InterviewRadsportlegende Eddy Merckx sagt: «Ich konnte mehr leiden als meine Konkurrenten, deshalb habe ich sie alle geschlagen»Der heute 81-jährige Belgier hat die drei Grand Tours gewonnen, ist Rekordsieger der Tour de France, hat an allen Monumenten triumphiert. Er sagt: «Die Natur hat mich so geschaffen.»04.07.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenEddy Merckx während seiner ersten Tour de France 1969 – der Belgier wird sogleich Gesamtsieger.Jean-Yves Ruszniewski/ Corbis Historical / GettyEddy Merckx, kürzlich sagten Sie, dass Sie «zu gern» gegen die heutige Generation Radprofis angetreten wären . . .Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zu gern schon. Aber das ist jetzt nicht mehr möglich. Ich sträube mich gegen solche Vergleiche. Der Radsport von heute und jene Sportart, die ich in den 1960er und 1970er Jahren ausübte, haben kaum mehr etwas miteinander zu tun. Man kann sie nicht vergleichen, das waren völlig unterschiedliche Epochen.Haben Sie nie darüber nachgedacht, wie konkurrenzfähig Sie in Topform und im selben Alter im Vergleich mit Tadej Pogacar, Paul Seixas oder Jonas Vingegaard gewesen wären?Heute ist eine andere Generation am Werk, daher ist das schwer zu bewerten. Es steht aber fest, dass ich mich wieder für den Radsport entschiede, wenn ich heute 19 statt 81 Jahre alt wäre. Weil Velofahren meine Leidenschaft ist. Vielleicht könnte ich mit Pogacar oder Vingegaard mithalten, wenn ich zu meiner Zeit die gleichen Bedingungen gehabt hätte.Pogacar gewinnt alles, Grand Tours, Monumente, die Weltmeisterschaften. Er ist ein Allrounder, so wie Sie es waren. Wie ist es möglich, dass ein Radprofi, ob Merckx oder Pogacar, auf so vielen verschiedenen Terrains siegt?Die Natur hat mich so geschaffen, ich hatte eine natürliche Begabung für das Velofahren. Aber ich habe auch viel dafür gearbeitet, viel trainiert. Es reicht nicht, nur das Talent von Mutter Natur zu besitzen und sich dann darauf zu verlassen. Training und Arbeit sind genauso wichtig wie Talent.Welche Antwort haben Sie auf die Frage gefunden, warum die Natur genau Ihnen dieses Talent geschenkt hat und anderen nicht?Da müssen Sie den lieben Gott fragen. Andere Menschen haben ein Talent, das ich nicht habe. Es gibt Intellektuelle, es gibt Athleten aus anderen Sportarten. Pogacar ist auch eine Ausnahme. Ich denke also nicht, dass ich der einzige Sportler auf der Welt war, der aussergewöhnliche physische Qualitäten hatte.Aussergewöhnlich sind auch die Leistungen im heutigen Radsport. Trotzdem werden kaum noch Dopingsünder überführt. Was denken Sie: Ist der Sport heute sauber?Ja, das glaube ich.Warum?Ich vertraue den Kontrollen, und ich vertraue den Athleten.Der Radsport ist heute extrem wissenschaftlich, im Training, aber auch in der Ernährung, wo die Fahrer jedes Gramm abwägen. Hätten Sie sich einem solchen Regime unterordnen können?Vielleicht hätte ich Anpassungsschwierigkeiten gehabt. Und bestimmt braucht es heute auch eine andere Fahrweise, um grosse Rundfahrten oder Eintagesrennen zu gewinnen. Dem Trainings- und Ernährungsregime hätte ich mich aber unterordnen können. Wenn ich heute fahren würde und auf diese Weise trainieren und diese Opfer bringen müsste, dann täte ich das, ohne zu zögern. Weil ich den Radsport liebe. Er war mein Beruf, der einzige Beruf, den ich ausüben wollte.Merckx am Start einer Tour-Etappe mit den Dänen Jonas Vingegaard und Kasper Asgreen (von links).Tim de Waele / GettyGab es in Ihrer Karriere trotzdem Phasen, in denen Sie den Radsport hassten?Nein, nein. Ich mochte den Radsport immer. Darum bin ich auch im Sommer und Winter gefahren, einmal kam ich auf 195 Renntage im Jahr. Natürlich habe ich manchmal gelitten. Das war zwar hart, aber eben Teil meines Berufs.Wie schwer war es, zu akzeptieren, dass das Leiden Teil Ihres Berufs war?Das fiel mir leicht. Ich konnte mehr leiden als meine Konkurrenten, deshalb habe ich sie alle geschlagen. Ich konnte mich besser quälen als Felice Gimondi, Raymond Poulidor oder Luis Ocaña – all die grossen Namen zu meiner Zeit. Diese Leidensfähigkeit