Muss man sich Friedrich Merz vor der Sommerpause 2026 als einen zufriedenen Kanzler vorstellen? Jetzt, da seine Regierung ihre Reformpakete zumindest wie geplant noch auf den Weg gebracht hat und die Koalition sich einigermaßen dramafrei in die Ferien verabschiedet hat? Oder als einen angespannten Kanzler, der weiß, dass so viel noch gar nicht erreicht ist, dass die großen Hürden erst nach dem Sommer auf ihn warten? Schließlich müssen die Reformen noch durch den Bundestag, ohnehin dürften sie kaum ausreichen, und gleich nach der Pause drohen bei den Landtagswahlen im Osten tektonische Verschiebungen über den rechten Rand hinaus. Merz sagt: „Wir haben viel erreicht, aber es ist noch lange nicht genug.“Es ist die zweite Sommerpressekonferenz von Merz als Bundeskanzler. 90 Minuten vor der Hauptstadtpresse in Berlin-Mitte, ein paar Sätze zum Einstieg, dann Frontalbefragung, kein Ausweg. Bei seiner ersten Sommerpressekonferenz hatte Merz wenige Monate nach seiner Kanzlerwahl zwar verkündet, dass man die Wende eingeleitet habe – aber die gescheiterte Verfassungsrichterinnenwahl überschattete alles. Jetzt sagt Merz: „Ich bin nie zufrieden mit dem, was wir erreicht haben, solange wir nicht deutlich besser dastehen, als wir im Augenblick dastehen.“ Aber die Koalition habe Tritt gefasst. „Wir befinden uns auch persönlich menschlich in einem sehr guten Verhältnis miteinander.“ Und wenn es dann um die Außenpolitik geht, nimmt auch die Zufriedenheit mit der eigenen Leistung zu.Es sind aber immer nüchterne, keine euphorischen Worte, die Merz am Mittwoch wählt. Überhaupt wirkt Merz an diesem Mittwochmittag ernst und konzentriert. Von sommerlicher Leichtigkeit keine Spur. Es geht zwar auch mal kurz um den Sommer, aber dann gleich um die drückende Hitze und die vielen Toten, die sie in diesem Jahr schon gefordert hat. Merz, der sich bislang nicht ausdrücklich zu dem Thema geäußert hat, sagt zu Beginn kurz, dass die Bevölkerung vor der Hitze geschützt werden müsse und er die Lage beobachte.„Wie hältst du’s mit der AfD?“Aber eigentlich beschäftigt schon alle jetzt mehr der Herbst. In diesem werden drei Landtagswahlen stattfinden, in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Vor allem die Vorgänge in Magdeburg am 6. September und danach dürften von Merz noch viel Aufmerksamkeit fordern. Und Nerven. Am Mittwoch sagt Merz in Berlin zumindest, das Wahlergebnis sei abzuwarten, dann werde man weitersehen. Doch die weiteren Antworten zu dem Thema lassen erahnen, dass Merz die Frage „Wie hältst du’s mit der AfD?“ doch permanent mit sich herumträgt.Ein niederländischer Journalist, der in seinem Land umfassende Erfahrungen mit Rechtspopulisten in Regierungsämtern gemacht hat, fragt den deutschen Kanzler, was es denn für dessen Land bedeuten würde, wenn die AfD in Regierungsverantwortung käme. Es ist der Moment in der anderthalbstündigen Pressekonferenz, bei dem Merz vorsichtig-emotional wird. Es sei nämlich etwas ganz anderes, wenn in Deutschland Rechtspopulisten an die Macht kämen. „Ich werde alles tun, was in meiner Kraft steht, um es zu verhindern“, sagt Merz mit Nachdruck.Heißt das, er würde im Zweifel auch einer Zusammenarbeit der CDU mit der Linken in Sachsen-Anhalt zustimmen? Es gebe klare Parteitagsbeschlüsse, die eine Zusammenarbeit mit AfD und Linkspartei ausschließen, antwortet der Kanzler. „Und ich habe keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass wir die einhalten.