Die Weichen für die französischen Präsidentenwahlen im nächsten Frühjahr sind gestellt. Die Rechtspopulistin Marine Le Pen tritt zum vierten Mal an, obwohl das Pariser Berufungsgericht sie der Veruntreuung öffentlichen Geldes für schuldig gesprochen hat. Die Umfragefavoritin setzt darauf, dass das Rechtsempfinden der Franzosen nach der jahrelangen Serie von politischen Korruptionsskandalen so abgestumpft ist, dass ihr die Verurteilung nicht schadet.Der harte Kern ihrer Anhänger mag an ihre Beteuerungen glauben, dass sie unschuldig sei. Aber für einen Großteil der Wähler dürfte es einen Unterschied machen, ob sie einer vorbestraften Kandidatin die Machtfülle französischer Präsidenten inklusive der Atombombe anvertrauen. Um die 50-Prozent-Hürde in der Stichwahlrunde zu überschreiten, braucht Le Pen mehr als ihre Kernwählerschaft. Frankreichs Wahlrecht ist mit dem der Vereinigten Staaten nicht zu vergleichen. Le Pens Trump-Strategie ist mit großen Risiken behaftet.Das Gericht ließ ihr die WahlDeshalb kommt es jetzt auf die nächste juristische Etappe an. Le Pen will nach eigenem Bekunden den Kassationshof anrufen. Dieser rollt den Fall nicht neu auf, sondern prüft, ob es zu Verfahrensfehlern gekommen ist. Solange der Kassationshof nicht entschieden hat, ist das Urteil des Berufungsgerichts nicht rechtskräftig.Auf diese juristische Schonfrist setzt Le Pen. Sie rechnet offensichtlich damit, dass kein Richter es wagen wird, ihr mitten in der heißen Wahlkampfphase nächstes Jahr eine elektronische Fußfessel zu verpassen. Aber nach Aussagen ihres Parteisprechers, des Abgeordneten Jean-Philippe Tanguy, würde sie im Notfall auch mit einer Fußfessel den Wahlkampf fortsetzen. Sollte sie in den Élysée-Palast gewählt werden, würde die Immunität greifen, die für die Dauer des Präsidentenmandats gilt.Die Richterinnen des Berufungsgerichts hatten Le Pen die Wahl gelassen. Obwohl sie in der Urteilsbegründung „die objektive Schwere“ der Veruntreuungen von EU-Geld hervorhoben, wandelten sie Le Pens erstinstanzliche Unwählbarkeitsstrafe in eine Bewährungsstrafe um. Damit kamen sie dem weitverbreiteten Rechtsverständnis entgegen, dass es nicht an der Justiz sei, in den demokratischen Wahlprozess einzugreifen.Nun ist es tatsächlich an den Wählern zu entscheiden, ob sie die Veruntreuung öffentlichen Geldes dulden wollen oder Le Pen sich politisch disqualifiziert hat. 2017 wog der Korruptionsverdacht, der auf dem rechtsbürgerlichen Kandidaten François Fillon lastete, so schwer, dass er sich nicht für den zweiten Wahlgang qualifizieren konnte. Erst Monate später wurde er von der Justiz der Veruntreuung öffentlichen Geldes für schuldig befunden.Viele Franzosen schämen sich für SarkozyVieles deutet darauf hin, dass die Franzosen weiterhin einen hohen Anspruch an ihre Politiker stellen, sie erwarten Redlichkeit. Die Pariser Solidaritätsveranstaltung für Le Pen nach ihrer erstinstanzlichen Verurteilung vor einem Jahr geriet zum Flop. Viele Franzosen schämen sich für den wiederholt verurteilten ehemaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Auch das lässt darauf schließen, dass die meisten nicht bereit sind, ihren gewählten Vertretern illegales Finanzgebaren zu verzeihen.Deshalb steht die Kampagne Le Pens, aller Wiedergeburtspropaganda zum Trotz, unter keinem guten Stern. Sie hat vor aller Augen vorgeführt, dass bei ihr das finanzielle Wohlergehen von Familienmitgliedern und Partei über der Gesetzestreue steht. Mit dem EU-Geld wurden ihre Schwester Yann, ihr damaliger Lebensgefährte, aber auch der Leibwächter, die Sekretärin und der Hausdiener ihres Vaters ausgehalten. Im Wahlkampf macht sich die Rechtspopulistin damit angreifbar.In ihrer Partei reißt Le Pen die Zügel nun an sich. Parteichef Jordan Bardella, der als Ersatzkandidat eine vorsichtige Öffnung zum marktwirtschaftlichen, proeuropäischen Kurs der bürgerlichen Rechten angebahnt hatte, muss ins zweite Glied zurücktreten.Le Pens Wahlprogramm wird sich von dem Bardellas unterscheiden. Die Siebenundfünfzigjährige lehnt ein Mitte-rechts-Bündnis ab, sie hält ihre Partei für „weder rechts noch links“. Sie wirbt mit einer Rückkehr zu einem Renteneintrittsalter von 62 Jahren und lehnt Einschnitte im Rentensystem zur Sanierung der Staatsfinanzen ab. Ihr Deutschlandbild ist von Vorurteilen und Feindseligkeit geprägt. Unter dem Druck der Wähler hat sie sich 2017 von einem Frexit, dem Ausstieg aus der EU, verabschiedet. Aber ihr erklärtes Ziel bleibt es, den Einfluss der EU zu beschneiden und den finanziellen Beitrag Frankreichs an die EU zu halbieren.Wer sich in der Schicksalswahl im nächsten Frühjahr durchsetzt, ist noch lange nicht entschieden. Le Pens Überraschung dürften weitere folgen.