Christopher Nolans „Odyssee“ gilt schon jetzt als Film des Jahres. Denn das 2700 Jahre alte Epos Homers erzählt überzeitliche Geschichten. Auf die Frage, welche historische Realität sich in ihnen spiegelt, findet die Wissenschaft neue Antworten.„Den Mann nenne mir, Muse, den vielgewandten, der gar viel umgetrieben wurde, nachdem er Trojas heilige Stadt zerstörte. Von vielen Menschen sah er die Städte und lernte kennen ihre Sinnesart; viel erlitt er auch Schmerzen auf dem Meer in seinem Gemüte, während er sein Leben zu gewinnen suchte wie auch die Heimkehr der Gefährten.“ So lässt – in der berühmten Prosa-Übersetzung von Wolfgang Schadewaldt – der griechische Dichter Homer seine „Odyssee“ beginnen. Es sind einige von 12.110 Versen des zweitältesten Epos des Okzidents. Obwohl rund 2700 Jahre alt, faszinieren sie bis heute. Nicht umsonst gilt die neue Verfilmung des Regisseurs Christopher Nolan, die am 16. Juli in Deutschland anläuft, vielen schon jetzt als der Film des Jahres. Vielleicht, weil die Geschichte, die da erzählt wird, es an Bekanntheit wohl mit der Bibel aufnehmen kann. Die qualvolle Suche eines Menschen nach seiner Heimat und der Kampf um sie nach seiner Rückkehr gehören zu den existenziellen Erfahrungen der Menschheit.Das erklärt, warum sich ganze Generationen von Wissenschaftlern und Hobbyforschern daran abgearbeitet haben, die Realität hinter der Dichtung bloßzulegen. Noch um das Jahr 2000 provozierte der Streit um die Deutungen des Archäologen Manfred Korfmann über das, was er in den mutmaßlichen Ruinen Trojas gefunden hatte, eine leidenschaftliche Debatte. Ähnlich laut wurde es in den Feuilletons, als der Schriftsteller Raoul Schrott wenige Jahre später die These aufstellte, Homer sei ein Lohnschreiber der Assyrer gewesen. Denn mit dem Dichter und seinen Helden geraten wir an die Wurzeln Europas.Wie der Kaufmann und Selfmade-Archäologe Heinrich Schliemann in den 1870ern ging Korfmann davon aus, dass er auf dem Hügel Hissarlik unweit des Ostausgangs der Dardanellen eine Handelsmetropole der späten Bronzezeit ergraben hatte, deren Lage und Reichtum einen Eroberungszug einer griechischen Koalition erklären würde. Durchsetzen konnte er sich damit nicht. Zu viele Indizien haben Forscher inzwischen zusammengetragen, die die Welt der „Odyssee“ zeitlich fassen lassen.„Das allgemeine Ambiente, in dem die Helden agieren, sowie die Charakterisierung der sozialen Hierarchien, der institutionellen Ordnung und der Wertewelt (vermitteln) ein Bild von der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Zeit ihrer schriftlichen Fixierung“, fasst die Althistorikerin Elke Stein-Hölkeskamp zusammen. Nicht am Ende des 13. Jahrhunderts, in dem die Griechen den Krieg um Troja datierten, sondern am Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. lässt Homer seine Helden kämpfen, saufen und lieben.Lesen Sie auchDie 15.693 Verse der „Ilias“, die im 10. Jahr der Belagerung Trojas durch die Griechen spielen, entstanden um 700 v. Chr., die „Odyssee“ etwa 30 Jahre später. Weniger eindeutig fällt jedoch die Antwort auf die Frage aus, ob sich hinter dem Namen Homers ein einziger Dichter, eine ganze Gruppe oder ein genialer Redakteur oder Kompilator verbirgt, der eine Fülle von seit Generationen umlaufenden Mythen und Geschichten, die von Fall zu Fall neu komponiert wurden, zusammenfasste, systematisierte und verschriftlichte. Wie auch immer, seine Rolle, die er in der Gesellschaft spielte, hat Homer in seinen Epen vielfach ausgeführt. Lesen Sie auchSo wird ein Sänger am Hof der Phäaken, nachdem die Anwesenden „das Verlangen nach Trank und Speise vertrieben haben“, von Odysseus aufgefordert, „das Lied von dem hölzernen Pferd“ zu singen. Das geschieht in einer weinseligen Runde von „Tischgenossen“, die auch als basileis (Könige), pacheis (Dicke) oder aristoi bezeichnet werden. Sie schlemmen, lachen, streiten und kopulieren und haben wirklich gar nichts mit den Fürstenhöfen zu tun, die die griechische Staatenwelt in der Bronzezeit prägten. Palastanlagen wie die von Mykene, Tiryns oder Pylos zeichneten sich dadurch aus, dass sie Zentren einer straff organisierten und hierarchisierten Herrschaft waren, in der nur wenige Auserwählte Zugang zum Fürsten hatten. Die dort gebräuchliche Linear-B-Schrift diente einer Verwaltung, in der Leistungen und Ausgaben genau festgehalten wurden. Die Sprache, in der das