Vorfreude war spürbar, als das locker gewandete Publikum an diesem Juli-Abend in das gekühlte Grand Théatre de Provence hinabstieg. Aber wer hätte gedacht, dass die hochdramatische Richard-Strauss-Oper „Die Frau ohne Schatten“ aus dem Jahr 1919 solche Begeisterungsstürme entfesseln würde? Das Niveau der Aufführung sei „stratosphérique“, extrem herausragend, hieß es noch am Frühstückstisch am nächsten Morgen.Zu diesem Höhenflug trug entscheidend das Orchestre de Paris bei, das beim Festival in Aix schon mehrere markante Auftritte hatte: 2018 spielte es die „Ariadne auf Naxos“ von Strauss, dirigiert von Marc Albrecht; 2022, geleitet von Ingo Metzmacher, eine leuchtende „Salome“ desselben Komponisten. Verglichen mit den beiden früheren Geniestreichen, stellt „Die Frau ohne Schatten“ schon in ihren Dimensionen eine Art Viertausender dar, den es für die Aufführenden zu erklimmen gilt, ein Monument, das lange vor sich wuchs, zunächst wegen unendlicher Skrupel des Textdichters Hugo von Hofmannsthal, dann auch wegen der Schrecken des Ersten Weltkriegs. Musikalisch gleicht das Werk bei näherer Betrachtung einer ganzen Kette symphonischer Gipfel. Als man jetzt dabei sein durfte, wie das Orchestre de Paris unter Leitung seines jederzeit zuversichtlichen Chefdirigenten Klaus Mäkelä diese Höhen in geradezu schwelgerischem Aufschwung eroberte, konnte das Erlebnis süchtig machen. Mäkelä orientiert sich an der vom Komponisten autorisierten Strichfassung von Karl Böhm.Eine Initiative von Pierre AudiFür die fünf Hauptpartien wurden Sängerinnen und Sänger gewonnen, die in dieser Qualität und Konstellation derzeit schwer zu übertreffen sein dürften: Michael Spyres als Kaiser, Vida Miknevičiūtė als Kaiserin, Brian Mulligan als Färber Barak, Ambur Braid als Färberin und Nina Stemme als mephistophelische Amme. Auch die zahlreichen Nebenfiguren sind ausgezeichnet besetzt. Die Vorstellung vom 9. Juli wird bei Arte Concert zu sehen sein.Pierre Audi, der vorige, 2025 verstorbene Intendant des Festival de musique et d’art lyrique, dachte gerne groß. Er initiierte im Sommer 2024 nicht nur die Aufführung von zwei Gluck-Opern an einem Abend, sondern jetzt auch die „Frau ohne Schatten“ und Mozarts „Zauberflöte“ in einer Saison, quasi nebeneinander. Es gibt vielerlei stoffliche Bezüge zwischen den Operntexten; in beiden sind ein hohes und ein niederes Paar auf einem prüfungsreichen Weg der Erkenntnis durch Liebe und Selbstüberwindung. Das Verhältnis der Kaiserin zu ihrem Vater, dem unheimlichen Geisterkönig Keikobad, verweist auf jenes der Pamina zur „sternflammenden“ Königin der Nacht. Die beiden jungen Frauen stehen wie unter einem Fluch des unbarmherzigen Elternteils.Die Ansprüche der hochsymbolischen Fabel an die Regie sind beträchtlich. Der gewiefte Opernregisseur Barrie Kosky ließ durchblicken, dass er es sich zweimal überlegt habe, den Inszenierungsauftrag anzunehmen. Pierre Audi habe ihm gesagt: „Manchmal muss man schwierige Stücke akzeptieren.“ Umso schöner, dass Kosky nun mit dem ihm eigenen zupackenden Schwung eine unterhaltsame, durchdachte Inszenierung auf die Bühne gebracht hat. Dabei hilft ihm das Bühnenbild von Michael Singer. In einem abstrakten schwarzen Raum sitzt die hintergründige, auf Böses sinnende Amme in einem Schaukelstuhl und strahlt lässige Autorität aus. Ganz anders die Kaiserin: Sie kauert sich migränekrank auf denselben Schaukelstuhl, bis in ihr der Entschluss reift, sich in die Menschenwelt hinab zu begeben. Der Kaiser schaukelt auch, aber auf einem Stubenpferdchen, eingehüllt in einen standesgemäß prachtvollen Morgenmantel (die Kostüme hat Victoria Behr entworfen); er hat eine Schwäche für die Morgengarderobe, wie die folgenden Akte zeigen werden.Die Emotionen wirken sehr heutigAuf den Wogen eines genießerischen orchestralen Zwischenspiels — nicht nur Mozart, auch Wagners „Ring des Nibelungen“ klingt bei Strauss nach — reisen Amme und Kaiserin zur Wohn-Werkstatt des Färber-Ehepaars. Hier hofft die Kaiserin den menschlichen Schatten zu erjagen, der ihr fehlt.Ein prekärer dreistöckiger Turm aus einem Gewirr von Röhren und Stangen ist übersät mit Lappen, Lumpen und Bottichen mit obskuren Flüssigkeiten. Das harte, schmutzige Leben bedeutet für die Färbersleute puren Stress. Vor allem die Frau verabscheut ihr Dasein. Sie verletzt den gutmütigen Barak, der sich eine Familie wünscht, mit Worten, obwohl sie ihn doch liebt. Die Emotionen wirken sehr heutig. Beide Darsteller, Brian Mulligan als langhaariger Barak und die überströmende Ambur Braid als Färberin, geben sich ganz der Gestaltung ihrer Rollen hin. Dadurch bekommt auch der musikalische Ausdruck eine besondere Eindringlichkeit zwischen Verzweiflung und Versöhnung.Kosky inszeniert genau, wie fasziniert die elegante Kaiserin die irdische Frau anstarrt, wie neugierig sie die Sachen des ärmlichen Haushalts anfasst und Barak und seine Frau beobachtet; man sieht geradezu, wie es in ihr arbeitet. Die Amme treibt ihr subversives Zauberspiel weiter, und Nina Stemmes Augen glitzern vor Schalk. In starkem Kontrast dazu ertönt der Wächtergesang des Chors aus dem Orchestergraben; sehnsuchtsvoller Hörnerklang, hohe Geigen und ein seltsam schwülstiger Text Hofmannsthals: „Ihr Gatten, die ihr liebend euch in Armen liegt, ihr seid die Brücke, überm Abgrund ausgespannt.“Der dritte Akt spielt in einem gleißenden Raum. In der klaustrophobischen Atmosphäre, den Tod vor Augen, erblüht das Liebesduett der Färbersleute („Mir anvertraut“) mit charakteristischer Wärme. Störend ist leider der riesige Puppenkopf, der das Kaiserpaar bedroht, irritiert: Er ist eine zu offensichtliche Kopie des gigantischen Totenschädels aus der brillanten „Turandot“, die Kosky und Singer vor vier Jahren in Amsterdam einrichteten.Wenn man sich vom neuen Intendanten Ted Huffman etwas wünschen dürfte: Wieder ein Werk aus dem Bereich der Barockoper, die in dieser Saison schmerzhaft fehlte. Und endlich ein Musiktheaterstück von Darius Milhaud, der hier in Aix um 1900 seine glückliche Kindheit verbrachte.