Am Freitagnachmittag fühlte sich auch noch Donald Trump zu einer Einschätzung der englischen Nationalmannschaft und ihres deutschen Trainers Thomas Tuchel berufen. Beim Fifa-Empfang im New Yorker Trump Tower spottete der US-Präsident über die Halbfinalniederlage des Fußballmutterlands gegen Weltmeister Argentinien (1:2). Tuchels England habe „möglicherweise einen Fehler gemacht“, fand Trump, weil es Harry Kane – diesen „großartigen Kerl“, mit dem er einst eine Runde Golf gespielt habe, wie er betonte – zu einem „Defensivspieler“ umfunktioniert habe.Damit spielte Trump auf den abrupten Leistungseinbruch Englands nach der Führung von Anthony Gordon in der 55. Minute an, als Torjäger Kane angesichts des kollektiven Rückzugs seiner Mannschaft bisweilen näher am eigenen Strafraum auftauchte als am gegnerischen. „Man muss doch ein bisschen offensiv agieren, oder?“, stichelte Trump süffisant weiter. Doch er wolle sich „kein Urteil anmaßen“, was wisse er schon vom Trainergeschäft. Neben Trump stand – gewissermaßen als Komparse – der Fifa-Vorsitzende Gianni Infantino, der eifrig kopfnickend zustimmte, mehrmals laut auflachte und ihm applaudierte.Diese wirklichkeitsfremd anmutende Einlage dürfte Tuchel als Realsatire verbucht haben. Alles andere, was über den Coach aus Germany seit dem Aus in der englischen Fußballöffentlichkeit gesagt und geschrieben worden war, glich einer Mischung aus Verbitterung und Ressentiments. Die Inselkommentatoren rechneten mit Tuchel ab, weil dieser mit zunächst defensiven, später ultradefensiven Wechseln das Scheitern befeuert habe. Den Ton setzte der Altinternationale Gary Lineker, der seit seiner Absetzung als BBC-Anchor vor einem Jahr in seiner neuen Netflix-Show „The Rest Is Football“ um Aufmerksamkeit kämpft. Er frage sich, ob Tuchel „so etwas wie ein deutscher Spion“ sei, um den englischen Fußball zu unterwandern, so Lineker, der den Spruch später als „Spaß“ herunterspielte.Tuchels Nationalität erwähnte auch Michael Owen in seiner Kolumne in der Daily Mail. Dort kritisierte der einstige Nationalstürmer, der deutsche Coach hätte grundsätzlich „niemals“ angestellt werden dürfen – denn England sollte von „Engländern“ trainiert werden. Zudem zählten Tuchels Personalentscheidungen und Umstellungen, die „Negativität und Zweifel“ unter den Spielern geschürt hätten, zu den „schlechtesten, die ich je gesehen habe“.In einem weiteren Artikel jener Zeitung war bezüglich Tuchels Wirken gegen Argentinien die Rede von „Neandertaler-Fußball“ – und der Furcht davor, was als nächstes drohen könnte. Der Independent unterstellte „Feigheit“. All das ging in Richtung des Sydney Morning Herald: „Wie kann Tuchel als Staatsfeind Nummer eins zurückkehren?“, echauffierte sich das Blatt.Englands WM-Aus:Ein Kollaps von fußballhistorischer DimensionEngland diskutiert nach dem 1:2 gegen Argentinien über den rätselhaften Einbruch nach dem Führungstor – und übt Kritik an Nationaltrainer Thomas Tuchel. Doch der will bis zur Heim-EM in zwei Jahren weitermachen.Durch diese Stimmungsmache geriet Tuchel trotz des unmittelbar ausgesprochenen Rückhalts durch den englischen Verbands-CEO Mark Bullingham stark in die Defensive. Beinahe so, wie seine Mannschaft in der demütigenden Schlussphase gegen Argentinien, das die Partie durch zwei späte Tore (85./90.+2) gedreht hatte. Anders als seine Spieler ließ sich Tuchel jedoch nicht immer weiter hinten reindrängen – sondern ging auf der Pressekonferenz vor dem Spiel um Platz drei gegen Frankreich am Samstag in die Offensive. Als zum Einstieg direkt der Name Trump fiel, grätschte Tuchel dazwischen: „Führst du Trump etwa als Kronzeugen für deine Argumentation an?“, fragte er. Ähnliche Spitzen setzte er im Verlauf der halbstündigen Fragerunde gegen weitere englische Reporter.Einer wollte wissen, ob Tuchel nicht verstehen könne, dass die englische Öffentlichkeit seine Gedankengänge während des Spiels nachvollziehen möchte. „Selbstverständlich“ tue er das, deshalb sei er bereit, seine Sichtweise zu schildern, antwortete Tuchel patzig. Ein anderer konfrontierte ihn damit, dass die öffentliche Meinung über seine Zukunft als Nationaltrainer „geteilt“ sei. Auch das ließ Tuchel nicht auf sich sitzen. Es sei ein „starkes Statement“, sich „zum Fürsprecher der Hälfte der Bevölkerung“ aufzuschwingen, erwiderte er und fügte hinzu: „Ein gespaltenes Land?! – Warten wir es ab!