Filmvorführung bei der Berliner AfD: Als der «Citizen Vigilante» die ersten Migranten ermordet, wird geklatschtEin Bundestagsabgeordneter der Rechtsaussenpartei zeigt den blutigen Film als Zeichen gegen «Zensur» in seinem Bürgerbüro am Rande von Berlin. Ein Augenschein.12.07.2026, 06.00 Uhr5 LeseminutenKalte Wut: Armie Hammer als Sanders in Uwe Bolls «Citizen Vigilante».Axel Stock / NZZ – BildredaktionHinter der Theke steht ein Mann, auf dessen Kappe «Ich liebe Meinungsfreiheit» steht. Er reicht den Gästen Bierflaschen und Limonade herüber. In dem gefliesten Raum mit dem kalten Deckenlicht und den AfD-Aufstellern erinnert wenig an ein Kino, daran ändern auch zwei kleine Schalen mit Chips nichts, die neben den Stuhlreihen bereitstehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gemäss dem Berliner AfD-Bundestagsabgeordneten Ronald Gläser kann man das hier auch eher als Demonstration für Meinungsfreiheit verstehen. In seinem Bürgerbüro am nordöstlichen Rand Berlins zeigt er an diesem Freitagabend den Revenge-Thriller «Citizen Vigilante» des deutschen Regisseurs Uwe Boll. Gläser erzählt später, dass er Bolls Erlaubnis hat, ihn zu zeigen. Auch deutsche Untertitel haben sie hinzugefügt. Der Film hatte zunächst keine Freigabe der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) des deutschen Films erhalten, was Gläser für Zensur hält. Mittlerweile darf man ihn Volljährigen vorführen.Etwa 30 von ihnen sind in das dörfliche Blankenburg gekommen, essen vor dem Flachbau des Bürgerbüros Kirschen, trinken Bier und rauchen. Über ihnen hängt eine überdimensionierte Deutschlandflagge. Eine Frau trägt einen Strohhut und ein Alice-Weidel-T-Shirt, auf dem die AfD-Vorsitzende viermal abgebildet ist. Ein grossgewachsener Mann im Polohemd einer Freiwilligen Feuerwehr stellt seinen Begleiter vor. Man scheint sich zu kennen.Man sieht alle blutigen Details«Dieser Film ist krass, ich würde ihn Kindern und Jugendlichen auch nicht zeigen», sagt Gläser, nachdem sich die Gäste auf den Stühlen niedergelassen haben. «Wir wollen keine Gewaltphantasien, wir wollen keine Rache», fügt er hinzu, wie um sicherzugehen. Dann werden die Lichter gelöscht. Gläser bleibt noch länger für Fotos vor der Leinwand stehen, als der Vorspann läuft.Die erste Einstellung zeigt eine blonde Frau, die mit ihrem Kind spazieren geht. Plötzlich taucht ein junger, migrantischer Mann mit einem grossen, krummen Messer hinter ihr auf. Er rammt es ihr in den Hals, man sieht alle blutigen Details, das Kind schreit. «Sehr realistisch», kommentiert jemand im Saal.Nun erscheint der Rächer, der «Citizen Vigilante» namens Sanders, gespielt vom gecancelten US-Schauspieler Armie Hammer. Er spricht dräuend von die Untätigkeit der Regierung. «Was tut dein Land? Nichts», sagt er, «und wenn du nichts tust, muss ich etwas tun.» Waffen klicken, rasten. Schon bald tauchen Kriminelle mit Migrationshintergrund auf, die Böses im Sinn haben. Als die Hauptfigur sie erschiesst, applaudiert ein braungebrannter Mann im hellblauen Polohemd. Dann ein anderer.Der Film kreist ohne linearen Plot um die Person Sanders und – meist von Migranten ausgehende – Gewalt. Er besucht ein Vergewaltigungsopfer im Krankenhaus. Er hält drei schwarzfahrenden Jugendlichen eine Standpauke, warum es für alle teurer werde, wenn sie nicht zahlten. Als sie später einen anderen Jungen zusammenschlagen, bricht er ihnen die Handgelenke. Er bewahrt Frauen in einer Bar davor, betäubt und vergewaltigt zu werden. Er wird von einem Interpol-Mann verfolgt und tötet eine Menge Polizisten.Währenddessen monologisiert der Rächer unentwegt. Das klingt so: «Sie wollten euch niemals Gerechtigkeit bringen», sagt er, «ich bin hier, um euch Kontrolle zurückzugeben.» Man erfährt, dass er ein ehemaliger US-Militär ist, der illegal in das ungenannte Land eingereist ist und nun das Immobilienimperium seines verstorbenen Vaters verwaltet.Dann wird eine Familie erschossen«Citizen Vigilante» nimmt Fahrt auf, als Sanders einen Richter gefangen nimmt und betäubt. Er zeigt ihm ein Interview, in dem der Richter über von ihm milde beurteilte Vergewaltiger gesagt hatte, sie seien selbst