmosphäre zwischen den Nachbarn über Jahrzehnte enorm vergiftet.Die niederländische Königin Juliana empfängt 1974 das Fussball-Nationalteam nach seiner Niederlage im WM-Final.Keystone / Hulton / GettyVierzehn Jahre später, im Halbfinal der Europameisterschaft, kam es in Hamburg zur Revanche. Die Fans skandierten: «Oma, ich habe dein Fahrrad wieder!» – eine Anspielung auf die Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, bei der die Soldaten auf ihrem Rückzug Tausende von Fahrrädern konfiszierten.Damals wischte sich der niederländische Libero Ronald Koeman mit dem Trikot seines Gegenspielers Olaf Thon den Hintern im Hamburger Volksparkstadion ab. Die Niederländer hatten 2:1 gewonnen – der Verlauf des Spiels ähnelte dem Final 1974, nur eben mit anderem Ergebnis. Hätte Königin Juliana 1974 erfolgreich eingegriffen, hätte es solche Hässlichkeiten nicht gegeben wie diejenige von Frank Rijkaard gegen Rudi Völler, als er ihn 1990 im Achtelfinal der Weltmeisterschaft anspuckte. Es waren Spiele, wie sie hitziger kaum sein konnten.Auch hätte ein möglicher WM-Sieg der Niederländer die Hierarchie im Olymp der besten Fussballer ein wenig verschoben: Dass Johan Cruyff dorthin gehört, daran besteht gar kein Zweifel. Aber vielleicht wäre Franz Beckenbauer nicht jene überragende Figur geworden, die als Kaiser Franz König Johan derart überstrahlte – und als Weltmeister, Trainer und Chef des Organisationskomitees der Weltmeisterschaft 2006 die Geschicke des deutschen Fussballs massgeblich und erfolgreich mitbestimmte.Und vielleicht wäre es tatsächlich dazu gekommen, was in krisenhaften Momenten des deutschen Fussballs immer wieder einmal diskutiert wurde: einen Niederländer als Nationaltrainer zu holen. Womöglich wäre sogar Ronald Koeman nach dem Aus von Julian Nagelsmann heute ein Kandidat gewesen.Gewiss ist eine Beschwerde aus dem niederländischen Königshaus schwer vorstellbar – ganz anders als eine Intervention aus der Downing Street 10, wenn eine entschlossene Premierministerin wie Margaret Thatcher die Geschäfte führt. Hätte sie zum Telefonhörer gegriffen, dann wäre es für den Fifa-Chef João Havelange keine vergnügliche Unterhaltung gewesen, als es 1986 zu einem der am meisten diskutierten Spiele der WM-Geschichte kam.Hätte Thatcher zum Telefon gegriffen?Es war im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt, als England und Argentinien im Viertelfinal aufeinandertrafen. Die Spannungen gingen weit über das eigentliche Spiel hinaus, denn die beiden Länder hatten sich noch 1982 im Falklandkrieg gegenübergestanden. Damals hatte die Premierministerin den Befehl zur Versenkung eines argentinischen Kriegsschiffes gegeben.Insofern wäre es Thatcher auch zuzutrauen gewesen, beim Fifa-Präsidenten João Havelange zu intervenieren, als Diego Maradona die Engländer quasi im Alleingang aus dem Turnier warf: mit einem spektakulären Solo über zwei Drittel des gesamten Spielfeldes, aber auch mit jenem Tor, das er in einer genialen Mischung aus Eingeständnis und Dreistigkeit als die «Hand Gottes» bezeichnete. Er beförderte den Ball im Duell mit dem Torhüter Peter Shilton mit der Hand ins Tor – nur so konnte Maradona höher kommen als der um knapp 20 Zentimeter grössere Torhüter.Die britische Premierministerin Margaret Thatcher mit den Nationalspielern Emlyn Hughes und Kevin Keegan, hier 1980.David Levenson / Hulton / GettyMögliche Folgen eines Anrufs Thatchers? Gravierend! Da es sich um einen offenkundigen Betrug handelte, wäre alles andere als eine Annullierung des Resultats nicht vorstellbar gewesen. Die Wertung wäre sehr wahrscheinlich mit 3:0 zugunsten der Engländer ausgefallen. Diese hätten sich im Halbfinal Belgien gegenübergesehen, und es wäre gar nicht unwahrscheinlich gewesen, dass sie dann im Final auf den alten Rivalen Deutschland getroffen wären – zwanzig Jahre nach Wembley.Auch für den Nimbus Diego Maradonas hätte es gewaltige Folgen gehabt: Die Diskussion, ob er tatsächlich der grösste Fussballer aller Zeiten ist, wäre wohl kaum geführt