“ Die eigentliche Frage, ob die Menschen in England seine Haltung zum Verbleib im Amt beeinflussen, beantwortete Tuchel so: Nein, die werde sich „nicht“ ändern. Schon direkt nach dem 1:2 hatte Tuchel angekündigt, seinen Vertrag bis zur EM 2028 erfüllen zu wollen. Englands Verband lässt ebenfalls durchklingen, weitermachen zu wollen.Tuchel war bemüht, seinen Schmerz auszudrücken, die Niederlage aufzuarbeiten und nach vorn zu blicken. Er tat das in ruhigem und sachlichem Ton, wobei ihm die Enttäuschung wie dem neben ihm sitzenden Verteidiger John Stones nach wie vor anzusehen war. Das WM-Aus habe eine „Narbe“ hinterlassen, die er und seine Spieler mit sich tragen. Erneut übernahm er „persönliche Verantwortung“ für seine Entscheidungen im Spiel. Diese habe er auf Grundlage „meiner Erfahrung, meines Instinkts und meines Wettbewerbsgeists“ getroffen, erklärte er. Dass er darüber hinaus darauf hinwies, diese seien „unter Stress“ erfolgt, war ein Hinweis darauf, dass sie angesichts des 1:2 wohl nicht nochmals so treffen würde. Dennoch betonte er, nichts zu bereuen.England fehlten im Halbfinale plötzlich genau jene Aspekte, die Tuchel schon bei seiner Vorstellung angemerkt hatteDurch einen Sieg gegen Frankreich könnten die Three Lions mit Platz drei die WM trotzdem so gut beenden wie seit dem einzigen Titel 1966 nicht mehr; anschließend reichte es nur noch zu zwei vierten Plätzen 1990 und 2018. Im Vergleich zu Argentinien, Spanien und Frankreich, die den Titel geradezu erwarten würden, sei sein England noch nicht auf diesem Niveau angelangt, konstatierte Tuchel. Diese Lücke gelte es zu schließen, wofür man sich „fußballerisch“ verbessern müsse. Als einen Ansatzpunkt hatte Tuchel nach dem WM-Aus kontrovers angemerkt, vielleicht liege es „nicht so sehr in unserer DNA wie in der spanischen oder argentinischen“, den Ball zu fordern und das Spiel zu kontrollieren. Nach der Führung im Halbfinale hatte England direkt eine weitere Chance, die allerdings nach einem Ballverlust in einen gefährlichen argentinischen Konter mündete. Diese Szene sowie kurz darauf ein Ballverlust im Spielaufbau am eigenen Strafraum führten dazu, dass den Spielern der Mut abhandenkam. Zudem war offensichtlich, dass Tuchels Team nach den vorherigen Turnierstrapazen – darunter dem Achtelfinalsieg auf 2240 Metern und in langer Unterzahl gegen Mexiko – physisch entkräftet wirkte.Die Times analysierte, Englands Laufdaten hätten gegen Argentinien signifikant nachgelassen. Doch allein damit lässt sich diese typisch englische Implosion gegen Argentinien nicht erklären, diese grausamen 18 Minuten und 37 Sekunden vor dem 1:1 – mit schmachvollen sechs Prozent Ballbesitz und beschämenden drei erfolgreichen Pässen. In der Vergangenheit war England immer wieder an sich selbst gescheitert. Tuchel analysierte 2025 bei seiner Vorstellung, dass bei den Turnieren davor kein „klarer Spielstil“ vorhanden gewesen sei. Es habe an „Identität, Klarheit, Freiheit, Hunger“ gefehlt; also an genau jenen Aspekten, die nun auch nach dem 1:0 gegen Argentinien nicht mehr zu erkennen waren. Mit Englands Ballast der Geschichte schien Tuchel selbst überfordert zu sein. Die Times kommentierte, nur ein Trainer, der England dazu bringe, „in solchen Stressmomenten“ Fußball zu spielen, werde dieses Muster durchbrechen. Darum geht es für Tuchel jetzt.Es gebe „kein Raum für Drama“, appellierte er an die Medien. Sollte das Spiel der Schuldzuweisungen („blame game“) dennoch weitergehen, werde er sich daran nicht beteiligen. Immerhin dürfte ihm beim nächsten Turnier, das 2028 in Großbritannien und Irland stattfindet, eine weitere Analyse von Donald Trump erspart bleiben.
Fußball-WM: England-Trainer Tuchel kontert Kritik vor Spiel um Platz drei
Beim Halbfinal-Aus ließen sich die Engländer dramatisch hinten einschnüren. Vor dem Spiel um Platz drei geht Trainer Thomas Tuchel verbal auf Angriff.












