Am Ursprung des WM-Erfolgs stehen unscheinbare Aussenquartiere und Vorstädte, aus denen viele Spieler stammen.11.07.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenEin Kraftort dieser Nati, die sich in Amerika und Kanada für den Viertelfinal qualifiziert hat, liegt hinter dem Reisebüro Ozeania («Meer träumen, Meer reisen») und dem Sonnenstudio Sun King, wo langsam alles ausfranst. Die Industriebauten sehen abgekämpft aus. Am gleichen Ort bieten eine Autogarage, eine Pizzeria und ein «Sport Trend Shop» ihre Dienste an. Dazwischen weist ein aufblasbarer Pirat mit einem Winkearm den Weg zum «Pirates», das jedes Spiel dieser Fussball-Weltmeisterschaft live zeigt. Es ist einem Piratenschiff nachempfunden – und nimmt an diesem Achtelfinalabend alle auf: die Harry-Hasler-Typen im roten Retroshirt, die Ü-40-Frauen, die Aperol «mit viel Sprudel» bestellen, und die Secondobuben im grellgelben Nati-Goalietrikot. An einem der Festbänke erklärt ein junger Mann dem anderen in der bekannten Balkanmundart die Philosophie dieses Ortes: «Ich wott au mini Chind biibringe: Du musch immer vo une nach ufe.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Willkommen in Hinwil im Zürcher Oberland, in der Agglo-Schweiz. Hier liegt der Ursprung dieses schweizerischen Triumphs. Spätestens wird das klar, als an diesem Dienstag aus den Lautsprechern des «Pirates» die Nationalhymne ertönt. Auf dem riesigen Bildschirm ist der Mittelfeldspieler Remo Freuler zu sehen.«Jo, de Freuli», sagt eine Frau hinter ihrem Smirnoff.Freuler ist einer von ihnen, aufgewachsen und fussballerisch sozialisiert in Hinwil. So wie Manuel Akanji in Wiesendangen bei Winterthur. So wie Dan Ndoye in Rolle zwischen Lausanne und Genf. Auffallend viele Spieler kommen aus Aussenquartieren, Vorstädten, Dazwischendörfern. Am Ende des Abends jubeln im «Pirates» alle und schwingen Schweizer Fahnen: weil Rubén Vargas aus der Agglo-Gemeinde Adligenswil im Kanton Luzern den entscheidenden Penalty verwandelt.Die Fussball-Nati repräsentiert die unscheinbare Schweiz der Agglomerationen, die zwischen Stadt und Land oft vergessengeht – das helvetische Niemandsland, das aber Abstimmungen entscheidet, zentrale Nati-Spieler stellt und vor allem weitverbreitete Lebensrealität ist.Zusammengewürfeltes NebeneinanderDie Agglomeration, diese Zone zwischen Stadtgrenze und Bauernhof, lässt sich nur schwer definieren und statistisch erfassen. Eigentlich ist jeder Satz über die Agglo falsch, fast immer stimmt auch das Gegenteil. Mal werden Aussenquartiere oder ganze Städte mitgezählt, mal nicht. Die Agglo ist vor allem ein Gefühl. Die Autoren Paul Schneeberger und Matthias Daum beschreiben sie in ihrem Buch «Daheim» als «Sowohl-als-auch-Ort», als «zusammengewürfeltes Nebeneinander von Gross und Klein, von Alt und Neu, von ästhetisch und nützlich». Wer in der Agglomeration wohne, sei «weg und doch nicht draussen».Viele Agglo-Gemeinden sind voll von diesen normierten mehrstöckigen Wohnblöcken.Weg sein und doch nicht draussen, das war lange Zeit ein Widerspruch. Die Schweizerinnen und Schweizer wohnten, wo sie arbeiteten. In den Nachkriegsjahren baute der Bund dann den öffentlichen Verkehr aus, und die Leute kauften sich ihre ersten Autos, die immer günstiger wurden. Nun konnten sie im Zürcher Oberland leben und morgens nach Zürich ins Büro fahren. So entstanden die Agglomerationen.Sie wuchsen schnell: Hinwil vor Zürich, Pratteln vor Basel, Winkeln vor St. Gallen, sie alle haben ihre Einwohnerzahlen vervielfacht. Die Leute wohnen oft in diesen normierten fünfstöckigen Wohnblöcken oder Reihenhäusern in Fussdistanz zum Primarschulhaus, sie haben ihr Auto- und ihr Möbelhaus, den Dönerladen neben dem Bahnhof, die Kita und den Coiffeur ums Eck und am Ortsrand das Naherholungsgebiet. Agglo-Architektur ist vor allem Dienstleistungsinfrastruktur. Eine Welt, die man nur verlassen muss, um ins Büro zu fahren, und die es überall im Land gibt.Unter anderem diese uniforme Funktionswelt sorge dafür, dass die Kinder die gleichen Chancen hätten wie in den teureren Städten oder Einfamilienhausdörfern, sagt Daniel Kübler, Politologieprofessor an der Universität Zürich. «Bildung, Gesundheitssystem, die