Der opportunistische König der Landstrasse – Jacques Goddet war über fünfzig Jahre lang der Chef der Tour de FranceGoddet kollaborierte während des Zweiten Weltkriegs mit den deutschen Besetzern – doch ein Pakt mit einem ehemaligen Résistance-Kämpfer rehabilitierte den legendären Tour-Direktor.Stephan Klemm10.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDer extravagante Tour-Chef: Jacques Goddet posiert an der Frankreich-Rundfahrt 1956 vor seinem Fahrzeug.Keystone-France/Gamma-Keystone/GettyJacques Goddet gilt im französischen Sport als Säulenheiliger. Ein halbes Jahrhundert lang stand er der Tour de France als charmanter und charismatischer Patron vor. Optisch inszenierte sich Goddet als exzentrische Institution. In der Julihitze tauchte er an der Tour in einer Kluft auf, die an die Ausgangsuniform britischer Kolonialbeamter erinnerte. Er trug einen Tropenhelm, ein khakifarbenes Hemd, knielange Shorts und penibel hochgezogene Strümpfe. Dazu kombinierte er frisch geputztes Schuhwerk, während ein Megafon um seinen Hals baumelte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bereits im Jahr 1936 übernahm Goddet den Posten des Tour-Direktors. Dass er diese Position auch nach dem Zweiten Weltkrieg behielt, ist aus heutiger Sicht ungewöhnlich. Wegen des Kriegs fiel die Tour zwischen 1940 und 1946 aus, stand danach vor dem Aus. Das lag auch an Goddet: Er hatte sich während der dunklen Jahre der Okkupation allzu willfährig mit den Nationalsozialisten arrangiert.Die neue französische Regierung zögerte nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes, dem vorbelasteten Goddet die Ausrichtung der Tour de France erneut anzuvertrauen. Seinen Chefposten bekam er trotzdem zurück. Und gab ihn bis 1986 nicht mehr ab.Die Tour de France war ursprünglich eine MarketingaktionGoddet, geboren 1905 in Paris, war nach Henri Desgrange, dem Begründer der Tour, der zweite legendäre Chef des Rennens. Die Verbindung zum Radsport war ihm quasi in die Wiege gelegt worden. Sein Vater, Victor Goddet, verstarb im Jahr 1926. Er war nicht nur der Finanzchef, sondern zuletzt auch der Mehrheitseigner der Sportzeitung «L’Auto». Dieses Blatt stand am Ursprung der Tour de France; das Rennen war ursprünglich als Marketingaktion gedacht, um die Auflage der Zeitung in die Höhe zu treiben.Nach dem Tod des Vaters traten seine Söhne, Maurice und Jacques Goddet, das Erbe an. Jacques Goddet berichtet 1929 erstmals als Journalist über die Rundfahrt. Der Gründervater Henri Desgrange blieb vorerst das offizielle Gesicht von «L’Auto» und lenkte die Geschicke der Tour. Hinter den Kulissen brodelte es jedoch: Maurice Goddet wurde aus dem Unternehmen gedrängt. Sein verschwenderischer Lebensstil drohte das Verlagshaus in den Ruin zu treiben. Zudem beging Maurice einen Fehltritt, indem er Aktienpakete der Zeitung an ein Konsortium von Deutschen, die der NSDAP nahestanden, verkaufte.Jacques Goddet hingegen blieb der Linie seines Vaters treu. Henri Desgrange, damals 66 Jahre alt, zog sich im Jahr 1931 aus der Leitung von «L’Auto» zurück und übergab die Zügel an Goddet. Für Desgrange waren die Verantwortung für die Zeitung und die Organisation der Tour ein einziger Job. Damit war Goddets Weg an die Spitze der Frankreich-Rundfahrt vorgezeichnet. Im Jahr 1936 übernahm er das Radrennen komplett.Im Herbst 1940 änderte der Krieg alles. Das Blatt «L’Auto», das sich in den ersten drei Monaten des Zweiten Weltkriegs patriotisch in «L’Auto-Soldat» umbenannt hatte, ging einen Kompromiss ein. Die Redaktion veröffentlichte zwei getrennte Ausgaben: Eine Version erschien für die von der Wehrmacht besetzte Zone im Norden des Landes, eine andere für den Süden, den das kollaborierende Vichy-Regime kontrollierte.Goddets Zeitung untersteht der «Propagandastaffel»Durch den Krieg brach der Sportbetrieb im Land fast völlig zusammen. Weil es an Ereignissen fehlte, verlor «L’Auto» an Auflage. Der Konkurs drohte. Um den Niedergang zu verhindern, organisierte Goddet auf eigene Faust neue Sportveranstaltungen, um Stoff für seine Zeitungsspalten zu generieren.Diese Rechnung ging auf, allerdings nur im Einklang mit den neuen Machthabern. Goddet kooperierte mit der von den deutschen Besetzern eingesetzten «Generalkommission für allgemeine Bildung und Sport» und veranstaltete Leichtathletik- und Schwimmwettkämpfe. Wie alle Druckerzeugnisse in der besetzten Zone unterstand auch «L’Auto» der «Propagandastaffel». Die Besetzer entsandten in jede Redaktion einen Zensor. Goddet arrangierte sich mit den Aufpassern.Die Geschichtsforschung wirft