Tour de France: Das Rennen um die schönsten BilderEtwa die Hälfte der Zuschauer verfolgt das grösste Radrennen der Welt nicht hauptsächlich aus sportlichem Interesse, sondern um das Land und die Kulturgüter zu sehen. Entsprechend wird die Tour geplant.Stephan Klemm15.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie Kulisse ist genauso wichtig wie das Rennen: Die Fahrer der Tour de France in der Umgebung von Périgueux.Stephanie Lecocq / ReutersDer französische Philosoph Roland Barthes war so fasziniert von der Tour de France, dass er ihr in den 1957 erschienenen «Mythen des Alltags» einen vielbeachteten Essay mit dem Titel «Die Tour de France als Epos» gewidmet hat. In diesen Reflexionen über die Gegenwartskultur vergleicht Barthes die vielschichtige Aufgabenstellung der Frankreichrundfahrt mit einem Epos von Homer: «Wie in der ‹Odyssee› ist die Fahrt hier Rundfahrt von einer Prüfung zur nächsten und zugleich totale Erforschung der Grenzen der Welt.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diese Metapher passt nach wie vor. Das Examen wird nach drei Wochen und 21 Prüfungen, Etappen genannt, auf den Champs-Élysées in Paris abgelegt. Die Rundfahrt hat sich zu einem bestens organisierten, florierenden Wirtschaftsunternehmen entwickelt. Die Prozession zieht Jahr für Jahr um die 13 Millionen Besucher an, sie kommen bei weitem nicht nur aus Frankreich. Wichtigster Vermittler der Tour-Botschaft sind die Live-Bilder des französischen Fernsehens, die in 190 Länder der Welt übertragen werden.Der Tour-Direktor ist HobbyhistorikerZum TV-Angebot gehören – nicht nur im französischen Fernsehen – kleine historische und kunstgeschichtliche Vorlesungen über Schlösser, Denkmäler und landschaftliche Besonderheiten wie Sonnenblumen- sowie Lavendelfelder oder das Meer. Eine Rahmenhandlung, die sich zu einem zweiten Wettbewerb neben dem Radrennen entwickelt hat: Frankreich gucken.Das Land mit seinen Naturschönheiten, Sehenswürdigkeiten und inzwischen berühmten Tour-Orten zu betrachten, gehört genauso zur Tour wie Speichen und Ketten. Der Tour-Direktor Christian Prudhomme, einst Reporter bei verschiedenen französischen TV-Stationen, ist ein Hobbyhistoriker und als solcher daran interessiert, dass die Jahr für Jahr neu abgesteckte Strecke der Tour nicht nur sportliche Geschichten präsentiert, sondern sich auch an geschichtlichen Erinnerungsorten zeigt.Auf der sechsten Etappe zwischen Pau und Gavarnie-Gèdre.Thibault Camus / APEin Höhepunkt der diesjährigen Rundfahrt: die mittelalterliche Stadt Carcassonne.Stephanie Lecocq / ReutersIn diesem Juli war die Tour zunächst jenseits von Frankreichs südwestlicher Grenze in Katalonien zu Gast. In Frankreich angekommen, präsentierte Prudhomme ab dem 6. Juli mit seinem Parcours zunächst die Schönheiten der östlichen Pyrenäen. Liess Station machen in Carcassonne, einer Stadt, über der das Weltkulturerbe der Cité thront, die spektakuläre Festungsstadt mit Schloss, Kirche und mittelalterlichen Wehrmauern. Foix war im Programm, eine Stadt mit einer mehrtürmigen Burg, ab dem 10. Jahrhundert erbaut von örtlichen Grafen.Man will «herrliche Bilder»Die Tour-Teilnehmer kamen bald darauf in Pau an, dem Geburtsort des französischen Königs Heinrichs IV., und brachen auch von dort zu ihrer nächsten Tagesreise auf. In der zweiten Woche erreichten sie Vichy, einen Kurort in der Auvergne. Dort residierte zwischen 1940 und 1944 das autoritäre, antisemitische und mit den deutschen Besetzern kollaborierende Vichy-Regime. Überdies steuerten die Radprofis Nevers an, wo die Ordensschwester Bernadette Soubirous in einer Kapelle begraben liegt, die sogenannte Seherin von Lourdes, die vorgab, achtzehn Marienerscheinungen gehabt zu haben.