ist, was Mutter Natur mir auf den Weg gegeben hat.Woher kam diese Fähigkeit zu leiden?Meine Eltern haben mir schon als Bub eingetrichtert, dass nichts im Leben geschenkt ist. «Du musst hart arbeiten, um etwas zu werden», haben sie zu mir gesagt. Mein Vater, ein Lebensmittelhändler, hat sehr hart gearbeitet. Und so hat er mich auch erzogen.So viel wie er hat niemand gewonnenkrp. Eddy Merckx ist 1978 als Profi zurückgetreten. Und doch hält er immer noch diverse Rekorde. Als Einziger hat er alle Grand Tours, alle Monumente und die Weltmeisterschaften gewonnen. Merckx, 81 Jahre alt, hat 5-mal bei der Tour de France gesiegt und insgesamt 525 Mal triumphiert, er totalisiert 11 Gesamtsiege an Grand Tours. Weltrekord. Merckx ist seit bald 60 Jahren verheiratet, hat eine Tochter und einen Sohn und lebt in Brüssel, wo er den Grossteil seiner Jugend verbrachte.Zumindest Ihre Mutter lehnte es aber ab, dass Sie Velorennen bestreiten . . .Sie fand unsere Sportart zu hart. Ich war als Bub ein Typ, der an einem Tag Fussball spielen wollte, am nächsten Tag Basketball und am übernächsten Tag Tennis. Ich habe ständig gewechselt. Meine Mutter hatte Angst, dass ich ein Velorennen bestreite und meine Meinung dann schon wieder ändere, weil es ein harter Sport ist.Und Sie haben sich beim Radsport nie überlegt, Ihre Meinung zu ändern?Nein, nie. Als ich erst einmal Rennen fuhr, gab es kein Zurück mehr. Am Anfang, als Junge, habe ich mir immer gesagt: «An dem Tag, an dem ich 16 Jahre alt werde, hole ich mir eine Lizenz und werde Radfahrer.» Das habe ich auch gemacht. Ich wusste natürlich nicht, ob ich ein Champion werden würde. Es deutete jedenfalls nichts darauf hin. Ich war als Jugendlicher kein Superstar.1971 wird Merckx in Mendrisio Strassen-Weltmeister. Er setzt sich gegen seinen grossen Rivalen Felice Gimondi (links) durch.KeystoneIn welchem Moment ahnten Sie, dass aus Ihnen ein Grosser des Radsports werden könnte?Diesen einen prägenden Moment gab es nicht. Ich habe mich Schritt für Schritt weiterentwickelt, es ging dann aber schon ziemlich schnell. Ich habe mit 16 angefangen, war drei Jahre später an den Olympischen Spielen in Tokio dabei, danach wurde ich Profi.Wie haben Sie diesen Aufstieg erlebt?Ich habe nie gedacht, dass ich besser als alle anderen sei. Nach jedem Rennen, das ich gewonnen habe, sagte ich mir zwar, dass ich heute der Beste gewesen sei. Aber nächste Woche, beim nächsten Rennen, bei der nächsten Rundfahrt sehen wir weiter. Ich bin mit der Einstellung gefahren, dass jedes Jahr bei null anfängt. Ich musste mich jede Saison neu beweisen, wusste nicht, wo ich stehe, wie ich im Vergleich mit den Konkurrenten über den Winter gekommen war. Es war nie sicher, dass man als Bester von 1964 auch der Beste 1965 sein wird.Sie sind eine unglaubliche Zahl von Renntagen pro Jahr gefahren. Wenn man sich heute Fahrer wie Vingegaard ansieht, die alles auf die Tour de France fokussieren . . .. . . das hat sich fundamental verändert. Mir hat es besser gefallen, Rennen zu fahren, als zu trainieren. Aber wenn ich heute Profi wäre, würde ich mich wohl anpassen.Sie haben in 19 Jahren Profi-Radsport 525 Siege gefeiert, niemand hat diese Zahl bis heute erreicht. Was bedeutet Ihnen diese Marke heute?Sie bedeutet mir, dass ich den Radsport geliebt habe, dass ich gefahren bin, um zu gewinnen, und dass ich ein Gewinner war. Stand ich am Start, wollte ich immer gewinnen. Und ich habe 525 Mal gewonnen, weil ich in meiner Karriere an 525 Rennen der Beste war.Sie waren bekannt dafür, dass Sie den Gegnern niemals einen Sieg schenkten. Das hat Ihnen den Spitznamen «Kannibale» eingetragen. Hat Sie diese Bezeichnung je gestört?Das war mir völlig egal und hat mich nie beschäftigt. Es bedeutet nichts, ich bin ja kein Kannibale, ich hatte Fisch zum Mittagessen. (Lacht.) Aber man hat mich eigentlich erst nach meiner Karriere viel häufiger Kannibale genannt als während meiner aktiven Zeit.Heute nennt man auch Pogacar so, wegen seines Instinkts und seiner Art, Rennen zu fahren. Ist er Ihr wahrer Erbe?Ich bewundere Pogacar, weil er