geschah, war zwar eine frühe Form des Griechischen. Aber schon die Vorfahren Homers hatten diese komplizierte Schrift vergessen. Stattdessen bedienten sie sich eines Alphabets, das aus dem Phönizischen abgeleitet war. Das geschah etwa 400 Jahre nach dem Zusammenbruch der mykenischen Burgen um 1200 v. Chr.Professionelle Sänger wie Homer dienten der Unterhaltung von Männern, die es zu etwas gebracht hatten. Ein Maßstab dafür war der Besitz von Vieh. Odysseus etwa soll 59 Herden von Rindern, Schafen, Ziegen und Schweinen sein Eigen genannt haben, was ihn zum reichsten Mann der Insel Ithaka machte (was einiges über den Speiseplan aussagt). Hinzu kamen Felder, Olivenhaine, Weinberge, Pferde, Sklaven. Zusammen mit Frau, Kindern und hetairoi (freie Gefolgsleute) machte das den Hof (oikos) aus. Zu ihm zurückzukehren, ist die entscheidende Motivation des Helden. Das legitimiert auch das Massaker, das Odysseus nach seiner Rückkehr unter den Freiern veranstaltet. Aber der oikos war kein unverfallbarer Familienbesitz. Im Gegenteil: Die basileis bildeten keine Aristokratie, die sich auf das Geburtsrecht berufen konnte, wie das für die mykenische Gesellschaft angenommen wird. Sie mussten ihre Position vielmehr stets aufs Neue behaupten. Todesfälle durch Krieg oder Krankheit oder zu viele Erben, durch die ein Besitz geteilt wurde, konnten einen wohlhabenden aristos schnell in den Status eines einfachen Bauern drücken, der die Mehrheit des demos (Gemeinschaft der Vollbürger) ausmachte. Sie alle führten eine Subsistenzwirtschaft in dörflichen Gemeinschaften.Um ihren Status gegenüber ihresgleichen zu behaupten, entwickelten die aristoi zahlreiche Überbietungsstrategien. Reiche Geschenke und üppige Gastmähler (wie das Aushalten der Freier) stärkten das Prestige. Das galt auch für Siege, die in sportlichen Wettkämpfen errungen wurden. Diese waren eingebunden in kultische Rituale und entwickelten sich zu Foren, in denen auf friedlichem Weg überregionale Netzwerke geknüpft wurden. Bereits in der „Ilias“ werden Leichenspiele für den gefallenen Helden Patroklos in den Disziplinen Faustkampf, Ringen, Laufen, Bogenschießen, Speerwurf und Waffenkampf veranstaltet. Die Sieger wurden mit wertvollen Gefäßen oder Sklavinnen geehrt. Wenn Homer von den sieben Jahren berichtet, in denen der schiffbrüchige Odysseus mit der „schöngelockten“ Kalypso das Bett teilte, bis ihm nach etwa 2500 Akten „die Nymphe zuwider war“, konnte das auch als Beleg für die überragende Kraft seiner Virilität gedeutet werden. Schließlich war es die Aufgabe des Dichters, den Mitgliedern seiner Auditorien Belege zu liefern, „immer Bester zu sein und überlegen zu sein den anderen“, wie es in der „Ilias“ heißt. Die griechische Konkurrenzmentalität dürfte hier ihre Wurzeln haben.Neben den Einkünften aus dem oikos bildeten Raubzüge eine wichtige Einkommensquelle. Odysseus erscheint als trickreicher Chef und Organisator der Leute von Ithaka, die am Kampf gegen Troja teilnehmen. Für die freien Männer auf den zwölf Schiffen trägt der Held die Verantwortung, wie schon die Anfangszeilen der „Odyssee“ mahnen. Das Epos diskutierte damit eine politische Herausforderung, der sich die Anführer einer Gemeinschaft zu stellen hatten. Ein wichtiges Mittel der Problemlösung war die Rhetorik, die Fähigkeit, in der Versammlung der Krieger mit Argumenten zu überzeugen. Wenn Homer den Odysseus als „vielgewandten“ Meister der Rede charakterisiert, beschreibt er auch die Formierung der polis. Mehr als 1000 dieser „Stadtstaaten“ sollten die politische Verfassung des Griechentums ausmachen. Weltabgewandte Einsiedler wie der einäugige Kyklop Polyphem, der von Odysseus und seinen Leuten geblendet wird, erschienen dagegen als Gegenspieler ohne Zukunft.Lesen Sie auchDie Fähigkeit zu überzeugen, zu organisieren und zu überleben, wurde auch von den umtriebigen Männern verlangt, deren Unternehmungen die sogenannte Große Kolonisation auf den Weg brachten. Quasi im Windschatten der Phönizier, die nach dem Zusammenbruch des bronzezeitlichen Mächtesystems ab 1000 v. Chr. die mediterranen Handelswege erkundeten und Kolonien wie Karthago gründeten, etablierten griechische Kolonisten ab dem 8. Jahrhundert neue Städte an den Küsten von Mittel- und Schwarzem Meer. Unzählbar sind die Versuche, die Fahrten des Odysseus mit der Geografie in Einklang zu bringen. Ob er allerdings die Straße von