Frankreichs neuer Veloheld: Paul Seixas befreit sich von der Bürde, eine Nation retten zu müssenEr ist erst 19 Jahre alt und gewinnt bereits im Stile der Besten: Ab Samstag fiebert Frankreich an der Tour de France mit Seixas. Historische Vergleiche, religiöse Metaphern, Schicksalsgläubigkeit: All das prallt an ihm ab.02.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDer 19-jährige Seixas lässt sich nicht von der Nostalgie erdrücken – seinen Erfolg sieht er nüchterner als seine Landsleute.Papon Bernard / ImagoVor kurzem setzte der neue französische Veloheld Paul Seixas ein Etappenrennen in seiner Heimat fort, obwohl er am Vortag gestürzt war. Mit bandagierten Oberarmen fuhr er durch Savoyen. In Verkennung der Abläufe des Alten Testaments schrieb ein Journalist der Fachzeitung «L’Équipe» dazu Folgendes: Seixas sei «gekreuzigt und vom Kreuz genommen» worden. Und: Der Radprofi sei «im selben Moment Christus und Kind» gewesen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auf eine derart düstere Metapher muss man erst einmal kommen: Dass ein Fahrer auf den Landstrassen Qualen zu erdulden habe wie einst Christus bei der Kreuzigung in Jerusalem, den Zeitläuften ausgeliefert den sicheren Tod erwartend.Aus französischer Sicht ist die Lage ernst. Seit 1985 scheitern die besten Velofahrer des Landes Jahr für Jahr bei dem Versuch, das wichtigste Rennen der Welt zu gewinnen, die Tour de France. Nicht nur bei «L’Équipe», sondern in weiten Teilen des Gastgeberlandes hält man es für plausibel, dass sich den tragischen Helden stets höhere Mächte entgegenstellten: der Allmächtige, das Schicksal oder zumindest Gegner mit mehr Geld, mehr Talent, mehr Glück.Für die ideale Aerodynamik arbeitet Seixas’ Team mit dem Schweizer Luftfahrtingenieur Jean-Paul Ballard zusammen – die Zeiten, in denen man auf höhere Mächte setzte, sind vorbei.Chris Auld / ImagoDer jüngste Teilnehmer seit 1937Unmittelbar vor der Tour de France 2026, die am Samstag in Barcelona beginnt, schien sich wieder einmal alles zu bestätigen. Paul Seixas ist eines der grössten Talente, die der Radsport je gesehen hat. In den Rennen des Frühjahrs hielt er mehrfach lange mit Tadej Pogacar mit, dem besten Fahrer der Gegenwart. Damit weckte er Hoffnungen, diesem auch an der Frankreichrundfahrt Paroli bieten zu können. Obwohl Seixas am Samstag erst 19 Jahre, 9 Monate und 10 Tage alt sein wird, ist er der jüngste Teilnehmer seit Adrien Cento im Jahr 1937. Nicht einmal Pogacar war mit 19 schon so gut wie er.Aber dann stürzte Seixas an jenem Vorbereitungsrennen in seiner Heimat mit 70 Kilometern pro Stunde. Für bange Momente fürchtete Frankreich Schlimmes: Das unvermeidliche Schicksal schien wieder zugeschlagen zu haben.Seixas macht das Spiel jedoch nicht mit, er entzieht sich dem Opfernarrativ. «Es war ganz allein meine Schuld», sagte er im Ziel entwaffnend ehrlich. Und nahm der Situation damit das Erdrückende. Kurz darauf gab er Entwarnung: Seinem Start an der Tour de France stehe nichts im Weg.Vorgänger wie Laurent Jalabert oder Thibaut Pinot, denen der grosse Triumph verwehrt blieb, erschienen einst mit aschfahlen Gesichtern zu Medienkonferenzen. Die Schwere der Aufgabe war ihnen stets anzusehen. Wer dagegen Seixas an derartigen Terminen oder auf dem Velo beobachtet, sieht einen jungen Mann, dem sein Sport unbändigen Spass bereitet. Die Bürde, eine Nation retten zu müssen, lastet er sich gar nicht erst auf. Von einem Martyrium zu sprechen, läge ihm fern. Seixas fährt gerne Velo, er tut das bereits seit seiner frühen Jugend verdammt gut – warum also nicht auch am wichtigsten Rennen der Welt?Journalisten lieben Erörterungen, ob Sportler dem Druck gewachsen sind, zum Favoritenkreis zu gehören: Ist einem 19-Jährigen diese Aufgabe überhaupt zumutbar? Hätte er lieber noch ein Jahr warten sollen? Bei Seixas