Der Fußballtrainer Thomas Tuchel wollte auch in diesem Moment über Fußball sprechen. Er glaube nicht an so etwas wie „eine englische Sache“, einen Fluch oder eine Geschichte, die sich wiederhole, sagte Tuchel nach dem verlorenen WM-Halbfinale gegen Argentinien. Es seien immer unterschiedliche Spieler, Trainer, Konstellationen.Er hätte es sich leichter machen können, es wäre allemal plausibel gewesen, wenn er auf die Bürde verwiesen hätte, die aus den Misserfolgen vergangener Jahre und Jahrzehnte entstanden sei, den nunmehr „Sixty Years of Hurt“, den sechzig Jahren des Schmerzes seit dem WM-Finale 1966, dem bislang einzigen, das das Fußball-Mutterland erreichte und gewann.Aber wie schon nach dem Viertelfinale gegen Norwegen blieb der Fußballtrainer Tuchel sich in dieser Hinsicht treu. Er glaube daran, sagte er, dass alles auf dem Platz zu lösen sei. Und verband das mit dem Bekenntnis, seinen bis einschließlich der Heim-EM in zwei Jahren verlängerten Vertrag erfüllen zu wollen.Keine nennenswerten Fortschritte unter TuchelWenn man allerdings über Fußball redet, dann muss man Tuchels erstes Turnier als Nationaltrainer letztlich als große Enttäuschung verbuchen. Das Erreichen des Halbfinales ist zwar als solches ein Ergebnis, das sich sehen lassen kann, es steht in einer Reihe, die Englands wiedergewonnenen Platz in der Spitze des Weltfußballs dokumentiert: Halbfinale bei der WM 2018, EM-Finale 2021, WM-Viertelfinale 2022 (Aus gegen Frankreich) und noch einmal EM-Finale vor zwei Jahren gegen Spanien.Allerdings kann man nicht behaupten, dass Tuchel gegenüber seinem honorigen, aber am Ende zu biederen Vorgänger Gareth Southgate entscheidende Schritte vorangekommen wäre. Das Spiel gegen Argentinien war auf eine Weise auf das Prinzip Verteidigen ausgerichtet, dass man sich die Augen reiben musste: Soll das wirklich die Mannschaft mit einigen der besten Spieler aus der besten Liga der Welt gewesen sein?Tuchel sprach später von zwei unterschiedlichen Spielen, vor dem 1:0 durch Anthony Gordon und danach. Tatsächlich aber war es auch vorher schon ein Auftritt, der den spielerischen Möglichkeiten dieser Mannschaft spottete. Mag sein, dass es eine Strategie war, Argentinien zu ermüden und dann irgendwann selbst mal einen Angriff auszuspielen. Aber alles in allem hatte man im Turnier zu selten das Gefühl, dass da eine Mannschaft mit sich im Reinen ist. Das ist die Verantwortung des Trainers.Eine seltsame Diskrepanz auf der TrainerbankAm Mittwochabend in Atlanta und in den englischen Medien waren Tuchels Wechsel das große Thema. Was man sagen kann: dass er in der Tendenz schon nachvollziehbare Gründe dafür anführte. Was man aber auch sagen muss: dass er damit die Haltung verstärkte, sich irgendwie über die Zeit zu retten, und sein Team gleichzeitig mental und personell nicht mehr auf einen Neustart nach dem 1:1 vorbereitet war.Es ist nicht der einzige Grund für die unerfüllten Hoffnungen, offenkundig liegen die Ursachen doch ein bisschen tiefer, wie man auch an der Art und Weise sehen konnte, wie der vorher umjubelte Jude Bellingham durch dieses Spiel schlingerte, auch emotional. Womöglich gibt es doch so etwas wie ein spezifisch englisches Syndrom, die eingeschriebene Angst, etwas zu verlieren zu haben.Eine seltsame Diskrepanz auf der Trainerbank bleibt dennoch: zwischen dem Tuchel, der viel von der englischen „Bruderschaft“ schwärmte und von sich behauptete, voll in der Intensität dieser WM aufzugehen, und dem, der, als es darauf ankam, nicht gerade wie der unerschrockene Lord daherkam.