Vereine, all das ist in der Schweiz weitgehend auf demselben hohen Niveau.» Das macht die Agglo auch zu einer Integrationsmaschine – Schwamendingen etwa, wo der Nationalspieler Ricardo Rodríguez aufgewachsen ist und der Ausländeranteil 38 Prozent beträgt.Die Leute ziehen wegen der aufregenden Gastroszene in die Stadt oder wegen der ruhigen Natur aufs Land. In die Agglo gehen sie, nachdem sie Kosten und Nutzen abgewogen haben, Mietpreise, Steuerfüsse, die Distanzen zum Arbeitsort. Nicht das Lebensgefühl bringt die Menschen in der Agglo zusammen, sondern der Pragmatismus.Auf einem kleinen Fetzen Wiese neben dem Kindergarten Wihalden hat Remo Freuler als Kind Fussball gespielt.Besonders Städter spotten gerne über die Agglo. Sie halten sie für spiessig, mutlos, rückständig. Aber die Stadt ist ein Privileg geworden, das vielen zu teuer ist. Die Agglo ist nicht immer eine freiwillige Wahl, das macht sie da und dort auch zum Brennpunkt.Die Ambitionen der SecondosVielen Agglo-Gemeinden fehlt eine gemeinsame Identität. Spielerisch entsteht sie zwischen all den Wohnblöcken und Reihenhäusern auf unbestimmten Wiesen, die es zu Tausenden gibt in diesem Land. Sie sind leer, sie sind voller Möglichkeiten. Ein Schuh als linker, ein Pullover als rechter Pfosten, dazu ein Ball: Das reicht, um Fussball zu spielen.Von solchen Plätzen kommen viele Nationalspieler, zum Beispiel Remo Freuler. Für ihn war diese Wiese ein kleines Stückchen Rasen zwischen seinem Wohnblock und dem Kindergarten Wihalden in Hinwil. Der Schulbub Freuler weiss, irgendjemand ist immer dort: sein Bruder, der Bub vom Block weiter hinten, die Kollegen von der Primarschule. Sie spielen in jeder freien Minute, bis es dunkel ist.Der Fussball verbindet nicht nur im Kleinen, sondern auch im Grossen: Wenn die siebtklassige 1. Mannschaft des FC Hinwil ein Heimspiel bestreitet, kommen bis zu 300 Zuschauerinnen und Zuschauer auf die Sportanlage Hüssenbüel. Der Klub hat 600 Mitglieder aus verschiedensten Herkunftsländern. Sein Grümpelturnier ist genauso Hinwiler Jahreshöhepunkt wie die Chilbi, bei der er ein Raclettezelt betreibt.Der Verein hat sich in den vergangenen Jahren professionalisiert, gezwungenermassen. «Die Eltern und die Junioren selbst verlangen Trainingskonzepte, fragen, wohin der Klub will, was seine Strategie ist», sagt Thomas Lang, der Präsident des FC Hinwil. Es hätten auch schon Kinder den Verein gewechselt, weil die Mannschaften in den Nachbardörfern höherklassig spielten. Es sind Kinder, «die verbissen sind, früh Selbstvertrauen haben, vielleicht einmal in der Nati spielen wollen». Vor allem Secondos und Terzos legten vermehrt den Fokus voll auf den Fussball, das Vereinsleben sei zweitrangig. Lang sagt, es werde immer schwieriger, ehrenamtliche Helfer zu finden. Die Fussballplätze in der Agglomeration sind funktionale Bühnen für den sozialen Aufstieg.Ähnliches berichten auch Vereine aus der Ostschweiz und der Innerschweiz. In Adligenswil etwa, wo der Penaltyheld Rubén Vargas aufgewachsen ist, sind genügend Hallen und gute Fussballplätze vorhanden, auch gibt es ein grosses Fitnesscenter. Der Gemeindepräsident Markus Gabriel sagt: «Die Städte haben ein Platzproblem, sie können nirgends neue Sportplätze oder Hallen bauen. In der Agglomeration geht das noch.» Wegen des Trainingszentrums kommen viele von ausserhalb nach Adligenswil, nur 25 Prozent der Vereinsmitglieder stammen aus der Gemeinde.Das ist das Schicksal der Agglo, eines zwischen ganz verschiedenen Hoffnungen und Erwartungen zerrissenen Orts, der mehr genutzt als belebt wird, der immer aus der Balance zu geraten droht und doch irgendwie funktioniert. Das ist sein Segen und sein Fluch.Hinwil ist in den vergangenen 25 Jahren um fast einen Drittel gewachsen, zählt inzwischen über 12 000 Einwohner, aber die Bushaltestelle im Zentrum heisst noch immer Dorf. Die Gemeinde hat diesen Widerspruch in einem Slogan verdichtet, sie bewirbt sich auf ihrer Website als «stadtliches Dorf».Die Agglomeration definiert sich gerade über dieses Unentschiedene, dieses Sowohl-als-auch, das fälschlicherweise als halb Stadt, halb Land gedeutet wird. Der Politologieprofessor Daniel Kübler sagt: «Die Agglomeration ist etwas