ist ein Kurzfilm Antwort genug. Zu sehen ist, wie der 19-Jährige im Frühjahr seine Grosseltern besucht, um ihnen zu eröffnen, dass er die Tour de France bestreiten werde. Sie reagieren mit rührendem Stolz. «Ich bin der glücklichste Mann der Welt», sagt der Grossvater. Sein Glück hängt nicht davon ab, wie lange der Enkel mit Pogacar mithält. Es ist bereits komplett, weil jener seinen Traum leben darf.Paul Seixas erzählt seinen Grosseltern, dass er an der Tour de France 2026 antrete.Es geht nur um Sport. Die Teilnahme ist freiwillig. Und sie kann sogar Spass machen. Das mag dem Narrativ der meinungsbildenden Zeitung «L’Équipe» widersprechen, deren Vorgängerblatt «L’Auto» die Tour de France einst erfand und als brutalen Kampf moderner Gladiatoren inszenierte. Zu den frühen Mythen gehört, dass der französische Fahrer Octave Lapize, als der Parcours 1910 erstmals durch die Pyrenäen führte, in Richtung der Veranstalter rief: «Ihr elenden Mörder!» Für «L’Auto» war die Beschimpfung bestes Marketing.Doch niemand ist ausschliesslich dem Schicksal ausgeliefert, heute noch weniger als zu den Zeiten von Lapize. Erfolg ist im Sport auch eine Frage der professionellen Vorbereitung, und immer wieder wurden in Frankreich Innovationen verschlafen. 1989 verlor der Franzose Laurent Fignon die Tour de France um 8 Sekunden. Er war selbst schuld. Vor dem abschliessenden Zeitfahren hatte sich sein Gegner Greg LeMond einen Aero-Lenker ans Rad montiert, Fignon dagegen nicht. Die Lenkeraufsätze, die eine windschnittigere Position ermöglichten, waren keineswegs neu. Im Triathlon kamen sie seit Mitte der 1980er Jahre zum Einsatz, 1987 gewann Dave Scott damit den Ironman auf Hawaii.Es fehlte weniger an der Gunst höherer Mächte als an AkribieDie Geschichte wiederholte sich in abgewandelter Form von Dekade zu Dekade. Von 2013 bis 2017 galt der Brite Chris Froome als Überflieger. Seine Mannschaft, das Team Sky, tüftelte in jener Phase pedantisch an Details. Dennoch war Froome an der Tour de France 2017 in den Bergen immer wieder einige Sekunden langsamer als der Franzose Romain Bardet. Doch beim Zeitfahren in Marseille sass Bardet auf dem Velo, als hätte er keine Lust auf Tests im Windkanal verspürt. Der Oberkörper schwankte, der Helm sass nicht gut. Es fehlte weniger an der Gunst höherer Mächte als an Akribie.«Cyclisme à deux vitesses», pflegte Marc Madiot zu sagen, wenn wieder einmal ein Franzose verloren hatte. Madiot war viele Jahre lang der Chef des Teams FDJ gewesen, dessen glorios glückloser Captain Pinot sich nur an einem Ort sichtlich wohlfühlte: auf seinem Bauernhof in Mélisey zwischen Schafen, Ziegen, Eseln und Kühen.Zeitweise bezog sich Madiots Redewendung auf die löbliche Absicht von Frankreichs Besten, beim Doping nicht jede Missetat mitzumachen. Später wurde «cyclisme à deux vitesses» vor allem zu einer selbstmitleidigen Umschreibung der scheinbar in Stein gemeisselten finanziellen Ungleichheit im Radsport. Immer wieder verknüpft mit der etatistischen Forderung, sämtlichen Teams eine Budgetobergrenze vorzuschreiben. Die Idee ist auch im Jahr 2026 nicht totzukriegen. Gerade erst machte sich der UCI-Präsident David Lappartient, ebenfalls Franzose, in einem Interview dafür stark.Dabei ist der Radsport gerade dabei, sich wieder zugunsten Frankreichs zu verändern – nicht nur wegen Seixas. Dessen Team, das aus AG2R hervorgegangen ist, verfügt nun mit der Handelskette Decathlon über einen potenten Sponsor, der die Franzosen auf Augenhöhe mit den führenden Mannschaften hievt. Was kein Problem für einen Grosskonzern darstellt: Wer im Radsport über einen Jahresetat im mittleren zweistelligen Millionenbereich verfügt, gehört bereits zur Spitze. Im Vergleich zum Fussball sind das Peanuts, was angesichts der Existenz französischer Unternehmen mit Milliardenumsätzen die Frage