Den letzten Versuch, Tadej Pogačar aufzuhalten, unternahm der französische Staatspräsident höchstpersönlich. Als der Dominator des Radsports auf der ersten schweren Bergetappe dieser Tour de France mal wieder allen davongerast war und sich im Zielbereich das Gelbe Trikot übergestreift hatte, hielt ihn Emmanuel Macron, der sich gern in Szene setzt beim größten Radrennen der Welt, fest im Griff. Mehr als zwanzig Sekunden lang schüttelte er Pogačar die Hand, was diesem eher unangenehm zu sein schien. Doch anders als zuvor auf dem Rad kam der Slowene einfach nicht weg.Es war ein Tag, der viele in Verlegenheit brachte. Da war allen voran Jonas Vingegaard, der mit dem Glauben in diese Tour gegangen war, die Lücke zu Pogačar verkleinert, vielleicht sogar geschlossen zu haben – und dann eine krachende Niederlage verarbeiten musste. Da war der Deutsche Florian Lipowitz, der um das Podium kämpft, nach dem Rennen aber erst mal mit seinem wütenden Ko-Kapitän fertig werden musste, der ihm vorwarf, nicht genug geholfen zu haben.Und da waren natürlich die Organisatoren der Tour, die damit gerechnet hatten, dass diese Wettfahrt im Verlauf der drei Wochen immer mehr Spannung aufbauen würde, ehe es in den Alpen zum großen Knall kommen sollte. Sie haben sich getäuscht – und müssen nun ein Rennen verkaufen, das viele schon für entschieden halten. Die Tour ist noch lang. Sie hat schon einige für unmöglich gehaltene Wendungen erlebt. Es gibt etliche Szenarien, wie Pogačar das Gelbe Trikot trotz seines großen Vorsprungs von etwas weniger als drei Minuten noch verlieren könnte bis Paris. Das wird man beim Veranstalter A.S.O. niemandem erzählen müssen. Aber wer glaubt jetzt noch daran?Vingegaards kraftlose KampfansageEs dürften nicht allzu viele sein. Und genau das war das Ziel von Pogačar. Er ist am Donnerstag nicht um den Etappensieg gefahren oder um ein bisschen Zeit herauszuholen. Er wollte Vingegaard und sein Team brechen. Er wollte allen früh zeigen, wer der rechtmäßige Herrscher über die Tour de France ist. Und im Ziel wirkte es so, als hätte er Erfolg damit gehabt.Vingegaard rollte mit einem Rückstand von 2:38 Minuten über den Strich. Noch mehr als dieser große Rückstand sagte sein gesenkter Kopf aus. „Der Kampf ist noch nicht vorbei“, ließ er seinen Konkurrenten wissen, als er sich kurz darauf berappelt hatte und davon sprach, dass er nicht seinen besten Tag gehabt habe und nun hoffe, dass seine Beine im Laufe der Tour noch besser würden. Was sollte er auch anderes sagen?Der Tourveranstalter hatte extra einen nicht allzu steilen Schlussanstieg ans Ende dieser Pyrenäen-Etappe gesetzt, damit keine zu großen Abstände entstehen – und hat damit genau für das Gegenteil gesorgt. Pogačar zog am Col du Tourmalet davon und machte aus diesem Rennen so ein Eins-gegen-eins-Duell mit Vingegaard, in dem dieser nur verlieren konnte, weil er mit seinem geringeren Körpergewicht am letzten Berg im Nachteil war. Es stimmt also schon, dass Vingegaard hoffen kann, dass er bei kommenden Bergankünften nicht so viel Rückstand anhäufen wird, vielleicht sogar mit Pogačar mithalten kann, wenn seine Form wirklich noch besser wird. Aber dann hat er noch immer keine Zeit herausgefahren.Dafür muss sich das Team nun einen Plan zurechtlegen. Nur auf einen Sturz oder einen Einbruch zu hoffen, käme einer frühen Kapitulation gleich. Doch es wird auch spannend, wie Pogačar dieses Rennen nun angeht. Er könnte den