Hat Thomas Tuchel den mentalen Aspekt der traumatischen Turnierhistorie der Engländer unterschätzt?Bei der Niederlage im WM-Halbfinal gegen Argentinien erlebt das englische Fussball-Nationalteam in den letzten Minuten den völligen Kollaps. Der Nationaltrainer Tuchel kann dies nicht verhindern.Sven Haist, Atlanta16.07.2026, 10.53 Uhr4 LeseminutenAktualisiertAlles Gestikulieren half am Ende nichts: Englands Trainer Thomas Tuchel verzweifelte in den letzten Minuten des Halbfinals an der Seitenlinie fast.IMAGO/DeFodi.de / ImagoNachdem Thomas Tuchel einige seiner Spieler auf dem Platz kurz abgeklatscht hatte, machte er sich allein auf den Weg in den Kabinentrakt. Die letzten Meter legte er im Laufschritt zurück, was sich so deuten liess, als wolle er sich dort drin noch etwas zusätzliche Vorbereitungszeit verschaffen, bevor er vor die englische Medienlandschaft tritt. Denn wenngleich Tuchel erst seit anderthalb Jahren Nationaltrainer Englands ist, kennt er aus seiner früheren Premier-League-Station beim Chelsea FC die mitunter scharf urteilende Sportpresse auf der Insel nur allzu gut.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Daher dürfte er geahnt haben, dass das Fussballmutterland auch diesmal nach einem Sündenbock suchen würde für das 1:2 im Halbfinal gegen den Titelverteidiger Argentinien. Wer könnte da näherliegen als Tuchel, der Trainer aus Germany, der die Three Lions zum zweiten Weltmeisterstern nach 1966 führen wollte.Die Geschichte eines Fussballspiels werde «stets vom Ende erzählt», also vom Ergebnis her, räumte Tuchel direkt selbstkritisch ein. Damit liess er durchblicken, dass die Argumente nicht auf seiner Seite lagen. Dennoch stellte er klar, dass er zwar die Verantwortung für die Niederlage übernehme, aber keine seiner Entscheidungen bereue. Meinungsmacher auf der Insel wie die früheren Nationalspieler Wayne Rooney und Alan Shearer machten Tuchels taktische Massnahmen nach Abpfiff als Grund für das Ausscheiden aus. Auch mehrere Zeitungen kritisierten, der Trainer sei als Nachfolger des zurückgetretenen Gareth Southgate verpflichtet worden, um enge K.-o.-Spiele mit seinem versierten Coaching zugunsten der Engländer zu entscheiden.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenNun jedoch habe die Darbietung am Ende genauso zögerlich ausgesehen wie unter Southgate, hiess es. Die «Sun» zürnte, das Aus gehe «ohne jeden Zweifel» auf Tuchel zurück. Nur so weit wie der «Sydney Morning Herald», der Tuchel kurzerhand zum englischen «Staatsfeind Nummer eins» erklärte, ging auf der Insel bislang niemand.Die Führung hielt bis 5 Minuten vor SchlussEngland war in einem zunächst ausgeglichenen Spiel durch einen herrlichen Spielzug in Führung gegangen, den Anthony Gordon in der 55. Minute vollendete. Danach hielten die Three Lions das kostbare 1:0 – bis fünf Minuten vor Ablauf der regulären Spielzeit. Dann gelang Enzo Fernández der Ausgleich, ehe der eingewechselte Lautaro Martinez in der zweiten Minute der Nachspielzeit zum 2:1 für Argentinien traf. Beide Tore fielen auf Vorlage von Lionel Messi.Während die Argentinier am Sonntag in New York den Final gegen Spanien bestreiten, bleibt den Engländern nur das Spiel um den dritten Platz gegen Frankreich am Samstag. Dabei waren sie dem ersten WM-Final seit 1966 so nah wie nie. Doch