Es war eine Stunde Tennis, die den Fall des Regierenden Bürgermeisters auf den Weg brachte. Während zehntausende Berliner nach dem Anschlag auf das Stromnetz im Januar froren, stand Kai Wegner auf dem Platz. „Ich wollte den Kopf freikriegen“, erklärte er später. Verhängnisvoller als das Match war die Nachbereitung: Erst behauptete Wegner, ab 8:08 Uhr Krisentelefonate geführt zu haben, dann musste die Senatskanzlei nach einem presserechtlichen Eilantrag des „Tagesspiegels“ einräumen, dass sein erstes dienstliches Telefonat erst kurz vor 13 Uhr stattfand. Am Freitag verzichtete Wegner auf die CDU-Spitzenkandidatur für die Wahl am 20. September.Was sagen die Berlinerinnen und Berliner dazu? Wir haben uns umgehört – auf einem Tennisplatz, wo sonst. Hier weiß man, wie schön dieser Sport ist. Hier kennt man den Reiz einer sauber geschlagenen Vorhand. Vielleicht finden wir hier ja so etwas wie Verständnis für Berlins Regierenden Skandal-Bürgermeister.

Krisenbürgermeister

Blackout, Tennis, Unwahrheiten: Der politische Niedergang von Kai Wegner

François: „Dann hätte er viel früher gehen müssen“

François steht am Netz, das Trikot verschwitzt. Im Hintergrund hört man das vertraute Ploppen der gelben Filzkugel. Der gebürtige Franzose aus Toulouse lebt seit Jahren in Berlin, hat die deutsche Staatsbürgerschaft, und darf im September wählen. Die Affäre hat es bis in seine alte Heimat geschafft: „Selbst Le Monde hat über Wegner berichtet.“ Eines stellt François dabei klar: Am Tennis lag es nicht. „Auch ein Bürgermeister braucht ein Privatleben, solange er erreichbar bleibt. Dass jemand wegen einer Stunde Tennis gehen muss, fände ich schlimm.“François geht es um alles, was danach kam: erst die erfundenen Krisentelefonate, dann das scheibchenweise Eingeständnis. Konsequent wäre für ihn nur eins gewesen: der komplette Rücktritt, auch als Regierender Bürgermeister. „Entweder hat Wegner nichts falsch gemacht – dann soll er Kandidat bleiben. Oder er weiß, dass er etwas falsch gemacht hat – dann hätte er viel früher gehen müssen. Und zwar komplett.“Das hätte der CDU am Ende sogar geholfen, sagt François. So aber steht die Partei nun zehn Wochen vor der Wahl ohne bekanntes Gesicht da. Vom designierten Nachfolger Stefan Evers jedenfalls hat François noch nie gehört. Da ist er in Berlin vermutlich nicht allein.