worden. Sehr wahrscheinlich wäre die Karriere Maradonas anders verlaufen, wäre es weder 1990 zum Final-Duell mit den Deutschen gekommen noch 1994 zum Ausschluss Maradonas wegen einer Dopingsperre.Diego Maradona präsentiert 1986 die Weltmeister-Trophäe, dahinter der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl (2. von rechts).ImagoDabei müssen es nicht immer spielentscheidende Szenen wie die «Hand Gottes» sein, die einen grossen Einfluss haben. Das mussten die Deutschen erfahren, 2002 im Halbfinal der WM gegen den Co-Gastgeber Südkorea. Das deutsche Team hatte bis dahin ein mässiges Turnier gespielt und war auch dank überragenden Leistungen des Torhüters Oliver Kahn in die Runde der letzten vier eingezogen. Doch in Seoul zeigte die Mannschaft ihr bestes Spiel: konzentriert, überlegen, zwingend.Michael Ballack, damals der prägende Mittelfeldspieler der Champions-League-Saison, erzielte das Siegtor, doch er war an einer weiteren, mindestens ebenso entscheidenden Szene beteiligt: In der 71. Minute beging Ballack ein taktisches Foul an Lee Chun Soo – er verhinderte damit mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Gegentor, sah dafür aber die gelbe Karte. Es war seine zweite im Turnier.Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder und der damalige Fifa-Präsident Sepp Blatter 2006 in Zürich.Bongarts / DPA / GettyMan stelle sich also vor, Bundeskanzler Gerhard Schröder, ehemals Mittelstürmer, Rufname «Acker», ein erklärter Fussballfan, hätte aus dem Berliner Kanzleramt einen Anruf Richtung Sepp Blatter bei der Fifa getätigt. Die Rücknahme der gelben Karte gegen Ballack hätte der deutschen Mannschaft im Final einen entscheidenden Vorteil bringen können. Denn gegen Brasilien war das deutsche Team durchaus ebenbürtig – mit Ausnahme von Oliver Kahn, dessen Heldentum sich an diesem Tag in einen Fehlgriff verwandelte, der zum 1:0 für Brasilien führte.Ein deutscher WM-Titel 2002 hätte viele Schwächen verdecktWeltmeister Deutschland 2002? Angesichts der Auftritte, die als «Rumpelfussball» bezeichnet wurden, gerät schnell in Vergessenheit, wie knapp es tatsächlich war. Ein Erfolg hätte den überaus beliebten Nationalcoach Rudi Völler für die folgenden Jahre gegen Kritik immunisiert. Ein schlechtes Abschneiden wie bei der EM 2004 wäre für ihn folgenlos geblieben – einen Weltmeistertrainer entlässt man nicht einfach so. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit wäre niemals jener Reformdruck in den DFB gekommen, den Jürgen Klinsmann zusammen mit seinem Assistenten Joachim Löw und dem Manager Oliver Bierhoff erzeugte, nachdem sie vom Verband engagiert worden waren.Ihr Auftreten war forsch, es irritierte bisweilen. Aber sie stiessen wichtige Dinge an, die weit über den dritten Platz bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land 2006 hinausgingen. Damals, 2004, nach dem Scheitern in Portugal, wurde der Grundstein gelegt für das vielleicht beste Jahrzehnt des deutschen Fussballs unter dem Coach Löw, das 2014 in Rio de Janeiro mit dem WM-Titel seinen Höhepunkt fand.Diese Ereignisse können den Deutschen als Beispiel dienen. Übrigens würde diese Diskussion heute nicht mehr geführt werden: Nach dem Regelwerk der Fifa werden alle gelben Karten vor dem Final gelöscht. Ballack hätte im Endspiel dabei sein dürfen.Weniger folgenreich wäre eine Annullierung der roten Karte für Breel Embolo gewesen. Ein Wiederholungsspiel hätte nicht dringelegen, da kein Argentinier mit einem Fehlverhalten beteiligt war. Eine Wertung zugunsten der Schweiz wäre daher ebenfalls illusorisch gewesen. So bleibt es bei dem Gedankenspiel, was gewesen wäre, wenn Embolo diese Dummheit einfach nicht begangen hätte.Passend zum Artikel
Wenn Staatschefs interveniert hätten: Beckenbauer wäre kein «Kaiser», Maradona nicht Weltmeister
Wie wäre die WM-Geschichte verlaufen, hätten Staatschefs früher bei der Fifa interveniert wie Donald Trump? Ohne den Weltmeister Maradona, dafür aber wäre das deutsch-niederländische Verhältnis entspannter gewesen.











