Das führende französische Musikfestival in Aix-en-Provence startet mit Neuproduktionen von Mozarts «Zauberflöte» und der «Frau ohne Schatten» von Richard Strauss. Den stärksten Eindruck hinterlässt ein Debütant am Pult.Eleonore Büning, Aix-en-Provence08.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDie Kaiserin (Vida Miknevičiūtė) begegnet ihrem noch unerfüllten Ich – sie muss erst hinab in die Niederungen des Lebens, um Kinder gebären zu können: Szene aus «Die Frau ohne Schatten» von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal in Aix-en-Provence.Monika RittershausMozart und Strauss gehören zum Tafelsilber bei gleich zwei grossen Musikfestivals. In Salzburg sowieso. Aber auch in dessen südfranzösischem Pendant, in Aix-en-Provence, wo die Sonne im Juli erst gegen halb zehn Uhr untergeht und die Gründungsväter des Festival International d’Art Lyrique kurz nach dem letzten Weltkrieg ein neues Kapitel aufschlugen: im Innenhof des erzbischöflichen Palastes, Open Air, mit einer mediterran federleichten «Così fan tutte».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Diesmal wurde dort zur Eröffnung Mozarts «Zauberflöte» aufpoliert, von einem Filmregisseur, der jede Menge Kinder auf die Bühne schickte. Sie tanzten und sprangen und liessen sich von der Königin der Nacht Märchen erzählen. Zwei von ihnen klappten auch stumm den Mund auf und zu, wenn die grossen Leute sangen, von Liebe und von Götterbildern. Eine seltsame Verfremdungsmasche, an die man sich vielleicht hätte gewöhnen können. Aber dabei blieb es nicht.Wenn die grossen Leute von Liebe und von Götterbildern singen: Szene aus der neuen «Zauberflöte» in Aix.Jean-Louis FernandezWeibliche Hysterie à la FreudAm zweiten Tag feierte dann «Die Frau ohne Schatten» Premiere, darin sind es ungeborene Kinder, die, ob gewollt oder ungewollt, buchstäblich zum Objekt der Begierde werden und als Fische in der Pfanne brutzeln, während sie aus dem Off zarte Klagelieder singen. Auch in dieser Neuinszenierung, die von Barrie Kosky in ungewöhnlich mätzchenfreie Bilder gegossen wurde, sprangen und tanzten wieder Dutzende von Statistenkindern herum, teilweise mit langen Affenschwänzen.Merke: Kinder auf der Bühne – das geht immer, auch wenn es sich um ein Märchen für Erwachsene handeln sollte. Hugo von Hofmannsthal, der das Libretto zu dem verrückten Stück verfasste, in dem eine Leihmutterschaft ausgehandelt werden soll zwischen Menschenvolk und Geisterreich, berichtet vom ersten Gespräch mit Strauss über Stoff und Entwurf: «Das Musikalische des Prüfungs- und Läuterungsmotives, die Verwandtschaft mit dem Grundmotiv der ‹Zauberflöte› fiel uns beiden auf.»Letztlich geht es aber um weibliche Hysterie à la Freud und entsprechend frauenfeindliche Sprüche. Die Kaiserin ist eigentlich ein Feenwesen, sie wirft keinen Schatten. Deshalb kann sie mit ihrem Menschenkaiser keine Kinder kriegen. Ihr Vater, der Geisterfürst, schickt einen Boten, der hoch oben vom Rang herunter das Ultimatum verkündet: Wenn sie nicht endlich schwanger werde innert drei Tagen, dann werde ihr über alles geliebter Gatte «versteinen» und sie müsse nach Haus, zu Papa. Woraufhin der Kaiser, ein einmalig beweglicher und kraftvoller Spinto-Tenor (Michael Spyres), aber leider in dieser Rolle auch der totale Trottel, erst einmal ahnungslos drei Tage lang auf Gazellenjagd