Eigenes.» Sie ist die Mitte der Schweiz, die an der Urne den Unterschied macht, wenn sich Stadt und Land politisch unversöhnlich gegenüberstehen. Remo Freuler ist das fussballerische Äquivalent dieser Mitte: ein Zwischenspieler, der weder offensiver noch defensiver Mittelfeldspieler ist, einer, der so unauffällig seine Arbeit verrichtet, dass er manchmal vergessengeht. Bis er einmal fehlt und die Mannschaft ihre Balance verliert.Der Mann aus SurseeEuphorie um diese Fussball-Nati entsteht scheinbar erst, wenn der Erfolg nicht mehr zu übersehen ist. Unzählige Texte sind darüber geschrieben worden, ob es daran liegt, dass die Spieler mit Louis-Vuitton-Taschen ins Camp einrücken oder sich einen Coiffeur einfliegen lassen, dass sie sich mit ihren grossen Noise-Cancelling-Kopfhörern abschotten von der Normalschweiz. Oder sind es politische Gründe? Während Linke mit rot-weissem Hurrapatriotismus fremdeln, fremdeln Rechte mit Doppelbürgern, die die Hymne nicht singen. Beliebt sind Vergleiche mit dem Eishockey-Nationalteam, das gerade in den Dörfern auf dem Land ungebrochene Begeisterung auslöse – anders als das Fussball-Nationalteam.«Ist dieser Eindruck nicht verzerrt?», fragt Christian Koller, Sporthistoriker und Autor von «Sternstunden des Schweizer Fussballs». Er kann sich gut vorstellen, dass in der Erzählung von der fehlenden Euphorie in Stadt und Land, wie so oft, die Perspektive der Agglo vergessengeht. «Wenn die Nati gewinnt, bilden sich in Schlieren und nicht nur da Autokorsos, wie es früher nur bei einem Sieg von Italien, Portugal oder der Türkei passierte.»Und so sind nicht primär Einfamilienhausdörfer, sondern Agglomerationen die Talentreservate des Schweizer Fussballs: Anders als in den Städten gibt es da kein dominantes Kulturangebot und anders als auf dem Land keine dominanten Turn- und Musikvereine. Aber Fussballvereine gibt es überall. Zumal der Fussball unter den vielen Einwanderern, die in der Agglo wohnen, immer populär war: bei den Italienern, bei Kosovaren, bei Nigerianern. «In der Agglo ist der Fussball nicht nur Freizeitbeschäftigung – ‹Denn macht de Bueb nüt Dümmers› –, sondern auch wichtig für den gesellschaftlichen Aufstieg», sagt der Historiker Koller. Denn Fussball sei im Gegensatz zum Eishockey, wo auch Dorfklubs wie Davos, Ambri oder Langnau in der obersten Liga spielen, immer von städtischen Grossklubs geprägt worden, die in unmittelbarer Nähe nach Talenten scouteten: in Wiesendangen, Adligenswil, Hinwil.In die Agglomeration zieht man nicht immer freiwillig. Viele können sich das Leben in der Stadt oder auf dem Land einfach nicht leisten.Aus den migrantischen Milieus der Agglos kommen jene Fussballer, die die Nati aus der chronischen Erfolglosigkeit geführt haben: Kein Zufall, dass es mit Ciriaco Sforza ein Sohn italienischer Einwanderer war, der die Schweiz im Jahr 1994 als Mittelfeldregisseur erstmals seit einer Ewigkeit wieder an eine Weltmeisterschaft führte. Er kam aus Wohlen im Kanton Aargau.Bis heute ist die Nati Agglo-geprägt: Geführt wird sie aus Muri bei Bern, wo der Fussballverband seinen Hauptsitz hat. Trainiert wird sie von Murat Yakin, der in Oberengstringen im Limmattal lebt und zuvor den FC Schaffhausen trainierte. Kommentiert wird sie vom SRF-Sportreporter Sascha Ruefer, der mit seinem bekanntesten Spruch einen langjährigen Nati-Stürmer zum Lokalhelden gemacht hat: Wann immer Haris Seferovic ins Bild kam, bezeichnete er ihn als «Mann aus Sursee». Auch das: eine Reverenz an die Agglo-Schweiz. So könnte die Aufzählung immer weitergehen.Wenn die Nati in der Nacht auf Sonntag in Kansas City gegen Argentinien antritt, wird die Agglo-Schweiz bereit sein. An Balkonen in Hinwil hängen rot-weisse Fahnen. Das «Pirates» zeigt das Spiel «auf Grossleinwand, LED-Big-Screen und allen TV-Screens». Thomas Lang, der Präsident des Fussballklubs, hat bereits einen Tisch reserviert. Remo Freuler, der Mann aus Hinwil, wird sicher spielen, als Zwischenspieler im Mittelfeld, der – wenn auch unauffällig – die Schweiz zusammenhält.Als Remo Freuler in die Schule kam, spielte er vor allem auf der Meiliwiese neben dem Primarschulhaus.Passend zum Artikel
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