Der Kanton Zürich baut einen Verkehrskreisel, den niemand will. Jahre später staut sich der Verkehr im Dorf – und der Kanton sieht seinen Fehler einZwei Kreisel im Zürcher Unterland werden wieder zu Kreuzungen umfunktioniert. Die Gemeinde, die die Kreisel nie wollte, zahlt doppelt.16.07.2026, 05.00 Uhr4 LeseminutenPro Jahr baut der Kanton Zürich zwei bis drei Kreisel – 217 sind es insgesamt im Kanton Zürich. Doch nicht immer ist dieses Verkehrsregime sinnvoll.Andreas Haas / ImagoDielsdorf begrüsst die Autofahrer mit einer stählernen Flamme. Sie steht auf einem Haufen aus Schotter, umgeben von Natursteinblöcken und Rasengittersteinen. «Grenzfeuer» heisst die Skulptur, zu deren Füssen sich die Autos im Kreis drehen. Ihre Tage sind gezählt: Der Kanton hat beschlossen, diesen und einen zweiten Kreisel – dort heisst die Skulptur in der Mitte «Gemeinschaft» – dem Erdboden gleichzumachen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist der Schlusspunkt hinter einer Posse im Zürcher Unterland, die man unter dem Titel «Einmal Kreuzung–Kreisel retour» aufführen könnte. Die Dielsdorfer wollten die beiden Kreisel gar nie. Sie zahlen nun aber zweimal mit – einst für den Bau und jetzt wieder für den Abriss.In der Innerschweiz gibt es bis heute wenig KreiselDie Geschichte beginnt in den achtziger Jahren. Zu jener Zeit gelten Kreisel noch als neumodischer Spleen. Im Vergleich zur Ampel, die nur strikte Befehle an die Automobilisten kennt, mutet die Verkehrsführung für viele anarchistisch an.Doch dann tritt der in Grossbritannien erfundene moderne Verkehrskreisel seinen Siegeszug auf dem Kontinent an. Vor allem in Frankreich ist die Begeisterung für das neue Verkehrsregime gross. Dort werden Zehntausende Kreuzungen ersetzt. Nach und nach wandert der Kreisel Richtung Osten. Noch heute gibt es im Kanton Waadt mit Abstand die meisten Kreisel, während sie in der Innerschweiz rar sind.Anfang der nuller Jahre bringen Planer des Kantons Zürich das Kreiselregime nach Dielsdorf, Bezirkshauptort im Zürcher Unterland mit nicht einmal 5000 Einwohnern. Die Begeisterung dafür hält sich bei der Gemeinde in Grenzen. Sie sieht keinen Grund für eine Änderung. Und sie hat keine Lust, einen Viertel der Baukosten von 1,3 Millionen Franken zu berappen.Der Kanton beharrt auf seinem Standpunkt: Die Kreisel seien nötig, um einen drohenden Verkehrskollaps zu verhindern. 2004 werden sie gebaut.Doch schon bald zeigt sich, dass die Planer des Kantons einen Fehler gemacht haben. Kreisel haben ihre Vorteile, aber nur bis zu einer gewissen Verkehrsmenge. Bereits nach zwölf Jahren macht der Kanton 2016 eine doppelte Rolle rückwärts – und beschliesst die Wiedereinführung der Ampel.Dass es die beiden Kreisel heute noch gibt, liegt daran, dass der Kanton in solchen Fällen abwartet, bis eine Sanierung nötig ist. Dieser Zeitpunkt ist nun gekommen. Ein konkretes Bauprojekt gibt es zwar noch nicht, aber eine Vorstudie liegt bereit.Wieso die Kreisel gebaut wurden, weiss niemand mehrBei der Baudirektion kann man den Kreiselentscheid von damals nicht mehr rekonstruieren. «Von welchen Zahlen die Verkehrsplaner in den neunziger Jahren ausgegangen sind, entzieht sich unserer Kenntnis», schreibt die Direktion auf Anfrage.Die Begründung für den Kreiselrückbau ist jedenfalls exakt dieselbe wie damals für den Kreiselbau: Mehrverkehr.Das Verkehrssystem im Raum Dielsdorf sei schon seit geraumer Zeit stark ausgelastet, so die Baudirektion. Der Verkehr auf der einen Achse sei auf «gleichbleibend hohem Niveau» und auf der anderen weiter angestiegen. Und eine Kreuzung habe den Vorteil, dass der Verkehr mit Lichtsignal gesteuert und die ÖV-Busse bevorzugt werden könnten.Wer dahinter eine allgemeine Trendwende im Kanton Zürich vermutet – weg vom Kreisel, zurück zur Kreuzung –, irrt jedoch. Pro Jahr werden im Kanton Zürich zwei bis drei neue Kreisel gebaut. Insgesamt sind es deren 217.Einen Umbau zurück in eine Kreuzung gab es bisher erst einmal, nämlich in Bülach 2017. Dort lag der Grund auf der Hand: Als der Kreisel 1994 gebaut wurde, gab es das dortige Einkaufsgebiet noch nicht.Die Baudirektion schreibt: «Insgesamt bewähren sich Kreisel sehr gut.» Sie stellten einen konstanten Verkehrsfluss aus allen Richtungen sicher und seien im Betrieb günstig. Probleme gibt es aber, wenn sich die Verkehrsmenge ungleich verteilt – wenn also einzelne Äste des Kreisels viel stärker befahren sind als andere. Genau dieser Fall ist nun in Dielsdorf eingetreten.Bei der Gemeinde Dielsdorf hegt man trotz dem Hin und Her keinen Groll auf den Kanton. Die Hauptkosten trage ja dieser, schreibt die Gemeinde auf Anfrage. Wie hoch sie sein werden, ist allerdings noch offen.Aber: «Die Gemeinde Dielsdorf erwartet vom Kanton, dass die kantonalen Staatsstrassen so gebaut werden, dass sie den Durchgangsverkehr aufnehmen können.» Zurzeit sei dies nicht der Fall: Der starke Durchgangsverkehr mit bis zu 14 000 Fahrzeugen täglich auf dem Gemeindestrassennetz führe zu Zeitverlusten für das Gewerbe und für die Bevölkerung zu Emissionen und Sicherheitsproblemen.Die Hoffnung ist, dass sich mit dem Lichtsignal der Durchgangsverkehr besser kanalisieren lässt. In Dielsdorf ist man deshalb froh, wenn die beiden Kreisel verschwinden und die Kreuzungen von einst ein Comeback feiern.Passend zum Artikel