heute ein kritisches Licht auf Goddets Handeln. Die Historikerin Marianne Amar kommt in ihren Analysen zu einem eindeutigen Ergebnis: «‹L’Auto› hat das kollaborierende Vichy-Regime aktiv unterstützt und weitreichend zur Verbreitung von schandbarer Nazi-Propaganda beigetragen.»Die Autoren Benoît Caritey und Gilles Montérémal stützen diese These. In einer Studie listen sie Beispiele auf, die in Goddets Zeitung abgedruckt wurden. Die Historiker betonen, dass diese Texte zum «Abscheulichsten gehören, was der rechtsextreme Diskurs der damaligen Zeit überhaupt hervorgebracht hat».Goddet gerät in Verruf, hat aber einen mächtigen FürsprecherBesonders deutlich zeigte sich das in der Rubrik «Savoir vite», schnell gewusst. Laut dem Historiker Bernard Prêtet wurde «L’Auto» in dieser Rubrik zum «Verbreiter der Ideen der Kollaboration und zum willfährigen Diener der Propaganda der Besetzer». Für die Forscher Caritey und Montérémal sprechen diese Fakten eine klare Sprache. Goddet habe eindeutig mit den Nazis zusammengearbeitet.Der Patron der Landstrasse: Goddet stand der Tour fünfzig Jahre lang vor, hier an der Rundfahrt 1963.Sepia Times / UIG / GettyAm 17. August 1944 ging die Ära von «L’Auto» zu Ende, das Blatt erschien zum letzten Mal. Nach der Befreiung Frankreichs durch die Alliierten erzwang die Übergangsregierung das Ende der Zeitung. Goddet war isoliert. Er wusste genau, dass Männer wie er innerhalb der neuen französischen Strukturen einen schweren Stand haben würden.Doch Goddet hatte einen Fürsprecher. Émilien Amaury war ein Unternehmer, der im Untergrund in der Résistance gekämpft hatte. Dank seinen Kontakten im Widerstand besass Amaury beste Drähte bis hinauf zu Charles de Gaulle. Bereits drei Tage vor der Befreiung von Paris gründete Amaury am 25. August 1944 aus den Ruinen der kollaborierenden Tageszeitung «Petit Parisien» das neue, unbelastete Blatt «Le Parisien libéré».Amaury war bereit, dem in Verruf geratenen Goddet zu helfen. Dabei ging es ihm nicht nur um die Sportzeitung, sondern auch um die Renaissance der Tour de France. Die Namens- und Ausrichtungsrechte waren nach dem Krieg rechtlich vakant. Amaurys Hilfe war keineswegs uneigennützig. Für den Fall eines Erfolges schloss er mit Goddet eine Vereinbarung. Er forderte im Gegenzug exakt die Hälfte aller Geschäftsanteile an der Frankreich-Rundfahrt.1946 erscheint erstmals «L’Équipe»Das Informationsministerium gab Goddet nach Amaurys Fürsprache die Chance für die Neugründung einer Sportzeitung. Die Behörde ging davon aus, dass ein Blatt, das über Sportereignisse berichtet, die Moral des Volkes heben könne. «L’Auto» wurde in «L’Équipe» umbenannt, ihre erste Ausgabe erschien am 28. Februar 1946.Im Juni 1947 erteilte die Regierung nach langer Bedenkzeit «L’Équipe» sowie Amaurys «Parisien libéré» die Lizenz zur Ausrichtung der Tour de France. Das Kabinett erhoffte sich davon die Etablierung einer landesweiten Festlichkeit, die die Härten der Kriegs- und der Nachkriegszeit vergessen machen sollte. Goddet und Amaury hielten sich an ihre Abmachung: 50 Prozent der Rechte für jeden. Eine erste Nachkriegs-Tour wurde 1947 organisiert – und sie wurde ein Publikumserfolg. Zumal auch noch der Franzose Jean Robic gewann.Mitte der 1960er Jahre geriet «L’Équipe» in finanzielle Schieflage, was Amaury für sich zu nutzen verstand. 1965 kaufte er die Zeitung und übernahm auch die ihm fehlenden Rechte an der Tour de France. Als Alleinbesitzer beliess Amaury seinen einstigen Partner Goddet als Direktor im Amt. «L’Équipe» war fortan ein Teil der Amaury-Gruppe und gesundete nach der Übernahme. Die Familie Amaury ist heute noch im Besitz beider Unternehmen.Goddet war 81 Jahre alt, als er 1986 seine offizielle Tour-Mission beendete. Die Regie über «L’Équipe» hatte er bereits 1984 abgegeben. Er starb am 15. Dezember 2000 im Alter von 95 Jahren. Die Trauerfeier fand im Pariser Invalidendom statt, auf der Gästeliste fanden sich die Namen illustrer Persönlichkeiten. Der damalige Premierminister Lionel Jospin würdigte den Verstorbenen als «ausserordentlichen Franzosen und Journalisten».Das Kapitel «L’Auto-Soldat» und «L’Auto» und die damit einhergehende Kollaboration mit den Deutschen kamen an jenem Tag nicht zur Sprache. Der Opportunist Goddet war längst rehabilitiert.Passend zum Artikel
Tour de France: Jacques Goddet war 50 Jahre lang der Chef der Tour
Goddet kollaborierte während des Zweiten Weltkriegs mit den deutschen Besetzern – doch ein Pakt mit einem ehemaligen Résistance-Kämpfer rehabilitierte den legendären Tour-Direktor.