Vorsprung verwalten, seinem Edelhelfer Isaac del Toro zu einem Podestplatz verhelfen oder weiter jeder Etappe nachjagen, die er gewinnen kann.Es war in dieser Hinsicht interessant, was Pogačar nach seinem Sieg über das sagte, was ihn zuvor auch angetrieben hatte: In der Abfahrt vom Tourmalet, in der er rund 40 Sekunden auf Vingegaard herausgefahren hatte, habe er an das denken müssen, was ihm dort 2023 widerfahren war. Damals hatte sich Pogačar im Frühjahr das Handgelenk gebrochen. „Ich habe mich daran erinnert, wie Jonas dort gepusht hat und wie ich mit meiner Hand fast abgehängt wurde.“Das sollte so klingen, als hätte er die Sorge gehabt, Vingegaard könne ihn wieder unter Druck setzen. Doch seit 2023 ist viel passiert. Pogačars Handgelenk ist ausgeheilt, Vingegaard bei einem Sturz in einer Abfahrt knapp dem Tod entkommen. Näher lag also etwas anderes: Dass es Pogačar auch um etwas Persönliches geht im Duell mit Vingegaard – vor allem an Orten, wo dieser ihm schon Probleme bereitet hat.Für Lipowitz geht es um Rang dreiEr hat das nie so gesagt, aber man kann sich gut vorstellen, wie ihn die beiden Siege des Dänen in Frankreich noch heute ärgern, weil er sich als alleiniger rechtmäßiger Tour-Herrscher seiner Generation sieht. 2022 haben Pogačar die Mannschaft und die Erfahrung im Kampf gegen zwei Kapitäne gefehlt, 2023 die Form nach dem Sturz im Frühjahr. Jede Niederlage, die er Vingegaard nun zufügt, lässt ihn größer wirken.Als er auf Vorbilder aus dem Sport angesprochen wurde, nannte Pogačar am Donnerstag dann auch zwei der Größten: Die Geschwindigkeit von Usain Bolt und das Mindset von Novak Djokovic hätten ihn beeindruckt, sagte er. Längst wird es Nachwuchssportler geben, die ihn für beides anhimmeln. Auch die Konkurrenz ist in Ehrfurcht erstarrt, blickt mit einer Mischung aus Unglauben und Bewunderung auf die Lichtgestalt des Radsports. „Ich verstehe das nicht“, sagte Ilan van Wilder: „Mir fällt es schwer zu begreifen, wie man so dominant sein kann.“ Valentin Paret-Peintre klang ähnlich: „Heute war er einfach nicht von dieser Welt. Ich glaube, er hat gezeigt, wer hier das Sagen hat.“ Die Hierarchie scheint vorerst geklärt. Auch hinter Vingegaard haben sie akzeptiert, wo sie stehen: Seixas sagte, er sei als Fünfter dort gelandet, wo er hingehört. Lipowitz sprach vom Rennen um den dritten Platz, um den es gehe.Nur Remco Evenepoel tanzte mal wieder aus der Reihe, als er sich in belgischen Medien darüber beschwerte, dass Lipowitz ihm nicht den Sprint um Platz drei angefahren hatte. Wegen vier Bonussekunden, um die es noch ging, so ein Fass aufzumachen, schien ungefähr so vermessen, als hätte Vingegaard nach seiner Niederlage erklärt, er liege noch sehr gut im Rennen im Kampf um seinen dritten Tour-Sieg. Evenepoel forderte ein klärendes Gespräch. Das soll dann auch stattgefunden haben – mit einem wenig überraschenden Ergebnis, das verkündet wurde: Alles sei geklärt, hieß es. Es gebe kein Problem. Die Tour mag auf ein Finale im Kampf um das Gelbe Trikot zusteuern, in dem viele zu wissen glauben, wie die Geschichte ausgeht. Über die Doppelspitze bei Red Bull wird das niemand sagen.
Tour de France 2026: Tadej Pogacar "schwer zu begreifen"
Tadej Pogačar führt auf der schwersten Pyrenäen-Etappe seine Gegner und die Tour-Organisatoren vor. Die Geschlagenen fügen sich demütig in ihre Rollen. Nur Remco Evenepoel macht wegen vier Bonussekunden ein Fass auf.