nach der Führung erlebten die Three Lions einen Kollaps von durchaus fussballhistorischer Dimension. Trotz Spitzenspielern wie Harry Kane, Jude Bellingham oder Declan Rice kamen die Engländer zwischen dem 1:0 und dem 1:2 über 37 Minuten hinweg auf unterirdische zwölf Prozent Ballbesitz.Am Seitenrand zeigte sich Tuchel fassungslos: Er gestikulierte, schimpfte und trieb seine Spieler verzweifelt nach vorn – doch eine Reaktion der Engländer auf dem Platz blieb aus.Um seine Spieler aus dem beinahe apathisch wirkenden Zustand zu holen, schöpfte Tuchel nahezu alle Optionen aus. Zunächst wechselte er in der 72. Minute den Verteidiger Ezri Konsa für den Torschützen Gordon ein und stellte von 4-4-2 auf eine 5-3-2-Formation um. Als auch dies keine Verbesserung brachte, wurde es zehn Minuten mit dem vollständigen Rückzug auf eine 5-4-1-Grundordnung noch defensiver.Während sich diese Ideen in den jüngsten Turnierpartien bewährt hatten, führten sie diesmal nicht zum Erfolg. Sein Team konnte dem gegnerischen Dauerdruck nicht standhalten. Der «Independent» unterstellte Tuchel «Feigheit». Zwar hatte England nach Gordons Auswechslung tatsächlich keinen schnellen Konterspieler mehr auf dem Platz, doch zur Wahrheit gehört auch, dass Tuchel selbst nach der Führung lange an der ursprünglich offensiven Formation festgehalten hatte. Aus Sicht des Trainers lag der Grund für den Einbruch darin, dass seine Spieler plötzlich «mit dem Gefühl agierten, etwas zu verlieren zu haben».So war es bei den Engländern bereits beim 1:2 nach Verlängerung gegen Kroatien im WM-Halbfinal 2018, bei der Finalniederlage im Elfmeterschiessen gegen Italien bei der EM 2021 und nun gegen Argentinien. Es sei eine «ähnliche Story wie bei den vorherigen Turnieren», konstatierte Kane resigniert.Tuchel hält nichts von FlüchenWährend Tuchel mehrere Herausforderungen bei dieser WM souverän meisterte, schien er den mentalen Aspekt der traumatischen Turnierhistorie der Engländer womöglich unterschätzt zu haben. Zumindest hatte er am Mittwoch in Atlanta keine Lösung dafür. Die Pleite dürfte ihm vielmehr das Ausmass seiner Aufgabe vor Augen geführt haben. Fussballengland benötigt ihn nämlich genauso sehr als Fussballtrainer wie als Mentalcoach. Davon wollte Tuchel nichts wissen; er halte nichts von Flüchen, sagte er.Zur Leidensgeschichte der Nationalmannschaft trägt auch die englische Fussballöffentlichkeit bei, die zwischen Triumph und Tragödie keinen Spielraum kennt. Dies bekommen nicht nur die Spieler zu spüren, sondern auch Tuchel, der mit seinen ehrlichen Einschätzungen zu Spielen und Spielern polarisiert.Selbst nach dem Viertelfinalsieg herrschte Aufregung, weil Bellingham mit verkürzten und verzerrten Aussagen seines Trainers konfrontiert worden war, auf die er ungehalten reagierte. Anders als die ständigen Schlagzeilen vermuten lassen, geniesst der fordernde Tuchel bei den Spielern ein respektables Ansehen. Wer womöglich vermutete, Tuchels Abgang im Laufstil könnte sogar eine Flucht gewesen sein, sah sich getäuscht. Er kündigte an, auch die EM in Grossbritannien und Irland in zwei Jahren in Angriff nehmen zu wollen. Bis dahin läuft sein Vertrag in England.Passend zum Artikel
WM 2026: Hat Thomas Tuchel Englands WM-Trauma unterschätzt?
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