Trotz der schwachen Konjunktur und der gesamtwirtschaftlichen Umbrüche ist der Markt für Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung in Deutschland gewachsen. Die Umsätze der Prüfungs- und Beratungsgesellschaften stiegen im Jahr 2025 um mehr als sechs Prozent auf 22,6 Milliarden Euro. Das zeigen am Donnerstag in Frankfurt präsentierte Ergebnisse der jährlichen Branchenstudie des Analyseunternehmens Lünendonk & Hossenfelder.Auf der neuen Lünendonk-Liste der führenden Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaften gibt es diesmal Bewegung auf den vorderen Plätzen. Deloitte ist vom vierten Platz des Umsatzrankings aufgestiegen und teilt sich nun erstmals den zweiten Platz mit KPMG. Der Umsatz von KPMG ist dabei geschätzt, weil das Unternehmen die Gesamtleistung ausweist, also die Honorare plus Spesen und Reisekosten.Das Prüfungs- und Beratungsunternehmen EY ist auf den vierten Platz gerutscht.Picture AllianceBemerkenswert an der Lünendonk-Studie ist auch, dass sich das Wachstum der Umsätze vom Wachstum des Personals entkoppelt, wie Studienleiter Jörg Hossenfelder erläutert. „Diese Entkopplung wird zunehmen“, erwartet er. Hintergrund sei der immer stärkere Einsatz von digitalen Technologien und Künstlicher Intelligenz in Prüfungs- und Beratungsunternehmen. Die wissensintensive Branche ist gleichzeitig eine personalintensive Branche, weil Wissen und Können in den Köpfen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entstehen und bewahrt werden. Dieser traditionelle Grundsatz wird jedoch im beginnenden KI-Zeitalter relativiert.Das hat Folgen für das Selbstverständnis der Prüfer und Berater sowie für die Strukturen in den Gesellschaften. Welche genau, ist unter den Berufsangehörigen allerdings umstritten. Hossenfelder erwartet, dass die in der Branche verbreiteten Partnerschaftsmodelle unter Druck geraten und die Konsolidierung zunehmen wird. Bisher stiegen erfahrene Wirtschaftsprüfer und Steuerberater mit bestandenem Berufsexamen in der Tasche relativ zuverlässig irgendwann zu Partnern auf, also zu an der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft beteiligten Führungskräften. Doch diesen Weg wollen und können wohl immer weniger junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehen.Erfahrene Fachleute werden künftig fehlenSo zeigt die Lünendonk-Studie den Beginn einer Veränderung des klassischen Stellengefüges in Prüfungs- und Beratungsunternehmen. Mit 57 Prozent erwartet mehr als die Hälfte der von Lünendonk befragten Gesellschaften einen eher starken Abbau von Junior Professionals, also von Berufseinsteigern und frisch gebackenen Hochschulabsolventen bis zum Jahr 2030. Die Neulinge fassten bisher in dem komplizierten Beruf Fuß, indem sie am Anfang arbeitsintensive Routinetätigkeiten übernahmen, wie Daten recherchieren, Präsentationen und Tabellen erstellen oder Bestätigungen von Gläubigern und Schuldnern der geprüften Unternehmen einholen.Solche Tätigkeiten können dank digitaler Werkzeuge inzwischen mit weit weniger Personal erledigt werden. Es ist also tendenziell weniger Arbeit für Berufseinsteiger da. Wenn weniger junge Kräfte eingestellt werden, fehlen allerdings irgendwann auch erfahrene Fachleute, die auf Führungspositionen nachrücken können. Das würde den ohnehin schon starken Fachkräftemangel in der Branche noch verschärfen.Doch werden überhaupt weniger junge Mitarbeiter eingestellt? Das gilt zumindest nicht für alle Prüfungs- und Beratungsanbieter. „Wir reduzieren unsere Neueinstellungen nicht“, sagt Christoph Schenk, Geschäftsführer von Deloitte und Managing Partner für Audit & Assurance, also für Wirtschaftsprüfung. Aktuell probiere Deloitte eine gewissermaßen duale Aus- und Fortbildung neuer Mitarbeiter, bestehend aus klassischen Prüfungshandlungen und dem Einsatz von KI-Modellen.Das KI-Zeitalter verändert den Erwerb und die Anwendung von WissenEine solche Zweigleisigkeit zwischen KI und klassischer Prüfung und Beratung ist laut Christoph Regierer von Forvis Mazars auch mit Blick auf die Mandanten erforderlich. Gerade im Mittelstand hätten längst nicht alle Unternehmen einheitliche digitale Datenstrukturen. Unumstritten ist allerdings, dass sich im KI-Zeitalter die Ausbildung und der Erwerb von Wissen verändern werden. „Wir brauchen eine andere Ausbildung“, sagte Andreas Blum von der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft dhpg, der auch Professor an der Hochschule Fresenius ist. „Mit KI werden die Beraterinnen und Berater besser“, erwartet er.Auch Heike Wieland-Blöse, Vorstandssprecherin von Grant Thornton, kümmert sich als Honorarprofessorin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf um die Ausbildung. „Wissen ist modular geworden“, sagt die Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin. Für Arbeitgeber sei wichtig, ob Bewerber denken gelernt hätten. Spezielle Methoden könnten sie sich dank digitaler Werkzeuge auch später immer noch aneignen.Der immer stärkere Einsatz digitaler Technologien weckt die Erwartung, dass die Prüfer und Berater dank besserer Effizienz ihre Honorare senken können. Laut der Lünendonk-Studie bleiben die Effizienzgewinne bisher allerdings vorwiegend in den Gesellschaften, verschaffen den Mandanten also nicht den Genuss sinkender Honorare.Ganz anders sehen das jedoch die Vertreter der Prüfungs- und Beratungsgesellschaften. Sie verweisen auf die hohen Investitionen in digitale Werkzeuge und die hohen Kosten für Abos und Lizenzen von KI-Anbietern sowie auf die allgemeine Inflation. „Wir haben noch keine Effizienzgewinne, die wir weitergeben können“, sagt Deloitte-Geschäftsführer Schenk. KI werde die Prüfungsgebühren nicht so schnell senken, aber den Preisanstieg dämpfen.
Deloitte und KPMG: Wie KI Berufseinsteiger verdrängt
Wirtschaftsprüfer und Steuerberater rüsten digital auf. Doch sinken werden ihre Honorare wohl nicht so schnell, denn die Investitionen und Lizenzen für Künstliche Intelligenz sind teuer. Wie bleiben Anfänger im Beruf am Ball?










