PfadnavigationHomeSportTour de FrancePaul Seixas – Wie Gott in FrankreichStand: 07:17 UhrLesedauer: 7 MinutenDie Frage ist nur, in welchem Jahr: Paul Seixas verkörpert Hoffnung und Sehnsucht einer ganzen NationQuelle: THOMAS COEX/AFPSeit 41 Jahren warten die Franzosen auf einen Sieg bei der Tour de France. Mit Paul Seixas glauben sie, den Nachfolger von Bernard Hinault gefunden zu haben. Nun gibt der Teenager seine Premiere, und selbst Emmanuel Macron hilft, damit der Messias im Land bleibt.An die Rolle des Coverboys hat er sich längst gewöhnt. Die französischen Medien lassen schließlich kaum einen Anlass aus, um Paul Seixas auf ihre Titel zu heben. Die redaktionelle Wahl der L’Équipe am 5. Mai überraschte dann aber doch. Es war der Vortag des mit Spannung erwarteten Halbfinalrückspiels in der Champions League zwischen Paris Saint-Germain und dem FC Bayern. Doch statt Luis Enrique, Ousmane Dembélé oder Michael Olise entschied sich die französische Sporttageszeitung für das Talent aus dem Radsport: Paul Seixas auf die Eins. Ein Satz, der auch für den aktuell feuchtesten Traum der großen Sportnation gilt. Noch.„Vivement Juillet“, so die Titelzeile – sie können es kaum noch abwarten, bis endlich Juli ist. Ein Ausdruck kindlicher Vorfreude, optisch flankiert vom Protagonisten auf dem Rad und der in gelb eingefärbten Landesfläche Frankreichs. Dazu die Nachricht als Erklärung: „Paul Seixas hat der Ungewissheit ein Ende gesetzt. Das französische Radsport-Wunderkind wird bei der ,Grande Boucle‘ 2026 an den Start gehen.“ Die Tour de France – das größte und wichtigste, was der Radsport zu bieten hat.Der Franzose ist zwar mit 19 Jahren noch ein Teenager und hat noch nie eine dreiwöchige Rundfahrt bestritten, doch sein unverkennbares Talent und das mögliche Ende einer sehr langen Durststrecke lassen Journalisten und Fans in Frankreich schon jetzt frohlocken. Seixas, dessen Name in Frankreich Säck-sass gesprochen, auf der zweiten Silbe betont wird und aus den portugiesischen Wurzeln seines Vaters Emmanuel resultiert, wird schon jetzt „Phänomen“ genannt, oder auch „der Messias“. In der Beschreibung seiner Fähigkeiten und seines Talents drohen den Reportern bereits die Superlative auszugehen, ehe der junge Mann überhaupt an einer Großveranstaltung teilgenommen hat. Seixas-Debüt beginnt in BarcelonaSeixas ist die Sehnsucht und Hoffnung einer Nation, deren liebster Sport bei aller Euphorie für Rugby, Fußball, Boules oder Handball bis heute und über alle Miseren hinweg immer noch der Radsport geblieben ist. Das Interesse, vor allem an der Tour de France, ist historisch begründet und kulturell von enormer Bedeutung. Nur gab es in den vergangenen 40 Jahren eben kaum etwas zu feiern.Thibaut Pinot und Richard Virenque schafften es bei der Grande Boucle mal aufs Podium. Letzterer wie auch Thomas Voeckler oder Julian Alaphilippe trugen das gepunktete Trikot des besten Bergfahrers nach Paris. Ansonsten aber fehlt es in der jüngeren Geschichte des französischen Radsports an den richtig dicken bunten Farbtupfern. Dass Seixas die Anlagen hat, dies zu ändern, steht außer Frage. Dass er die Tour de France auch tatsächlich gewinnen wird, steht für viele ebenfalls bereits fest. Die Frage ist nur, in welchem Jahr. Die erste Chance besteht nun also in den kommenden Wochen. Die erste Etappe, ein Mannschaftszeitfahren am 5. Juli in Barcelona, wird sein ganz persönlicher Auftakt. Ein mit Hochspannung erwartetes Stelldichein bei der größten Sportveranstaltung der Welt.„Meine Güte, was für ein Fahrer. So einen wie ihn haben wir in Frankreich seit 50 Jahren nicht mehr gesehen. Seit Hinault. Unglaublich“, frohlockt Christian Prudhomme, der Direktor der Tour de France, schon vor dem Start. Bernard Hinault, eines der größten Sportidole des Landes, war vor 41 Jahren der letzte Franzose, der die Frankreich-Rundfahrt gewinnen konnte.Wer es gern etwas pathetischer mag, muss Alexandre Roos zuhören. Der Journalist ist Radsport-Chef der L’Équipe und damit so etwas wie der Vorsitzende des inoffiziellen Paul-Seixas-Fanklubs. „Er ist ein Vorreiter der Französischen Revolution“, sagt Roos über das Talent und zieht einen großen Vergleich: „Paul Seixas ist das fortschrittlichste Modell des Radsports, eine ausgereiftere Version von Tadej Pogacar. Der war in diesem Alter noch nicht einmal Profi und aß noch Pizza.