Gibraltar durchfahren hat oder nicht, ist dabei weniger entscheidend als die Erfahrungen, die er in der Fremde machte und die er zu den Phäaken und nach Ithaka trug. Auch wenn Homer wohl kein Schreiber in assyrischen Diensten gewesen ist, enthält die „Odyssee“ zahlreiche Motive aus den Hochkulturen des alten Orients. Die Besuche des Helden auf einsamen Inseln oder in der Unterwelt verweisen auf das Gilgamesch-Epos, dessen älteste Teile aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. stammen. Die griechische Zivilisation entstand nicht aus sich selbst heraus, sondern war eingebunden in eine uralte Kulturlandschaft, aus deren Vorlagen die Sänger schöpften. Das galt auch für die wenigen Artefakte, die von der mykenischen Epoche übrig geblieben waren und auf die sich die Griechen ihren Reim zu machen versuchten. Ruinen aus Kyklopenmauerwerk ließen Bilder von blutigen Kämpfen um Troja entstehen, archaische Schwerter aus Bronze dienten als Symbole der Macht, Bilder (und möglicherweise Überreste) von Streitwagen befeuerten die Idee, mit ähnlichen Fahrzeugen Wagenrennen abzuhalten, die wegen der wenigen und daher kostspieligen Pferde einen hohen Prestigewert besaßen. Lesen Sie auchWenn Homer seine Helden vor Troja auf Streitwagen anrollen lässt, darf man das dagegen als Verfremdungseffekt interpretieren, der zudem den Vorteil bot, die heroischen Einzelkämpfer herauszustellen. Die Kriegslyrik des 7. Jahrhunderts macht jedoch deutlich, dass der Übergang zur Hoplitenphalanx aus schwer gepanzerten Infanteristen längst im Gange war. Die Versammlung der Bauern, die sich entsprechende Waffen leisten konnten, trat neben die exklusiven Adelsrunden. Der Ort der Zusammenkünfte war die agora im Zentrum der Stadt. Wo in orientalischen Metropolen der Palast des Herrschers lag, erstreckte sich in der polis ein freier Platz, das Forum für die entstehende Demokratie. Seine Rhetorik sicherte Odysseus sowohl bei den Aristokraten als auch bei den Bürgern eine Führungsposition. „Die öffentliche Bühne dürfte somit erheblich dazu beigetragen haben, dass die Adligen die Interessen der Gesamtheit mit ins Kalkül zogen“, folgert der Althistoriker Raimund Schulz in seiner neuen „Odysseus“-Studie (Klett-Cotta, 25 Euro).Homers Kollegen bezogen ihre Stoffe auch aus anderen Mythen, aus denen moderne Forscher historische Prozesse zu destillieren suchten. Berühmt ist die Geschichte von der Rückkehr der Herakliden, den Nachkommen des Helden Herakles. Wie der Trojanische Krieg wurde die Sage lange als ferne Erinnerung an die Landnahme des Dorer-Stammes gedeutet, der nach dem Untergang der mykenischen Paläste Peloponnes und Kreta besiedelte, was den dortigen Dialekt erklären würde. Inzwischen machen zahlreiche Funde aber deutlich, dass damals zwar Migranten ins Land kamen, es sich dabei aber keineswegs um Völker oder Stämme handelte, sondern um heterogene Gruppen, die mit den Altsiedlern Formen des Zusammenlebens entwickelten.Wenn sich die Bewohner der aufstrebenden Dorer-Stadt Sparta als Erben der Herakliden verstanden, war das keine Erinnerung an einen historischen Vorgang, sondern zeigte, wie sie sich in einer angenommenen Geschichte verorteten. Die Mythen wurden zum Reservoir „intentionaler Geschichte“: „Geschichten über die Vergangenheit gestalteten die Vergangenheit neu und definierten auf diesem Weg die gegenwärtige Gesellschaft der Erzähler“, schreibt die Althistorikerin Angela Ganter. Das erklärt zum Beispiel die lange Liste an Teilnehmern, die Homer in der „Ilias“ am Krieg gegen Troja teilnehmen lässt. Seine Zeitgenossen legten größten Wert darauf, darin genannt zu werden. Wer fehlte, hatte ein Prestigedefizit.So kam auch die kleine Insel Ithaka zu dem Ruhm, einen Anführer des Koalitionsheeres gestellt zu haben. Odysseus war ein besserer Bauer, ein trickreicher Krieger, ein Gewaltunternehmer, der „die Städte von vielen Menschen“ sah. Aber sein unbedingtes Streben nach Hause zu Frau und Kind machte ihn zu einem überzeitlichen Helden.Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.
Realität der „Odyssee“: 2500 Liebesnächte mit der „schöngelockten“ Nymphe - WELT
Christopher Nolans „Odyssee“ gilt schon jetzt als Film des Jahres. Denn das 2700 Jahre alte Epos Homers erzählt überzeitliche Geschichten. Auf die Frage, welche historische Realität sich in ihnen spiegelt, findet die Wissenschaft neue Antworten.
