aufwirft: warum erst jetzt?Bei Decathlon hat der Perfektionismus Einzug gehalten. Im Streben nach der idealen Aerodynamik vertraut man nicht mehr wie noch zu Bardets Zeiten höheren Mächten, sondern dem Schweizer Luftfahrtingenieur Jean-Paul Ballard, der mit seiner Firma Swiss Side in Thalwil bei Zürich Massstäbe setzt. Ballard testet die Windschnittigkeit von Velos, Laufrädern, Helmen oder Schuhen mithilfe lebensgrosser Puppen. Wenn Seixas und seine Kollegen am Samstag in Barcelona zum Mannschaftszeitfahren antreten, dürfte das Material konkurrenzfähig sein.Das alte Europa bedauert das Schwinden seiner BedeutungAllzu lange hatte sich die Sportnation Frankreich in ihre glanzvollen Zeiten zurückgesehnt. Ein Vergleich zur gesellschaftlichen Gesamtsituation drängt sich auf: Das alte Europa, mit Frankreich und Deutschland im Zentrum, bedauert seine schwindende Bedeutung, als sei diese unaufhaltsam. Denn andere Weltregionen und ihr Vorgehen in Politik und Wirtschaft gelten als suspekt.Doch zumindest im Sport tut sich etwas. Einer wie Seixas, Jahrgang 2006, lässt sich nicht von der Nostalgie erdrücken. Anders als ältere Landsleute spricht er hervorragend Englisch. Für Vertreter der Generation Z ist das normal geworden, sogar in Frankreich. Mit freundlichem Respekt weicht er Fragen nach Bernard Hinault aus, der die Tour de France zwischen 1978 und 1985 fünfmal gewann. Seixas fokussiert sich aufs Hier und Jetzt. Bisweilen schaut er ältere Reporter an, als denke er: Opa erzählt wieder vom Krieg.Nicht nur im Velobereich gerät einiges in Bewegung. Jahrelang galten die Ostafrikaner im Langstreckenlauf als praktisch unschlagbar. Mittlerweile trainieren auch Europäer monatelang in der Höhe von Kenya und Äthiopien. Sie haben gemerkt, dass der Rückstand nicht gottgegeben ist, sondern mit harter Arbeit und der Bereitschaft zu Entbehrungen aufholbar ist. Der gegenwärtige Weltmeister über 5000 und 10 000 Meter heisst Jimmy Gressier und kommt aus Frankreich.Auch Seixas orientiert sich am Besten seines Fachs: an Tadej Pogacar. An den Eintagesrennen Strade Bianche und Lüttich–Bastogne–Lüttich war der Franzose ehrgeizig genug, den Tempoverschärfungen des Slowenen zu trotzen und länger an dessen Hinterrad zu bleiben als alle anderen. Gleichzeitig aber auch ausreichend vernünftig, ihn nicht zu attackieren und schliesslich doch abreissen zu lassen, um sich in beiden Fällen den zweiten Platz zu sichern. Er verzichtete auf das taktische Harakiri französischer Underdogs wie Cédric Vasseur, das allzu oft in den Untergang führte.Der mögliche Nachfolger adaptiert den MeisterEin weiteres Eintagesrennen, die Faun-Ardèche Classic, gewann Seixas Ende Februar nach einem 46-Kilometer-Solo. Sein Vorsprung auf den Zweitplatzierten betrug 1:48 Minuten, eine Ewigkeit. Seixas triumphierte – in dessen Abwesenheit – im Stile Pogacars. Der mögliche Nachfolger adaptiert den Meister.Seitdem bemühen die Rückwärtsgewandten religiöse Metaphern, nicht nur bei «L’Équipe». «Ich glaube, er ist der Auserwählte», sagte der Teamchef-Veteran Madiot im März. «Er ist der Messias.»Seixas selbst gewährte im Winter deutlich nüchterner Einblicke in seine Vorbereitung. Isoliert von der Aussenwelt, schindete er sich in einem Trainingslager, das nicht zu Ende gehen wollte. «Seit zwei Monaten habe ich meine Eltern oder meine Freundin nicht mehr gesehen», sagte er. «Aber ich weiss, warum ich das tue. Das sind die Opfer, die ich bringen muss.»Dieses Faktum scheinen die Nostalgiker, welche die Tour de France seit je zum Martyrium verklären, bis heute nicht einsehen zu wollen: Das Rennen ist hart – aber für jene, die wirklich gut sein wollen, ist der Winter davor noch viel härter. Und den hat Seixas bereits bravourös überstanden. Ab Samstag darf er an der Tour de France Spass haben, und Frankreich mit ihm.Passend zum Artikel