geht.Die kluge Kaiserin indes, eine gleissend helle, kühl strahlende Sopranistin (Vida Miknevičiūtė), begibt sich in Begleitung ihrer durchaus bösartigen und verlogenen Amme (scharf und dunkel: Nina Stemme) auf Recherche in die Niederungen menschlicher Armut, um dort einer zickigen Färbersfrau (volltönend wuchtig: Ambur Braid) deren «Schatten» abzuhandeln. Der Färbersmann (der Bariton Brian Mulligan) ist auch nicht unbedingt die hellste Kerze auf der Torte. Hat aber ein schönes Timbre und sicher auch ein gutes Herz. Jedenfalls: Eine bessere Sängerbesetzung als die genannte lässt sich für die überbordende Wahnsinnspartitur der «Frau ohne Schatten» zurzeit kaum casten. Allein das ist festspielwürdig. Hinzu kommt das Wunder Mäkelä.Zeitlos schönKlaus Mäkelä, meistherumgereichter Überflieger aus der finnischen Dirigentenschule Jorma Panulas, ist gerade dreissig – und schon auf dem Sprung, demnächst zwei weitere grosse Konzertorchester zu übernehmen, in Amsterdam und in Chicago. Als amtierender Chefdirigent des Orchestre de Paris hat er sich bislang bewährt im sinfonischen und bei zeitgenössischem Repertoire, hat auch in Aix schon damit gastiert. Jetzt gibt er ausgerechnet hier mit der «Frau ohne Schatten» sein Debüt als Operndirigent.Und lässt alsbald sein Orchester aufblühen zu rauschend-klarer Klangrede, in dynamisch sich entwickelnden, grossen Bögen und mit langem Atem. Singt selbst stumm mit. Zeitlos schön verströmen sich die Soli der Streicher und Bläser, in der Oboe schreit der geheimnisvolle Falke, es raunen die Kontrabässe. Sicher und textverständlich agieren durchwegs die Sängersolisten, überwältigend punktgenau in den Dialogen, wuchtig prangend in den Ensembles: Es ist, als hätte Mäkelä nie etwas anderes dirigiert als dieses unmögliche Stück.Koskys Inszenierung, wie gesagt, stört nicht weiter dabei. Die Bühne, gestaltet von Michael Levine, bleibt im Wesentlichen leer und dient im Geisterreich als rabenschwarzer, fast requisitenfreier Schauplatz einem auf die Personenführung konzentrierten Licht- und Kammerspiel. Im Reich der Menschen jedoch dreht sich nervös und geräuschlos ein mit Färberwirtschaftsplunder aller Art vollgestopfter Wohnturm, der zum Zaubergaudi der Amme etliche Geheimfächer und doppelte Böden bereithält: als Versteck für den Phantomas-artigen Tänzer und Glitzerverführer, der den Frauen grob an die bunte Wäsche geht.Ein mit Plunder aller Art vollgestopfter Wohnturm ist das Reich von Färberin und Färber.Monika RittershausAlbtraumbilder wie von Dalí: Die verlogene Amme (Nina Stemme) wird von ihrer eigenen Bösartigkeit eingeholt.Monika RittershausAls Kontrapunkt dazu gibt es zwei, drei Albtraumbilder, wie von Dalí entlehnt, kitschverdächtig, mit überdimensionalem Kinderspielzeug. Da reitet der Kaiser, das grosse Kind, auf einem Wiege-Messer-Schaukelpferd seine Gazellen zu Tode. Er versteinert auch nicht, sondern verkopft, zu einem Riesenpuppenschädel mit Beinen, der pfundweise Lametta weint aus toten Augen.Da reitet der Kaiser (Michael Spyres) auf einem Wiege-Messer-Schaukelpferd seine Gazellen zu Tode.Monika RittershausErst zu dem nicht enden wollenden Finale hin, wenn Männlein und Weiblein wundersamerweise bereuen und sich vertragen, zur Freude der Ungeborenen, fällt Kosky nichts mehr ein. Er räumt buchstäblich das Feld. Schickt aber, weil Kinder nun einmal