Im Bürgerkriegsland Sudan entwickelt sich die Stadt al-Obeid zu einem neuen Brennpunkt. Für die Menschen wird das Überleben immer schwieriger, weil die RSF-Miliz die Stadt belagern und bombardiert. Experten warnen vor einem Szenario wie in al-Fashir.Bettina Rühl, Nairobi08.07.2026, 16.50 Uhr3 LeseminutenEin Mann steht in einem Loch voller Drohnenüberreste, aufgenommen am 29. März in al-Obeid im Sudan. Die umkämpfte Stadt ist immer wieder das Ziel von Drohnenangriffen.Los Angeles Times / Getty«Es sind ständig Drohnen am Himmel», erklärt der Student Abdelrahman Mohammed Hamdan, der in al-Obeid lebt, per Whatsapp. Die paramilitärische Miliz Rapid Support Forces (RSF) bombardiere gezielt die Infrastruktur, vor allem die Wasser- und die Stromversorgung. «Jetzt müssen wir weite Wege zurücklegen, um Wasser aus dem Notbrunnen zu holen, aber der ist dreckig, das Wasser macht uns krank», sagt der 28-Jährige. Und es reiche nicht für die rund 500 000 Einwohner, die in der Hauptstadt des Bundesstaates Nord-Kordofan leben, sowie die nach Schätzungen bis zu 100 000 Binnenflüchtlinge. Auch zu essen gebe es nicht genug, klagt Hamdan, weil die RSF-Miliz Konvois mit Lebensmitteln auf dem Weg in die Stadt bombardiere. Die Lage sei sehr, sehr schlecht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der seit mehr als drei Jahren währende Krieg im Sudan wird von den RSF-Kämpfern und der sudanesischen Armee mit brutaler Härte geführt. Die Kämpfe haben laut der Uno die schwerste humanitäre Krise der Welt ausgelöst: Fast 34 Millionen Menschen benötigen Hilfe, Millionen leiden unter Hunger, und das Gesundheitssystem ist vielerorts zusammengebrochen. Zugleich sind über 13 Millionen Menschen auf der Flucht.Ein zweites al-Fashir?«Die RSF-Miliz will die Leute zermürben und ihnen zeigen, dass normales Leben in der Stadt nicht möglich ist», sagt Marina Peter, die Vorsitzende des Vereins Sudan- und Südsudan-Forum. Während einer Dringlichkeitssitzung des Uno-Menschenrechtsrates zum Krieg im Sudan betonte der Uno-Hochkommissar für Menschenrechte Volker Türk am Freitag letzter Woche, die Lage rund um die belagerte Stadt spitze sich zu und entwickle sich zu einer weiteren humanitären Katastrophe.In der gesamten Region Kordofan haben laut Türk Drohnen beider Seiten wiederholt Märkte, Schulen, Tankstellen, Wasserinfrastruktur und zivile Fahrzeuge getroffen. Zudem werde das Wasser zunehmend knapp. Mit dem Beginn der Regenzeit steige die Gefahr eines Ausbruchs von Cholera und anderer übertragbarer Krankheiten, bereits sei die Zahl der Cholera-Fälle im Umland von al-Obeid gestiegen.Türk äusserte ausserdem die Befürchtung, das aus al-Fashir bekannte Muster könne sich wiederholen. Er forderte entschlossenes Handeln der internationalen Gemeinschaft, um die Zivilbevölkerung in al-Obeid zu schützen.Die westsudanesische Stadt al-Fashir war von der RSF-Miliz über 18 Monate belagert worden, ehe die Milizionäre die Stadt Ende Oktober einnahmen und einen Massenmord begingen. Nach Einschätzung von Ermittlern der Uno gibt es in al-Fashir «Kennzeichen eines Völkermords». Experten gehen von Zehntausenden Toten aus.Ein Ende des Krieges ist weiterhin nicht absehbarDie Sudan-Expertin Peter hätte sich von Türk noch konkretere Worte gewünscht: «Wer genau muss handeln, was konkret muss getan werden?» Der unabhängige Sudan-Experte Roman Deckert sieht einen zentralen Ansatzpunkt darin, den Handel mit Gold aus dem Sudan zu unterbinden, das für beide Seiten eine bedeutende Einnahmequelle darstellt. Die Goldflüsse laufen über die Vereinigten Arabischen Emirate. Auch die Schweiz ist als Verarbeitungsland in diese Handelsströme indirekt eingebunden.Die Sudan-Analystin Nohad Eltayeb, die für die Konfliktdatenbank Acled arbeitet, ist davon überzeugt, dass ein möglicher Waffenstillstand zwischen den Konfliktparteien stark von deren regionalen Unterstützern abhängt – «namentlich den Vereinigten Arabischen Emiraten auf der Seite der RSF und Saudiarabien auf der Seite der Armee». Beide Länder bestreiten ihre direkte Beteiligung am Krieg. «Ohne internationalen Druck auf die Unterstützer und einen Stopp der Waffenlieferungen gibt es keine Lösung für diesen Konflikt», so Eltayeb.Für beide Seiten ist die Stadt kriegswichtigAl-Obeid liegt strategisch zentral und ist ein wirtschaftlicher Knotenpunkt. Die sudanesische Armee sieht in al-Obeid laut Deckert den Zugang zum RSF-kontrollierten Westen des Landes. Für die RSF ist die Stadt umgekehrt das Tor zum Osten, den die Armee kontrolliert.Ausserdem liegt in al-Obeid der wichtigste Umschlagplatz im Sudan für Gummi arabicum. Das Akazienharz ist auf dem Weltmarkt sehr gefragt und in vielen Produkten enthalten, zum Beispiel als Stabilisator in Süssgetränken.Ein Mann trägt am 29. März in al-Obeid im Sudan einen Sack Gummi arabicum. Mit dem Gummihandel wurden 2022 laut Wirtschaftsexperten 183 Millionen Dollar für den Sudan erwirtschaftet, dieser sichert den Lebensunterhalt von rund 5 Millionen Menschen.Los Angeles Times / GettyDie Acled-Analystin Eltayeb bezweifelt zwar, dass die RSF-Miliz die Stadt in naher Zeit einnehmen könnte. Dafür fehle ihr die militärische Stärke, sagt sie. Aber sie fügt hinzu: «Noch mehr Angst habe ich davor, dass die Belagerung lange andauern wird und die Auswirkungen für die Zivilbevölkerung noch viel schlimmer sein werden.»Passend zum Artikel
Droht ein neues Massaker im sudanesischen Bürgerkrieg? Erbitterter Kampf um al-Obeid
Im Bürgerkriegsland Sudan entwickelt sich die Stadt al-Obeid zu einem neuen Brennpunkt. Für die Menschen wird das Überleben immer schwieriger, weil die RSF-Miliz die Stadt belagern und bombardiert. Experten warnen vor einem Szenario wie in al-Fashir.













