Donald Trump erklärt den Waffenstillstand für beendet – und will trotzdem weiterverhandelnAmerikas Präsident beschimpft Irans Regime als «Abschaum», während sich die Streitkräfte beider Länder einen neuen Schlagabtausch liefern. Dennoch spricht einiges dafür, dass weder Washington noch Teheran den offenen Krieg wollen.08.07.2026, 16.55 Uhr4 LeseminutenAuf dem Nato-Gipfel erklärt Trump die Waffenruhe für beendet.Filip Singer / EPAAnders als der Begriff vermuten lässt, schweigen bei einer Waffenruhe die Waffen nicht zwangsläufig. Umgekehrt gilt deshalb auch: Nicht jeder Schuss bedeutet die Rückkehr zum Krieg. Gerade im Nahen Osten gehört es beinahe zur Regel, dass Waffenruhen zunächst auf die Probe gestellt werden. So kam es trotz der von der Uno vermittelten Waffenruhe in Jemen ab 2022 immer wieder zu Gefechten. Auch gegen die Feuerpausen zwischen Israel und der Hamas oder dem Hizbullah wurde in den vergangenen Jahren wiederholt verstossen. Dennoch blieben sie vorerst weitgehend in Kraft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.An diesem Punkt scheinen nun auch die USA und Iran angekommen zu sein. In der Nacht auf Mittwoch bombardierte die amerikanische Luftwaffe mehr als 80 iranische Militärziele. Die Angriffe waren eine Reaktion auf den iranischen Beschuss von Handelsschiffen in der Strasse von Hormuz.Am Mittwochnachmittag legte Donald Trump verbal nach. Auf dem Nato-Gipfel in Ankara erklärte der amerikanische Präsident, die Waffenruhe mit Iran habe sich für ihn erledigt. Mit solchen Leuten könne man keine Vereinbarungen treffen, schimpfte er. Es seien «Lügner» und «kranke» Menschen. Ja sogar von «Abschaum» sprach er. Gespräche mit Teheran seien «Zeitverschwendung».Auch Teheran scheint die Waffenruhe vorerst zu den Akten gelegt zu haben. Die amerikanischen Luftangriffe erwiderte Iran in der Nacht mit Angriffen auf amerikanische Ziele in der Golfregion. Am Mittwochmorgen ertönten in Bahrain und Kuwait Raketenalarme. Die Revolutionswächter bestätigten später, Militärstützpunkte der USA in beiden Ländern angegriffen zu haben.Kuwait erklärte, zwei ballistische Raketen und 13 Drohnen abgefangen zu haben. Nach Angaben der Regierung wurden mehrere Stromleitungen durch herabfallende Trümmer beschädigt. «Die Ära der Einschüchterung und Erpressung ist vorbei», schleuderte Irans Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf den Amerikanern entgegen. «Wir geben nicht nach.»Trump hält Teheran die Tür offenRhetorik und Raketenangriffe mögen zwar auf einen Kollaps der Waffenruhe hindeuten. Dennoch gibt es Anzeichen dafür, dass die 14 Punkte umfassende Absichtserklärung zwischen Washington und Teheran noch nicht Makulatur ist. Ausgerechnet Donald Trump lieferte sie am Mittwoch selbst. Nur wenige Minuten nachdem er das Abkommen mit Iran für nichtig erklärt hatte, betonte der amerikanische Präsident, seine Unterhändler könnten die Gespräche fortsetzen. «Ich lasse unsere hervorragenden Unterhändler weiterverhandeln, wenn sie das wollen», sagte Trump.Mehr als 80 Ziele wurden von den amerikanischen Streitkräften in der Nacht angegriffen, darunter auch der Hafen der iranischen Küstenstadt Bandar Abbas.Social Media / UGCJener Teil seiner Erklärung ging aber angesichts der drastischen Worte zuvor beinahe unter. Die Schlagzeilen über das angebliche Ende der Waffenruhe hatten da längst die Runde gemacht. Der Ölpreis sprang zeitweise um mehr als sechs Prozent, die Aktienmärkte schmierten ab. Dabei gehört ein weiterer Schock für die Weltwirtschaft