auch Opfer. In Blankenburg hört man hämisches Lachen aus dem Publikum. «Das ist ja wie in Deutschland», sagt eine Zuschauerin. Sanders ermordet den Richter – «Sie sind genauso schlimm wie die Täter» – und inszeniert es als Suizid.Nun folgt der Höhepunkt. Der «Citizen Vigilante» dringt in die Wohnung einer arabisch sprechenden Familie ein. Sie essen gerade zusammen Suppe. Der jugendliche Sohn der Familie hat offenbar an der Gruppenvergewaltigung einer 14-Jährigen teilgenommen, wurde aber vom Gericht freigesprochen. Sanders schiesst ihm ins Bein und zwingt ihn dazu, seine Mittäter in die Wohnung zu bestellen. Hier zeigt der Film eigentlich minutenlang die Gruppenvergewaltigung. Die Szene wurde für Gläsers Vorführung herausgeschnitten.Als die Schwester des Täters sagt, das Opfer habe es verdient, weil es kein Kopftuch trug, lachen die AfD-Zuschauer sarkastisch. Die Hauptfigur hält der Familie eine ernste Rede über die archaischen Werte des Islams und die rechtsstaatliche Ordnung der Demokratie, die viele Migranten nicht respektierten.Dann erschiesst er alle nacheinander. Den Vater, den Sohn, die Schwester, die Mutter, alle. Ein Zuschauer lacht, ein anderer ruft aus: «Sehr schön!»Die restlichen Täter der Gruppenvergewaltigung kommen in die Wohnung, der «Citizen Vigilante» exekutiert sie von hinten. Später versucht Sanders noch, dem Premierminister des fiktiven Landes eine Botschaft zu übermitteln, er sagt: «Die Leute haben nie dafür gestimmt.» Er meint wohl Migrationspolitik und Gewalt. «Entweder beenden Sie es, oder wir, das Volk, werden es selbst tun.» Am Ende sieht man das erleichterte Gesicht des 14-jährigen Mädchens, das vergewaltigt worden war und nun gerächt ist. Der Abspann läuft. Im Blankenburger AfD-Büro holen sich die Zuschauer ein weiteres Bier.«So eine Uzi würde mir auch gut stehen»Danach diskutieren sie über den Film. In den hinteren Reihen sagt ein Zuschauer, der Film rufe zur Selbstjustiz auf, «das will ja keiner». Der Mann im hellblauen Polohemd entgegnet ihm in breitem Berlinerisch: «Hat mir richtig gut gefallen, wie er die plattgemacht hat. Das Gesocks. Da sind richtig die Schädelplatten weggeflogen.» Er fügt hinzu: «Oder etwa nicht?» Der zweite: «Doch, ist schon richtig. Das Problem ist, dass wir Millionen reingelassen haben.» Einer ruft: «Wenn man das sagt, ist man ja gleich ein Nazi!» Der andere, etwas später: «So eine Uzi würde mir auch gut stehen.»Zusammen mit dem Bundestagsabgeordneten Gläser ordnet der ehemalige Schauspieler und «Tatort»-Kommissar Bernd Michael Lade den Film für die Zuschauer ein. Der AfD-Politiker erinnert an die Gewalttaten des NSU oder die des Rechtsterroristen Anders Breivik. Er habe die Befürchtung, dass jemand «Citizen Vigilante» schaue und dann ähnliche Taten verübe, sagt er. «Das wird dann dem armen Regisseur in die Schuhe geschoben.»Beide betonen den Kunstcharakter des Films: Gläser vergleicht ihn mit «Rambo» oder Filmen von Quentin Tarantino, Lade nennt ihn «Punkrock». Dass er zunächst keine Freigabe fürs Kino erhalten hatte, erklärt Lade sich mit dem Zustand der deutschen Filmlandschaft. Er verweist auf die Jury der Berlinale, die «wie in Pakistan» aussehe. Gläser wiederum glaubt, die politische Botschaft des Films, dass es ein «Problem mit Migrantengewalt» gebe, habe die FSK-Freigabe zunächst blockiert.Die Zuschauer diskutieren rege über den Film, einer erinnert an die Gewaltszenen in der deutschen Erfolgsserie «4 Blocks», an denen sich niemand gestört habe. Am Ende meldet sich noch einmal der Mann im hellblauen Polohemd zu Wort: «Die Kanaken», sagt er, «die müssen alle weg.» Gläser nimmt das Mikrofon wieder an sich und beschwichtigt: «Das ist nicht die Botschaft, die wir hier vermitteln wollen. Aber dennoch müssen wir das mit den Migranten lösen.»Vor dem Bürgerbüro ist das Licht abendlich geworden, weich. Vögel zwitschern, die Deutschlandflagge hängt schlaff herab. Die Gäste kommen langsam nach draussen. Der Mann im hellblauen Polohemd stösst zu einer Gruppe von Rauchern, fragt die anderen: «War das jetzt okay?» Einer der Umstehenden antwortet ihm: «Nee.» Dann wechseln sie das Thema.Passend zum Artikel