«Diese Stationen sind kein Zufall, sondern bewusst in den Parcours eingebaut», sagt Prudhomme. In Pau sitzt er beim Gespräch in dem täglich an jedem Startort auf gleiche Art und Weise aufgebauten Tour-Dorf. Er ist ein schwärmerischer Renndirektor, und wenn er über seine Überlegungen hinter der Streckenführung spricht, unterstreichen seine Armbewegungen seine Worte, die Stimme wird höher.Die Tour de France sei das grösste Radrennen der Welt, «aber gerade weil sie das ist, ist sie wegen ihrer Tradition seit der ersten Auflage 1903 mehr als nur Sport». Für Prudhomme gilt der Dreisatz: «Bei der Tour interessieren der sportliche, der ästhetische und der historische Aspekt.» Zu Beginn der finalen dritten Woche «haben wir ein Zeitfahren am Genfersee im Programm – herrliche Bilder werden dabei entstehen».Die sechste Etappe führte durch die Pyrenäen.ImagoFahrt durch Périgueux in der achten Etappe.Tim de Waele / GettyKurze GeschichtsvorlesungenDarum geht es ihm vor allem, «die Bilder sind entscheidend», sagt er. Und da im Besonderen die Aufnahmen, die vom Helikopter aus in die Wohnzimmer transportiert werden – «dieser Blick ermöglicht es, das gesamte Kulturerbe Frankreichs auf besondere Weise zu präsentieren». Fernsehreporter erklären schliesslich ihrem Publikum in Form kurzer Geschichtsvorlesungen die kulturellen Phänomene.Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass sich die Hälfte der vor den Bildschirmen versammelten Zuschauer hauptsächlich wegen Frankreichs Schönheit nachmittags die Tour im Fernsehen anschaut. Für das sportliche Geschehen interessieren sich diese Tour-Fans eher sekundär. Für sie wird Frankreichs Traumkulisse bewusst offensiv in die Wohnzimmer transportiert.Eingefangen und präsentiert werden die Bilder von Anthony Forestier, dem Regisseur von France Télévisions. Der Aufwand, den er betreibt, um die Tour für das weltweite Publikum in Szene zu setzen, ist enorm. Forestier fliegt die Tour-Strecke im Vorfeld komplett mit dem Helikopter ab, um alle sportlichen Herausforderungen sowie die landschaftlichen und kulturellen Highlights zu erfassen. Anschliessend fährt er den Parcours mit dem Auto ab, bestimmte Etappen auch zweimal. «In jeder Stadt treffe ich Einwohner, die mir erklären, was sie in ihrem Umfeld als besonders zeigenswert empfinden», sagt er.Für die kommende 114. Tour mit Start in Edinburg kündigt der Tour-Direktor Prudhomme bereits an, «dass wir eine sehr schöne Zeitfahretappe im Programm haben – an einem symbolträchtigen Ort des französischen Kulturerbes». Mehr darf er vor der offiziellen Streckenpräsentation im Oktober 2026 nicht sagen. Fest steht: Die Tour wird erneut eine Art Geschichts- und Geografieunterricht bieten, vom Regisseur Anthony Forestier in Form eines Kinofilms in Szene gesetzt.Kurz nach dem Start der achten Etappe in Périgueux.Tim de WaeleBild aufgenommen am Rande der fünften Etappe.Tim de Waele
Tour de France: ein Rennen um die schönsten Bilder
Viele Zuschauer verfolgen das grösste Radrennen der Welt nicht aus sportlichem Interesse, sondern um das Land und die Kulturgüter zu sehen. Entsprechend wird die Streckenführung geplant.