“ Doch nur kurze Zeit später klingen Merz’ Worte schon wieder anders. Ob er ein Problem damit hätte, wenn sich der amtierende CDU-Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt, Sven Schulze, mit Stimmen der Linken wählen lassen würde, antwortet er: „Wir entscheiden alles das, was nach dem 6. September geschieht, nach dem 6. September.“ Er bleibe zuversichtlich, eine AfD-Mehrheit verhindern zu können. „Und diesen Optimismus, den werde ich bis zum Wahlabend jeweils 18 Uhr behalten.“ In Umfragen für Sachsen-Anhalt liegt die AfD über 40 Prozent, die CDU bei 26.Keine Reform der Schuldenbremse – erst einmalOptimismus versucht Merz auch bei den noch ausstehenden Reformen zu verbreiten. Als größte Baustellen nennt er die Verabschiedung des Rentenkonzepts, außerdem den nimmer endenden Bürokratieabbau. Eine Reform der Schuldenbremse erwartet Merz hingegen nicht mehr in diesem Jahr. Denn weder die zuständige Kommission noch die Bundesregierung sei sich bei dem Thema einig. Merz kann damit gut leben. Was ihn hingegen nach eigener Aussage beschäftigt, sind seine schlechten Zustimmungs- und Popularitätswerte. Er berate sich permanent mit seinem Team, sagt Merz, ob man anders kommunizieren müsse, auch ob es andere Inhalte brauche. Er sei ein „lernendes System“, sagt Merz mit einem Schmunzeln.Seinen Frieden hat Merz auch längst mit der Zuschreibung als Außenkanzler gemacht – er sehe darin eine zutreffende Beschreibung, sagt Merz, alles hänge zusammen, innere und äußere Sicherheit. Das führt Merz auch später wieder an, als es um die erste große Entscheidung geht, die er noch vor seiner Wahl zum Kanzler getroffen hat: das Aushebeln der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben und das Sondervermögen, also die Schulden, für die Infrastruktur. „Das ist eine erhebliche Belastung meiner persönlichen Glaubwürdigkeit“, sagt Merz, die er ausgleichen könne, wenn man mit der Gesetzgebung die Volkswirtschaft wieder wettbewerbsfähig und das Land verteidigungsfähig bekomme.Und als er später gefragt wird, ob er denn schlaflose Nächte habe, weil Deutschland eben noch nicht verteidigungsfähig sei, spricht Merz von der Sorge, „dass wir zurzeit nicht da sind, wo wir sein müssten“. Er verweist auf die hybriden Angriffe aus Russland, wiederholt seine bekannte Formel: „Wir leben nicht im Krieg, aber wir leben auch nicht mehr in Frieden.“ Aber man sei in einem „rasanten Aufholprozess, unsere Verteidigungsfähigkeit wieder hinzubekommen“, sagt er auch.Ansonsten bieten die Fragen dem Kanzler selten Gelegenheit, über Deutschlands Rolle in der Welt und seine eigene dabei zu sprechen. Wieder lässt Merz am Beispiel der Währungspolitik die Bereitschaft erkennen, einen härteren Kurs gegenüber China anzuschlagen. Die Distanz zu Amerika wird einmal deutlich bei der Kritik an der Zollpolitik und ebenso, als Merz daran erinnert, dass es nach deutschem Recht verboten ist, eine Partei aus dem Ausland zu finanzieren, und sich Einmischung in Wahlkämpfe verbittet. Dabei geht es natürlich wieder um die AfD.„Das, was wir heute machen, entscheidet das Schicksal unserer Kinder und Enkelkinder“, sagt Merz. Er wolle eines Tages aus der Rückschau auf diese Zeit die Frage beantworten können, ob man das Richtige gemacht habe, um den nachfolgenden Generationen ein lebens- und liebenswertes Land zu überlassen. Das wolle er den Menschen sagen, wenn er ihnen im Landtagswahlkampf begegne, sagt der Kanzler. Denn auch das wird zu seinem Sommer gehören: Wahlkampf.