Eine Bürgermeisterin bekommt ein Kind – und Japan streitet über ihre AuszeitZum ersten Mal nimmt eine leitende Gemeindepolitikerin Mutterschaftsurlaub. Shoko Kawata hat damit eine nationale Debatte ausgelöst.Martin Kölling, Tokio08.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenBürgermeisterin Shoko Kawata wird im November 2023 von ihren Mitarbeitern zum Amtsantritt begrüsst.Kyodo News / ImagoShoko Kawata ist 35 Jahre alt und hat in ihrer noch jungen politischen Karriere bereits zweimal national Schlagzeilen in Japan gemacht. 2023 wurde sie in der Stadt Yawata zur jüngsten Bürgermeisterin des Landes gewählt. Jetzt nimmt sie sich als erste Bürgermeisterin des Landes Mutterschaftsurlaub – und löste damit eine Kontroverse in einem Land aus, in dem die Mehrheit der Männer keinen Vaterschaftsurlaub nimmt. Dabei fing alles mit einer einfachen Botschaft an.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sie kündigte an, dass sie ab Ende Juli Mutterschaftsurlaub beziehen wolle, sechs Wochen vor der geplanten Geburt und acht Wochen danach. Ihr Stellvertreter soll die Geschäfte führen. Es sei auch eine Botschaft an die Wählerschaft, dass «die Generation der Kindererziehenden nicht aus der Politik ausgeschlossen wird», erklärte sie. Kurze Zeit später resümierte sie überrascht: «Die Resonanz darauf war grösser, als ich erwartet hatte.»Hunderte Anrufe und E-Mails gingen in der Stadtregierung ein, mit Lob und harscher Kritik. Einige Bürgerinnen und Bürger schickten ihr sogar Babysachen. Auch im Internet und in den Medien wurden Argumente für und gegen Kawatas Schritt ausgetauscht, oft entlang politischer Überzeugungen.Zwischen konservativer Kritik und RollenbildAufmerksamkeit erregte ein Kommentar des früheren Stabschefs der japanischen Luftwaffe, Toshio Tamogami, der als Sprachrohr der Erzkonservativen gilt. «Als Angehöriger der älteren Generation empfinde ich es als sehr befremdlich, dass eine Person im öffentlichen Dienst eine so lange Auszeit nimmt», kritisierte der ehemalige Militär auf der Nachrichtenplattform X den Entscheid.Damit sprach er vielen konservativeren Japanern aus der Seele, die von ihren Gemeindepolitikern Einsatz erwarten, keine Pausen. Andere kritisierten, dass sie im Gegensatz zu normalen Arbeitnehmerinnen im Mutterschutz ihr volles Monatsgehalt in Höhe von 850 000 Yen sowie eine ungekürzte Prämie von 3 Millionen Yen beziehen würde.Nicht weniger lautstark war die Unterstützung. Eine Userin auf X bezeichnete Kawatas Entscheidung in einem Kommentar als «historischen Schritt, der die Frauenrechte und das Arbeitsumfeld verbessert». Für Kimiyo Ogawa, Professorin an der Sophia-Universität und Expertin für Gleichstellungsfragen, hat der Fall «die männlich dominierte Politik sichtbar gemacht».«Die Resonanz war grösser, als ich erwartet hatte» – Bürgermeisterin Kawata zu ihrem Entscheid, Mutterschaftsurlaub zu beziehen.Kyodo News / ImagoOgawa bezieht sich dabei auf den niedrigen Anteil von Frauen in der Politik und in den Führungsetagen von Unternehmen. Mit einem Anteil von etwas mehr als 10 Prozent weiblicher Abgeordneter belegte Japan im Global Gender Gap Index 2025 nur den 118. Platz unter 148 beurteilten Ländern. In lokalen Parlamenten haben Frauen unter 40 Jahren nur 1,2 Prozent der Sitze inne.Statistisch gesehen hat es in den letzten fünfzehn Jahren aber signifikante Veränderungen gegeben. Laut der Weltbank ist der Anteil erwerbstätiger Frauen an den Arbeitskräften im Jahr 2025 auf 45,4 Prozent gestiegen und liegt damit nur noch knapp hinter der Schweiz (47,2 Prozent) oder Deutschland (46,5 Prozent).Auch die Kinderbetreuung hat sich verbessert. Krippen und Kindergärten haben von frühmorgens bis in die Abendstunden geöffnet, damit beide Elternteile berufstätig sein können. Die Zahl der Kinder auf Wartelisten für einen Betreuungsplatz sank zwischen 2017 und 2025 von 26 081 auf 2254. Dennoch gilt weiterhin: Frauen sind weit mehr als Männer in die Pflege der Eltern sowie die Betreuung des Nachwuchses eingebunden.Sicher hat sich auch hier viel getan. Die Lokalzeitung der Stadt Yawata urteilte nach der Ankündigung ihrer Bürgermeisterin: «Die Einstellung ‹Wenn ein Kind geboren wird, nimmt man sich frei› entwickelt sich zunehmend zu einer allgemeinen gesellschaftlichen Wertvorstellung.»In den letzten fünf Jahren hat sich der Anteil der Väter, die Elternzeit in Anspruch nehmen, auf knapp über 40 Prozent verdoppelt. Die Regierung peilt 85 Prozent bis 2030 an. Doch noch immer nehmen viele Männer nicht einmal zwei Wochen frei.Systemische WiderständeAls Bremse gelten dabei tradierte Vorstellungen am Arbeitsplatz, aber auch finanzielle Gründe. Die Arbeitslosenversicherung zahlt für die ersten 180 Tage nach der Geburt 67 Prozent des Grundgehalts. Dieser Wert steigt auf 80 Prozent, wenn auch der Partner Elternzeit in Anspruch nimmt. Da diese Zahlungen steuerfrei sind, entspricht dies in etwa dem Nettogrundlohn.Die Rechnung hat allerdings zwei Haken. Zum einen ist die Entschädigung auf umgerechnet 2400 Franken begrenzt, was dem 1,3-Fachen des durchschnittlichen Grundgehalts entspricht. Wer mehr verdient, muss daher höhere Einbussen hinnehmen. Zum anderen werden die üblichen Bonuszahlungen, die oft zwei bis sechs Monate des Grundgehalts ausmachen, nicht berücksichtigt.In Kawatas Fall kommt hinzu, dass sie rechtlich in eine Grauzone fällt. Während Mutterschutz und Elternzeit für Abgeordnete des japanischen Parlaments in den vergangenen Jahren geregelt wurden, sind Bürgermeister und Bürgermeisterinnen als «Beamte mit Sonderaufgaben» nicht in der Arbeitslosenversicherung versichert. Daher haben sie keinen Anspruch auf Erziehungsgeld.Bürgermeisterin Kawata will als werdende Mutter nun ein Beispiel setzen. Keine Frau soll mehr durch rechtliche Lücken fallen. «Systeme lassen sich ändern, Menschen nicht», lautet ihre Devise.Passend zum Artikel
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