sein müssen, kurz vor Schluss noch rasch für Kaiser und Kaiserin, Färberin und Färber je einen kindlichen Doppelgänger hinaus auf die Bühne. Die sind allesamt niedlich und haben nichts zu tun. Ausser sich beim Applaus, der ebenfalls nicht enden will, mitzuverbeugen.Hebamme und AuftragsmörderinAm dritten Tag in Aix wird gleich zu Beginn der Premiere, als die ersten fein ziselierten Geräuschmusiken aus dem Orchestergraben des historischen Théâtre du Jeu de Paume aufsteigen, vorne an der Rampe ein Kindlein geboren und ein Wiegenlied gesungen. Das hat nichts mit Weihnachten zu tun. Und es steht auch nichts davon im Libretto, das sich der Komponist Francesco Filidei für diese Auftragsoper selbst zurechtgeschnitzt hat, nach dem Bestsellerroman «Accabadora» von Michela Murgia. Und doch hat es seine Richtigkeit.Denn beide, Murgia und Filidei, haben Vorfahren, die aus Sardinien kommen, wo «accabadora» der sardische Name ist für Frauen, die in den Bergdörfern beim Leben und Sterben nachhelfen. Eine Accabadora ist Hebamme und Auftragsmörderin zugleich, verachtet und gefürchtet. Wenn sie bestellt wird zu einem moribunden Kranken, entfernt sie die Heiligenbilder aus dem Zimmer und erstickt den «Kunden» mit einem Kissen.Das kommt brutalerweise einige Male vor in diesem kurzen Einakter, was zu der filigranen Dichte der Komposition und der heimeligen Folklore der Erzählgestik in schönstem Widerspruch steht. Anders als in seiner erfolgreichen Literaturveroperung «Il nome della rosa» nach Umberto Eco hat Filidei sein neuestes Werk kammermusikalisch klein besetzt. Er entwarf eine eigenartig triste, schlicht-idyllische Klangsprache dafür, die sowohl sardische Volksmusik integriert als auch den minimalistisch kleinteiligen Parlando-Tonfall seines Lehrers Salvatore Sciarrino weiterentwickelt. Die Akteure sind vor allem darstellerisch gefordert: die alte Accabadora (Noa Frenkel) und ihre Adoptivtochter Marie (Rachel Masclet), die ihre Nachfolgerin wird. Ein Wiegenlied ertönt. So schliesst sich ein Kreis.Diese Uraufführung war noch aufgegleist worden von Pierre Audi, dem vor einem Jahr verstorbenen Intendanten. Wie überhaupt alle Produktionen dieser Saison. Sein Nachfolger schrieb nur ein Grusswort. Und entschied, als vierte Produktion heuer noch einmal Mozarts Requiem zu zeigen, in der spektakulären Inszenierung Romeo Castelluccis von 2019, die auch am Theater Basel zu sehen war. Denn es ist die am häufigsten nachgespielte Arbeit der Ära Audi.Alle sind sterblich: Szene aus Romeo Castelluccis szenischer Version des Mozart-Requiems.Monika RittershausIn der Reprise jetzt taucht Audis Name auf, als letzte Eintragung im «Atlas des Ausgestorbenen». Was bleibt, ist die Erinnerung, sind zahllose Arte-Aufzeichnungen. Schnell vergessen sollte man dagegen die besagte «Zauberflöte» in der Regie von Clément Cogitore, der sich zu viel gedacht und zu wenig zugehört hat. Filmkinder doubeln Tamino und Pamina. Im Lauf des Abends wachsen die lieben Kleinen zu Erwachsenen heran, unter unsicherem Dirigat. Bereits zur Ouvertüre sieht man sie aus den Trümmern zerbombter Häuser krabbeln und in Decken gewickelt in Erdlöchern schlafen oder spielen, zwischen Schutt und Asche.Zwischen Schutt und Asche: Die Inszenierung der «Zauberflöte» von Clément Cogitore spielt in einer düsteren Welt.Jean-Louis FernandezPassend zum Artikel