zu den Dingen, die Trump seit Wochen eigentlich unbedingt verhindern will. Warum also schlug Trump einen derart drastischen Ton an?In Israel ist man zwar Kriegspartei. An den Verhandlungen aber wurde das Land nicht beteiligt. Dennoch kursierte in Jerusalem am Mittwoch eine Vermutung. Sie orientiert sich an einem spieltheoretischen Ansatz. Trump wisse, dass die Verhandlungen ihr angestrebtes Ziel noch nicht erreicht hätten, sagte ein Regierungsmitarbeiter, der nicht namentlich genannt werden wollte.Um dieses Ziel doch noch zu erreichen, setze er auf eine Rollenverteilung. Er erhöhe den Druck mit scharfer Rhetorik und punktuellen Militärschlägen. Gleichzeitig lasse er den Iranern stets eine Brücke für weitere Verhandlungen offen. Diese Logik beschrieb Trump am Mittwoch indirekt selbst. «Ich habe mein ganzes Leben schon Deals gemacht. So bin ich Präsident geworden», sagte er in Ankara.In Teheran dürfte die Logik ähnlich sein. Iran greift Handelsschiffe wohl kaum deshalb an, weil die Führung den Krieg neu provozieren will. Vielmehr versucht sie offenbar, ihre Verhandlungsposition zu verbessern und eine Niederlage am Verhandlungstisch abzuwenden.Der israelische Journalist Amit Segal zitierte dazu jüngst einen amerikanischen Regierungsmitarbeiter: «Die Iraner schiessen, weil sich herausgestellt hat, dass sie verlieren.» Teheran habe geglaubt, die Strasse von Hormuz unmittelbar kontrollieren und den westlichen Schiffsverkehr behindern zu können. Gleichzeitig habe Iran trotz erheblichen Preisnachlässen bislang kaum zusätzliches Öl verkaufen können. Nach dem jüngsten Schlagabtausch hat Trump die Erdölsanktionen gegen Iran nun wieder vollständig in Kraft gesetzt.Ein riskantes KalkülDer Schwebezustand zwischen Krieg und Frieden kommt allen drei Seiten entgegen. Trump kann Härte demonstrieren, ohne den Krieg neu zu beginnen und sich vor der amerikanischen Öffentlichkeit rechtfertigen zu müssen. Iran wiederum vermeidet nicht nur den Eindruck einer Kapitulation. Teheran versucht auch, seine eigene Lesart der vagen Absichtserklärung durchzudrücken. Die Strasse von Hormuz ist letztlich der letzte grosse Hebel, der dem Regime geblieben ist: Solange Iran den Schiffsverkehr dort bedrohen kann, bleibt es für Washington, die Golfstaaten und die Weltwirtschaft gefährlich genug, um nicht übergangen zu werden.Israel schliesslich behält die Freiheit, gegen iranische Stellvertreter wie den Hizbullah vorzugehen, ohne den Konflikt mit Teheran vollständig neu zu entfachen.Das Kalkül ist allerdings auch riskant. Es funktioniert nur, solange alle Seiten dieselben Signale lesen. Hält Washington die iranischen Angriffe für Verhandlungstaktik, während Teheran die amerikanischen Bombardierungen bereits als Auftakt zu einer neuen Offensive versteht, könnte aus kalkulierter Eskalation binnen Stunden wieder Krieg werden.Umkämpftes Territorium: Schiffe ankern in der Strasse von Hormuz.Stringer / ReutersGenau darin liegt die Crux: Eine Waffenruhe bedeutet im Nahen Osten nicht zwingend die Abwesenheit von Gewalt. Ein Schlagabtausch aber führt ebenso wenig automatisch zurück an den Verhandlungstisch. Auch dafür gibt es in der Region genügend Beispiele.Passend zum Artikel
Donald Trump beschimpft Iran und hält dennoch Verhandlungstür offen
Amerikas Präsident beschimpft Irans Regime als «Abschaum», während sich die Streitkräfte beider Länder einen neuen Schlagabtausch liefern. Dennoch spricht einiges dafür, dass weder Washington noch Teheran den offenen Krieg wollen.













