Giorgia Ongarato kann es kaum erwarten, dass die Fähre endlich an der griechischen Insel Ithaka anlegt: Für die Italienerin aus Bozen erfüllt sich damit ein lang gehegter Traum. In der Schule lernte sie Griechisch und las Homer – und natürlich hat sie jetzt auch Christopher Nolans Blockbuster „Die Odyssee“ im Kino gesehen, dessen Held Odysseus der Erzählung nach auf Ithaka zu Hause war. „Ich fand ihn großartig“, schwärmt die 50-jährige Anwältin von dem Film.Das sind Töne, die man in Ithaka gerne hört. Bislang lag die Insel mit etwa 3000 Bewohnern im Ionischen Meer abseits der großen Touristenströme und im Schatten von glamourösen Zielen wie Mykonos und Santorin, obwohl sie mit ihren türkisblauen Gewässern, Olivenhainen und Zypressen-Wäldern Urlaubern einiges zu bieten hat.Der Erfolg von Nolans Film weckt nunmehr die Hoffnung auf einen Tourismus-Boom, obwohl der Regisseur trotz Bitten der Insel-Verwaltung tatsächlich keine einzige Szene auf Ithaka gedreht hat. Das Ithaka des Hollywood-Epos' ist tatsächlich die italienische Insel Favignana bei Sizilien. Der Bürgermeister hatte sich mehr erhofft Tavernen-Wirt Xhimi Xoxha aus der Inselhauptstadt Vathi sieht in dem Streifen dennoch „eine sehr gute Werbung“ für die Insel. „Nach und nach wird der Film auf der ganzen Welt geschaut werden“, sagt er. So werde die Neugier von Touristen geweckt.Der Bürgermeister von Ithaka, Dionysis Stanitsas, kann indes eine leichte Enttäuschung nicht verbergen. Er hatte versucht, zumindest einen Teil der Produktion auf seine Insel zu holen. „Wir haben das Filmteam kontaktiert, und darum gebeten, dass einige Szenen hier gedreht werden“, sagt er. „Leider war das nicht möglich.“ Dennoch erwartet auch er, dass sich künftig mehr Menschen für Ithaka interessieren werden. In diesem Jahr seien die Reservierungen schon vor dem Filmstart abgeschlossen worden.Besucher werden auf Ithaka allerdings keine authentischen Spuren des Epos' vorfinden: Weder den Palast von Odysseus noch sonst irgendwelche archäologischen Spuren, die die Existenz von Homers Helden bestätigen könnten. Dafür gibt es mehrere Odysseus-Statuen in den Dörfern, eine davon direkt vor dem Rathaus der Insel. Im Hafen liegen Fischerboote, die nach der Nymphe Calypso oder Odysseus' Sohn Telemachos benannt sind.Souvenir-Läden bieten Homer-Statuen an, Wandteller mit dem Trojanischen Pferd sowie T-Shirts mit Odysseus' treuer Frau Penelope oder dem einäugigen Riesen Polyphem. Und an dem Strand von Dexia, an dem Odysseus der Erzählung nach wieder auf Ithaka ankam, können es sich heute Touristen auf Liegen unter Sonnenschirmen bequem machen. Buchungen seit Filmstart gestiegen Griechenlands Regierungschef Kyriakos Mitsotakis bedankte sich unlängst bei Regisseur Nolan für den Beitrag des Films dazu, „dass sich das weltweite Interesse wieder auf die antike griechische Zivilisation“ richtete. Laut Zahlen des Reiseveranstalters EasyJet Holidays, die von der griechischen Nachrichtenplattform Kathimerini zitiert wurden, sind die Buchungen nach Griechenland seit dem Anlaufen des Films Mitte Juli um 18 Prozent gestiegen.Für die Besucherin Teagan Messing aus den USA ist die Verfilmung der Odyssee ein gutes Mittel, damit sich die Menschen für Homer und die Mythologie interessieren. „Aber er hält sich eindeutig nicht an den Originaltext“, sagt die 22-Jährige, die Anthropologie studiert hat und auf ihrem Arm ein Tattoo mit einer Karyatide trägt, einer griechischen Säule in Form einer Frauengestalt.Tatsächlich hat Nolan mit seiner filmischen Interpretation der Odyssee in Griechenland auch für Kontroversen gesorgt. Zu den wenigen Szenen, die tatsächlich im Land gedreht wurden, gehören die Szenen mit dem Zyklopen Polyphem in der Nestorhöhle auf dem Peloponnes. Für den Archäologen Spyros Couvaras ist der Film aber ohnehin zweitrangig. „Hinter dem Film von Nolan steht Homer“, sagt er. (AFP)