“Sein bewusst spöttischer letzter Satz verdeutlicht auch ganz nebenbei, wie die Frontlinien an den Etappenstraßen ab sofort verlaufen dürften. Pogacar fährt in den drei Wochen nicht mehr nur gegen Jonas Vingegaard, Remco Evenepoel oder den Deutschen Florian Lipowitz. Er fährt nun auch gegen den Großteil der Fans, die ihr Wunderkind gleich beim ersten Mal siegen sehen wollen.Dass die L‘Equipe den Hype weiter befeuern wird, gilt als ausgemacht, ist das Rennen doch ihr eigenes Produkt. Die Tour de France wurde 1903 vom Vorläufer der L‘Equipe, paradoxerweise der Sportzeitung L’Auto, ins Leben gerufen. Der damalige Chefredakteur wird bis heute alljährlich mit einer Sonderwertung, dem Souvenir Henri Desgrange, gewürdigt.Seixas stürzt mit 70 km/hIn den vergangenen Jahren überstrahlte Pogacar das Rundrennen. Der Slowene holte 2020 gleich bei seiner ersten Teilnahme den ersten seiner mittlerweile insgesamt vier Gesamtsiege bei der Tour. Nur war er bei seiner Premiere bereits 21 Jahre alt.Seixas gilt als dessen legitimer Nachfolger und droht die Ära des fast auf den Tag genau acht Jahre älteren Rivalen zu beenden. Daran glauben nicht nur seine vielen Fans. „Ich betrachte ihn als eines der größten Hindernisse auf Tadejs Weg zum fünften Tour-de-France-Sieg. Er fährt unglaublich stark – stärker, als wir erwartet hatten“, sagte Joxean Fernandez Matxin kürzlich in einem Interview mit dem italienischen Radsportportal „Bici.Pro“. Der Baske ist Sportlicher Leiter bei Pogacars Team UAE und wähnt Seixas bereits „auf demselben Level wie Vingegaard und das, was der Däne beim Giro gezeigt hat. Wir dürfen wirklich niemanden unterschätzen.“Seine Bewertung beruht vor allem auf Seixas‘ Leistung bei der Tour Auvergne-Rhône-Alpes im März. Aufgrund eines Sturzes auf der siebten Etappe konnte das Talent die Rundfahrt zwar nicht beenden, deutete aber seine starke Form an. Besonders beeindruckt war der Spanier von Seixas’ Reaktion auf den schweren Sturz bei Tempo 70, als der junge Franzose 30 Meter über den Asphalt rutschte, anschließend dennoch wieder auf den Sattel stieg und die große Lücke zum Feld umgehend schloss. „Der Sturz zeigt, dass er nicht nur körperlich, sondern auch mental sehr stark ist. Andernfalls hätte er dieses unglaubliche Vier-Minuten-Comeback nie geschafft“, zeigt sich Matxin beeindruckt: „Er muss unbedingt fürs Gesamtklassement in Betracht gezogen werden. Er ist noch nie eine Grand Tour gefahren, aber wenn du solche Dinge zeigst, brauchst du keine Angst vor einem dreiwöchigen Rennen zu haben.“UAE bietet 8 Millionen Euro für SeixasNeben derartigen Husarenritten hat der Teenager in Relation zu seinen Lorbeern jedoch noch gar nicht viel gewonnen. Der Sieg beim Flèche Wallone am 22. April ist sein bislang größter Erfolg. Allerdings hatten längst nicht alle Topfahrer für den Klassiker in den Ardennen gemeldet. Vier Tage später wurde Seixas bei Lüttich-Bastogne-Lüttich Zweiter, auch bei der Strade Bianche zum Saisonstart war er auf Platz zwei gefahren – beide Male hinter Pogacar.„Der wird mal ein Monster“, glaubt auch der Platzhirsch selbst. Und so haben sie bei UAE einen nachvollziehbaren Plan geschmiedet. Statt eines aufreibenden Duells zwischen ihrem Superstar Tadej Pogacar und dessen designiertem Nachfolger in den kommenden Jahren, versuchen sie die Vorzeichen zu ändern. Seixas soll ins Team geholt und der Radsportkalender unter Pogacar und Seixas aufgeteilt werden. UAE-Teamchef Mauro Gianetti hat bereits Gespräche mit dem Franzosen und seinem Berater geführt. Im Raum steht ein Jahresgehalt von acht Millionen Euro.Geschichten, die man in La Motte-Servolex nicht gern hört. In der Gemeinde am Fuße der Alpen ist das französische Decathlon-Team zu Hause – Seixas‘ Team. Und das kämpft mit allen Mitteln um seinen Rohdiamanten. Der 2027 auslaufende Vertrag von Seixas ist längst zum Politikum geworden. Emmanuel Macron soll der Mannschaft seine volle Unterstützung zugesichert haben, um den Franzosen im Heimatland zu halten.Ein Podcast, ein Champion, ein Rätsel – wer ist der Gast? Raten Sie mit: Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify, Apple Podcasts oder direkt per RSS-Feed.Vielleicht kann Macron erneut helfen. Der Präsident hatte bereits vor vier Jahren erfolgreich Einfluss auf einen französischen Sportler genommen und Fußballstar Kylian Mbappé mit Nachdruck gebeten, den sich abzeichnenden Wechsel von Paris Saint-Germain zu Real Madrid noch einmal zu überdenken. Das Resultat: Mbappé ging erst 2024 zu den Königlichen nach Spanien.Ganz Frankreich scheint den Messias in La Motte-Servolex halten zu wollen, wo am 22. Juli beim Heimspiel in Chambery die 17. Etappe gestartet wird. Drei Tage darauf wird dann die Entscheidung bei der Tour erwartet, wenn der Aufstieg nach Alpe d‘Huez auf dem Programm steht. Eine Legende – gerade so wie Seixas. Bis er zum Mythos wurde, dauerte es allerdings viele Jahre. Das gilt für Wintersportorte und gemeinhin auch für Fahrer.Wenn Lutz Wöckener nicht gerade irgendeinen Sport im Selbstversuch ausprobiert, schreibt er über Darts und Sportpolitik, manchmal aber auch Abseitiges wie Fußball.