alles kann. Aber die nackten Zahlen sagen letztlich wenig aus. Vielleicht ist er besser als ich, wenn er sechs Mal die Tour de France gewinnt. Das bedeutet für mich aber nichts.APBettmannMerckx nimmt zwischen 1969 und 1977 siebenmal an der Tour de France teil und gewinnt fünfmal die Gesamtwertung.Sie schielen nie darauf, ob er einen Ihrer Rekorde bricht?Nein, ich denke darüber nicht nach. Ich geniesse es einfach, Radsport zu schauen. Ob nun Pogacar, Evenepoel oder Vingegaard, Isaac Del Toro oder Seixas gewinnt. Mir gefällt, was ich im Fernsehen sehe. In den nächsten drei Wochen werde ich mir jede einzelne Etappe der Tour de France anschauen. Ich werde leider nicht live dabei sein, weil ich meine Hüfte auskurieren muss.Die 1960er Jahre waren geprägt von Ihrer Rivalität mit Gimondi. Sie beide wurden aber auch Freunde und blieben sich bis zu seinem Tod 2019 verbunden. Wie haben Sie dieses Verhältnis erlebt?Im Rennen gab es keinen Respekt. Wenn er mich schlagen konnte, hat er mich geschlagen, und wenn ich ihn schlagen konnte, habe ich ihn geschlagen. Das erste Mal, dass ich gegen ihn gefahren bin, war 1963 bei einem Amateurrennen in Belgien. Wir waren in der Ausreissergruppe. Er war so zäh, extrem stark und hat gewonnen. Aber er war auch zwei Jahre älter. Ich respektierte ihn immer, aber während der Rennen waren wir uns nicht nahe.Aber im Ziel haben Sie ein Bier zusammen getrunken?Gimondi war kein Fahrer, der nach dem Rennen Bier getrunken hat.Und Sie?Ich habe nach dem Rennen schon mal ein Bier getrunken. Heute trinken sie ja Traubensaft oder Tee vielleicht. (Lacht.)1969 haben Sie erstmals die Tour de France gewonnen. Auf einer Etappe haben Sie am Tourmalet, 150 Kilometer vor dem Ziel, im Maillot jaune attackiert. Im Ziel sagten Sie: «Ich habe das gemacht, weil ich verrückt war» . . .. . . das war in Mourenx-Ville-Nouvelle. Das war wirklich verrückt, aber mein Instinkt sagte mir, dass es der ideale Zeitpunkt sei. Ich habe oben am Tourmalet angegriffen. Dann kam die Abfahrt, im Tal hatte ich eine Minute Vorsprung. Ich dachte: «Puh, also fahre ich jetzt mein eigenes Tempo.» Dann wurden aus der einen Minute Vorsprung zwei Minuten, dann drei Minuten. Sie haben mich einfach nicht eingeholt. Im Ziel hatte ich sieben Minuten Vorsprung.War diese «Verrücktheit» das wahre Geheimnis Ihres Erfolgs?Ob es das Geheimnis war, weiss ich nicht. Natürlich ist es verrückt, so weit vor dem Ziel und im gelben Trikot zu attackieren. Zumal es meine erste Tour de France war und alle warnend sagten, es sei heiss und ich könnte einen Einbruch erleben. Nun ja, ich hatte zwar einen Einbruch, aber erst nach der Ziellinie.Im selben Jahr waren Sie in einen Rennunfall verwickelt, ein Motorradfahrer starb, Sie verdrehten sich das Becken. Danach sagten Sie, Radsport sei nur noch Qual und Leiden. Warum haben Sie weitergemacht?Wegen der Rennen, ich liebte es, Wettkämpfe zu bestreiten. Aber ich habe nach diesem Unfall viel mehr gelitten, besonders in den Bergen. Ich bin nach diesem Sturz nie mehr so geklettert wie zuvor. Ich habe noch gewonnen, aber nicht mehr so leicht. Die Quälerei war viel grösser. Das hat mich belastet, und ich habe heute noch Probleme mit meinem Becken.Merckx ist heute 81 Jahre alt – hier ist er an einem Anlass in Brüssel, wo er schon seine Kindheit verbracht hat.PDAn Ihrer letzten Tour de France, 1975, schlug ein Zuschauer Sie. Sie stürzten, mussten sich im Ziel übergeben.Das war der grösste Fehler meiner Karriere.Worin bestand dieser Fehler?Ich hätte aufgeben sollen. Ich konnte nichts mehr essen. Ich erinnere mich, dass ich nach einer Etappe meinen Sohn Axel auf dem Schoss hatte, er war drei Jahre alt. Ich nahm ein Stück Brot, brachte es aber nicht herunter. Ich hatte den Kiefer gebrochen. Dass ich weitergemacht habe, hat meine Karriere verkürzt.Warum haben Sie nicht aufgegeben?Weil ich verrückt war.Das Interview mit Eddy Merckx wurde auf Initiative von Breitling ermöglicht.Passend zum Artikel
Tour de France 2026: Die Radsportlegende Eddy Merckx im Interview
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